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Hotelgeschichte als TV-Film : Das Grandhotel am deutschen Abgrund

  • -Aktualisiert am

Bitte nicht nur auf Realismus, sondern auch auf Gefühl achten: Heino Ferch spielt den Juniorchef Louis Adlon, Marie Bäumer ist seine Frau Hedda Bild: ZDF/Stephanie Kulbach

Als Dreiteiler entsteht gerade Uli Edels Fernsehfilm über die Geschichte des Hotels Adlon. Bei den Dreharbeiten in Berlin lässt er sich über die Schulter schauen.

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          Es ist heiß und stickig, die Luft zum Schneiden dick. In einem prachtvollen Saal mit Säulen, edel gemustertem Marmorboden, aufwendiger Wandvertäfelung und einem riesigen Lüster an der Decke drängen sich Menschen in mondänen Faschingskostümen. Sie lachen, tanzen und plaudern miteinander, während Kellner sich einen Weg durchs Gewimmel bahnen.

          Ein zierliches Mädchen in einem Pierrotkostüm tanzt mit einem jungen Mann im sparsamen Indianerkostüm, er küsst sie, überreicht ihr eine Feder und verschwindet. Währenddessen kommen ein Mann mit Zorro-Maske und eine schöne Frau in einem Scheherazade-Kostüm ins Bild. Gleich wird der Mann erfahren, dass sein Vater direkt vor der Tür angefahren und schwer verletzt wurde; wenige Tage später wird der Alte seinen Verletzungen erliegen.

          Dieser Moment an einem Tag im April 1921 ändert das Leben der vier Personen. Es ist die Schlüsselszene des neuesten Films von Regisseur Uli Edel und Produzent Oliver Berben, der im Januar 2013 in drei Teilen im ZDF die Geschichte des Hotels Adlon erzählt. Oder, wie es Oliver Berben präzisiert: „die deutsche Geschichte anhand des Hotels Adlon“.

          Neun Jahrzehnte an drei Abenden

          Dazu lässt man heute, am neunzehnten von fünfundsiebzig Drehtagen, im Beethovensaal des Palais am Festungsgraben - nur eineinhalb Kilometer vom realen Hotel Adlon entfernt - das Lebensgefühl der zwanziger Jahre aufleben. „Und bitte!“ Die Darsteller drehen sich, lachen, im Hintergrund spielt eine Musikkapelle, was man aber kaum hört, weil die Musik vom Geräusch eines Gebläses übertönt wird, das dröhnend silbernes Glitterkonfetti in den Raum regnen lässt. Drei Kameras fangen die Szene ein, immer wieder neu, immer wieder aus anderer Perspektive, bis Uli Edel nach dem zwölften Take schließlich zufrieden ist. „Mittagspause!“, ruft der Regieassistent. Es ist halb vier am Nachmittag. Zweihundert Schauspieler, Komparsen und Crewmitglieder verlassen erschöpft den Set.

          Edel ist fünfundsechzig Jahre alt, wirkt dynamisch und ist durch Kinofilme wie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ oder „Der Baader Meinhof Komplex“ bekannt geworden. Der Großteil seiner Filme wurde von seinem verstorbenen Freund Bernd Eichinger produziert. Edel hat viel und erfolgreich in den Vereinigten Staaten gearbeitet, steht für Qualität und kann, so heißt es, Schauspieler zu Höchstleistungen bringen. Berben schätzt an ihm, „dass er sich nicht vor Emotionen scheut“. Das sei wichtig für den Film, schließlich will er das Publikum an drei Abenden, in denen ein Bogen über neun Jahrzehnte gespannt wird, immer wieder aufs Neue fesseln. Der Uli könne nicht nur Realismus, der könne auch Gefühl, sagt Berben.

