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HR-Hörfunkchef Sommer : Weichen für die Zukunft stellen

Der Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks, Heinz-Dieter Sommer. Bild: HR/Katrin Denkewitz

Der Umbau von hr2-kultur wirft viele Fragen auf. Kein Wortprogramm mehr im Radio, nur noch im Netz? Der Hörfunkdirektor benennt Im F.A.Z.-Interview Prioritäten.

          Sie haben vor, das Programm von hr2-kultur zu reformieren. Was bisher bekannt ist, erfüllt viele mit Sorge. hr2-kultur soll eine „Klassik-Welle“ werden. Machen Sie aus einem kulturellen Vollprogramm eine Abspielstation?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Nein. Der Begriff ist ein Arbeitsbegriff, der die musikalische Ausrichtung bezeichnet, im Gegensatz zum jetzigen, sehr weit gefassten Musikprofil von hr2. Im Übrigen: Es geht um eine Konsequenz aus strategischen Entscheidungen, die nicht allein das Radio, sondern den ganzen hr betreffen. Insofern ist es keine Reform von hr2, sondern eine Anpassung aufgrund neuer Prioritäten. Prioritäten, die wir wie alle Medienhäuser – auch die F.A.Z. – neu definieren müssen, da der Medienwandel so rasant verläuft.

          Was wird aus den Sendungen, die das Programm von hr2-kultur prägen? Aus dem „Kulturfrühstück“ mit der „Frühkritik“, aus der „Lesung“, aus der Diskussion in „Doppelkopf“, dem „Kulturcafé“ und „Der Tag“, was aus der „Hörbar“, was geschieht mit den verschiedenen Musikfarben wie dem Jazz?

          Wir haben immer wieder betont, dass Detailfragen überhaupt erst erarbeitet werden müssen, aber ich kann das gerne noch einmal wiederholen: Über einzelne Sendungen ist überhaupt noch nicht gesprochen worden, auch wenn von vielen Kritikern unterstellt wird, dass Entscheidungen gefallen seien. Das stimmt einfach nicht. Ich gehe zum Beispiel davon aus, dass der Jazz weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird, so wie ja auch beim Europa Open Air die hr-Bigband und das hr-Sinfonieorchester gemeinsam vor das Publikum treten.

          Es heißt, Sie wollten ein jüngeres Publikum erreichen und das ginge nur über das Internet. Sehen Sie das wirklich als Streit zwischen Jung und Alt? Warum spielen Sie die Generationen gegeneinander aus? In der „Frankfurter Rundschau“ haben Sie gesagt, eher als die älteren würden die jüngeren Hörer vom hr „diskriminiert“. Wieso muss eine Programmreform etwas mit Diskriminierung zu tun haben?

          Das frage ich mich auch! Ich habe diese Debatte so nicht aufgemacht. Sie wissen ganz genau, dass ich lediglich auf die Frage reagiert habe, ob unsere Pläne nicht eine Diskriminierung älterer Hörerinnen und Hörer seien. Wir reagieren auf den Medienwandel. Wir müssen auf ihn reagieren, so wie die Gesellschaft als Ganzes herausgefordert ist, in der Schule, den Universitäten, den Behörden und Kulturinstitutionen. Jüngere Menschen gehen einfach anders mit medialen Angeboten um. Wir können nicht mehr erwarten, dass die Menschen dahin gehen, wo wir bisher waren, sondern wir müssen dahin, wo die Nutzerinnen und Nutzer sind. Und das ist nun einmal das Netz. Und wenn wir schauen, wen wir mit unseren bisherigen Angeboten mit welchem Ressourceneinsatz erreichen, dann kann man die Tatsache nicht ignorieren, dass Angebote für jüngere Menschen weitaus weniger im Fokus stehen als ältere Formate.

          Ein weiteres Argument ist, Sie könnten aus finanziellen Gründen nicht „draufsatteln“. Das verlangt ja auch niemand. Was im linearen Radio läuft, lässt sich leicht in abrufbares Programm umwandeln. Sparen können Sie nur, wenn Sie Sendungen streichen.

          Ihre Voraussetzung stimmt nicht: Was im linearen Radio läuft, lässt sich eben nicht leicht in gute digitale Angebote verwandeln. Es gibt im medialen Internet nur sehr wenige Beispiele, wo das gelungen wäre – vielmehr funktionieren erfolgreiche Digitalprodukte nach grundsätzlich anderen Gesetzmäßigkeiten als lineares Programm. Lineares Programm einfach ins Netz zu stellen ist keine Digitalstrategie. Wer junges Publikum auf neuen Plattformen ansprechen will, muss deshalb innovativ sein und substantiell investieren. Und diese Ressourcen müssen irgendwo herkommen, wir bekommen keinen einzigen zusätzlichen Euro dafür.

          Der Hessische Rundfunk rechnet in diesem Jahr mit Ausgaben von 604 Millionen Euro bei Einnahmen von 511 Millionen Euro. Das macht ein Minus, genannt „Fehlbetrag“, von 93 Millionen. Und das dürfte nicht mit dem Programm, sondern vor allem mit Pensionslasten zu tun haben.

          Diese Fragen haben mit den gegenwärtigen strategischen Überlegungen überhaupt nichts zu tun.

          Von der Reform, wie sie hr2-kultur trifft, heißt es, sie sei unumkehrbar. Das ist, blickt man darauf, dass die Details noch nicht ausgearbeitet sind, erstaunlich. Einen „Plan B“ soll es nicht geben. Beeindruckt Sie die Kritik, die es mit Blick auf die Zukunft von hr2-kultur gibt, gar nicht? Sie zeugt doch, in dieser Zeitung und in einer Online-Petition zum Erhalt des Programms, davon, dass Hörerinnen und Hörern, Kulturschaffenden und auch der Politik hr2-kultur als kulturelles Radiovollprogramm etwas bedeutet.

          Die strategische Ausrichtung ist eine Grundsatzfrage, die in einem langen Prozess erarbeitet worden ist. Die Reaktionen nehmen wir natürlich ernst. Sie sind zunächst einmal auch ein Kompliment an das gegenwärtige Team von hr2. Aber wir haben auch die Verpflichtung, jetzt die Weichen für die Zukunft zu stellen. Wir wollen auch in Zukunft unserem Auftrag gerecht werden und mit unseren Inhalten weiterhin möglichst viele Menschen erreichen – nicht nur die tradierten Zielgruppen. Alles andere wäre fahrlässig. Da kann ich immer wieder nur den Satz von Tomasi di Lampedusa aus seinem berühmten Roman „Der Leopard“ zitieren, der mein berufliches Leben begleitet hat: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es notwendig, dass sich alles verändert!“

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