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Hoyzer bei Ulrich Wickert : Gauner muss man Gauner nennen

Hoyzer, bevor er wegen Manipulation vom Platz gestellt wurde Bild: AP

Robert Hoyzer trägt heute Bart. Weitere Erkenntnisse über den früheren Schiedsrichter konnte Ulrich Wickert nicht liefern. An der Analyse, ob Hoyzers Fall typisch für unsere Gesellschaft ist, versuchte sich der Maischberger-Vertreter in seiner Runde zum Thema „Korruption“ nicht. Von Jörg Thomann.

          Nach der nunmehr fünften „Maischberger“-Sendung ohne Sandra Maischberger drängt sich die Frage auf, ob sich die prominenten Aushilfsmoderatoren ihre Themen wohl selbst aussuchen dürfen. Oder sollte es Zufall gewesen sein, dass der altgediente Politjournalist Friedrich Nowottny über Politikverdrossenheit palavern, dass der eloquente Wolf von Lojewski über die Gefährdung der deutschen Sprache reden durfte? Einzig die Pflegenotstands-Runde des vergleichsweise jugendlichen Jörg Kachelmann wirkte wie ein Ausrutscher.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am wenigsten originell aber war die Verbindung zwischen Thema und Gastgeber, als am Dienstagabend Ulrich Wickert das Wort ergriff. Den einstigen „Tagesthemen“-Moderator kennt man nicht nur als Bücher- und Rotweinfreund, sondern als Verfasser verschiedenster Werke, die sich der Moral widmen oder dem, was in unserer modernen Gesellschaft von ihr übriggeblieben ist. „Der Ehrliche ist der Dumme“, heißt Wickerts bekanntestes Buch, „Gauner muss man Gauner nennen. Von der Sehnsucht nach verlässlichen Werten“ sein neuestes, und genauso hätte gestern auch die Maischberger-Runde heißen können. Wenigstens eine kleine Variation hatte sich die Redaktion dann doch gestattet: „Von Schmiergeld bis Schwarzarbeit: Volkssport Betrug?“ lautete das Thema.

          Pfeifen will Hoyzer nicht mehr

          Der schillerndste Gast war einer, der sowohl im Sport als auch im Betrug über ausgewiesene Fachkompetenz verfügt: der frühere Schiedsrichter Robert Hoyzer, der bekannteste Parteiische Deutschlands. Seit seinem vielbeachteten Talkshow-Auftritt bei Kerner sind mehr als zwei Jahre vergangen; dazwischen lagen eine Verurteilung zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft ohne Bewährung wegen Beihilfe zum Betrug und vor zwei Wochen ein „Vanity Fair“-Artikel, mit dem Hoyzer seine Rückkehr ins Medienlicht einläutete. Seine Strafe hat er noch immer nicht angetreten, würde es gern aber rasch tun, da die Wartezeit für ihn ein „beträchtliches Maß an Einschränkung im normalen Leben“ bedeute.

          Jetzt steht der einstige Schiri selbst im Abseits

          Robert Hoyzer trägt heute Bart. Weitere Erkenntnisse über seine Person konnte die Sendung leider nicht liefern. Hoyzer zeigte sich als adretter, höflicher, nicht allzu interessanter junger Mann, der brav Wickerts Beckmann-Fragen beantwortete: Wie war das nochmal, als man ihn dazu anwarb, Fußballspiele zu verschieben? Hat ihm die Untersuchungshaft ein Gefühl dafür gegeben, was ihn im Gefängnis erwartet? Wird er sich der dortigen Fußballmannschaft anschließen? Letzteres kann sich Hoyzer vorstellen, pfeifen will er aber nicht mehr.

          An der Analyse, ob Hoyzers Irrweg prototypisch für eine von Egoismus und Aufstiegswahn durchtriebene Gesellschaft ist, versuchte sich Wickert nicht. Die verbleibende Stunde der Sendezeit saß Hoyzer im Abseits, während sich die anderen Gäste anderen Themen zuwandten.

          Bei der Bestechung eifrig mitgemischt

          Zum Beispiel der Frage, ob deutsche Unternehmen auf dem Weltmarkt eine Chance haben, wenn sie sich nicht den jeweiligen Landessitten anpassen, präziser: bestechen. Rudolf Vogel hat hier, als er im internationalen Kraftwerkgeschäft für Siemens tätig war, jahrelang eifrig mitgemischt. Bei Wickert gab er den lächelnden Anwalt der Korruption, die er mit jenem Begriff freilich „viel zu pauschaliert definiert“ sah. Die Beamtenbesuche mit dem Geldkoffer, mit denen Vogel für Siemens Auslandsaufträge erkaufte, nannte er „Vorsorgemaßnahmen, um die Auftragsplanung ordnungsgemäß erfüllen zu können“. Bürokratischer kann man Bestechung nicht umschreiben.

          Behilflich waren dem Siemens-Manager dabei dubiose Vermittler, deren „Vergütung“, wie Vogel noch heute glaubt, „in angemessenem Rahmen“ lag. Der wirtschaftliche Laie würde solche Gauner Gauner nennen; Vogel spricht von „Beratern“. Strafbar waren seine Aktionen zur damaligen Zeit nicht.

          Moral und gesunden Menschenverstand vertraten neben dem Moderator der Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner und der Journalist Hans Leyendecker. Sie hatten mit jedem ihrer Sätze recht, wussten dies und ließen die anderen das auch spüren. Auch den Volkswirtschaftler Friedrich Schneider, der in einem Buch die gesellschaftliche Anerkennung der Schwarzarbeit fordert, die er lieber als Schattenwirtschaft bezeichnet sehen möchte. Mit Sätzen wie „Ein Auto reparieren ist etwas Positives“ dürfte Schneider den Schwarzarbeitern und denen, die ihre Dienste in Anspruch nehmen, aus der Seele sprechen.

          Im Fernsehen gelten eigenen Gesetze

          Einzige Frau in der Runde war die gebürtige Polin Bogumila Gordziej, die jahrelang polnische Frauen als Pflegekräfte nach Deutschland holte und glaubte, damit etwas gutes zu tun - bis ihr wegen Einschleusung der Prozess gemacht wurde. Die Ermittler hatten zuvor ihr Telefon überwacht - bei einem Korruptionsverdacht wäre dieses Mittel, wie der Staatsanwalt beklagte, nicht zulässig gewesen.

          Bei einer Debatte sollten allein inhaltliche Kriterien zählen, im Fernsehen gelten jedoch eigene Gesetze - zum Beispiel jenes, dass, wer wie Schaupensteiner als strenger Ankläger und Moralapostel auftritt, wenig Sympathiepunkte sammeln kann. Vogel hingegen gab seine Ungeheuerlichkeiten gelassen und freundlich von sich, zeigte keinerlei Unrechtsbewusstsein und pries die Amerikaner, die bei der Bestechung viel subtiler vorgingen: Sie böten ihren Geschäftspartnern eine Greencard und ein Stipendium für die Tochter an, was ein viel besseres Argument sei als ein Koffer mit einer halben Million Euro. Auf Wickerts Frage, ob man an so einer Summe schwer zu schleppen habe, entgegnete Vogel verschmitzt, es sei eine „viel kleinere Tasche, als die meisten Leute denken“.

          Robert Hoyzer, dem seine falschen Pfiffe ein paar zehntausend Euro einbrachten, muss ins Gefängnis. Bogumila Gordziej bekam eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Rudolf Vogel verlor zwar seinen Job, einigte sich dann aber mit Siemens auf einen Vergleich, wurde niemals angeklagt und lebt heute in der Karibik. Wer will, kann aus diesen Geschichten eine Moral ziehen; eine erfreuliche wäre es sicher nicht.

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