          Spielraum für Oliver Berben und Heino Ferch

          Vor allem ist er ein Kenner des Metiers: Schließlich kommt er aus einer Restaurant- und Hotelierfamilie, seine Tante Margarethe hat von 1931 bis 1933 sogar in der Küche des Adlon gearbeitet. Sie hat ihrem Neffen, als sie noch lebte, viele Geschichten aus jener Zeit erzählt und ihm originale Menükarten und Rezepte gezeigt, die sie über die Jahre hinweg aufgehoben hatte. Logisch, dass er sich schon seit langem mit dem Gedanken getragen hat, einen Film über die Geschichte der Nobelherberge zu machen.

          Der Kaiser darf nicht fehlen: Willhelm II. (Michael Schenk), umrahmt von Lorenz Adlon (Burghard Klaußner) und dessen Sohn Louis (Heino Ferch)
          Der Kaiser darf nicht fehlen: Willhelm II. (Michael Schenk), umrahmt von Lorenz Adlon (Burghard Klaußner) und dessen Sohn Louis (Heino Ferch) : Bild: STEPHANIE KULBACH

          Da traf es sich gut, dass sich auch Oliver Berben, der vierzigjährige Sohn der Schauspielerin Iris Berben, seit mindestens zehn Jahren mit der gleichen Idee getragen hat. In der Zeit dazwischen hat er ungefähr fünfzig Filme produziert, unter anderem „Bewegte Männer“, „Die Patriarchin“, „Liebesjahre“, „Die Päpstin“, einige Johannes-Mario-Simmel-Verfilmungen sowie „Krupp - Eine deutsche Geschichte“, auch einen Dreiteiler, auch fürs ZDF. Und auch mit Heino Ferch, der ja in keinem Film fehlen darf, der die deutsche Geschichte der letzten hundert Jahre zum Thema hat. Ferch spielt nun Louis, den Sohn von Adlon-Gründer Lorenz, der beim Kostümfest, seine schöne zweite Frau Hedda (Marie Bäumer) im Arm, vom schweren Unfall seines Vaters erfährt.

          Herberge der Schönen und Reichen

          Ein „charismatischer, schneidiger Kerl, der gut bei den Frauen ankommt, von seinem Vater aber nie richtig ernst genommen wird“, erklärt Ferch. Nun erbt er das Hotel, und fortan ist seine Geschichte eng an dessen Schicksal geknüpft. Der Aufstieg in den Zwanzigern, in denen Prominenz und Adel aus aller Welt im Adlon logierten, angefangen beim Zaren von Russland bis hin zu Henry Ford, John D. Rockefeller und Charlie Chaplin.

          Die dreißiger Jahre bringen den Niedergang, weil die amerikanischen Gäste zunehmend ausbleiben und die Nazis lieber im Kaiserhof gegenüber der Reichskanzlei feiern. Vollkommen unbeschadet hat das Hotel den Zweiten Weltkrieg überstanden, ehe es im Mai 1945 aus ungeklärten Gründen fast komplett niederbrannte. Das Feuer zerstörte nicht nur das Gebäude, sondern auch das Lebenswerk von Louis Adlon. Er hat den Verlust nie verwunden und starb zwei Jahre später. Nur ein Seitenflügel überstand das Inferno. Zu DDR-Zeiten wurde nur noch dieser Teil als Hotel und Restaurant genutzt, 1984 aber wegen des starken Verfalls abgerissen.

          Nach dem Fall der Mauer entstand in den neunziger Jahren an derselben Stelle das neue Hotel Adlon, durchaus in architektonischer Anlehnung an den Vorgängerbau. 1997 eröffnet, ist es das erste Haus der Hauptstadt. Herberge der Stars und Sternchen, der Schönen und Reichen. „Die Geschichte des Adlon spiegelt unheimlich viel deutsche Zeitgeschichte“, sagt auch Ferch, „zudem ist das Drehbuch sehr spannend und mit viel Sexappeal.“

          Das Pierrotmädchen und der Tänzer

          Oliver Berben nennt die Produktionszahlen: 270 Minuten Film, 103 Rollen, Komparsen noch nicht mitgezählt. Auf der Besetzungsliste: Neben Ferch und Marie Bäumer etwa Josefine Preuß, Ken Duken, Thomas Thieme, Jürgen Vogel, Sunnyi Melles, Wotan Wilke Möhring, Katharina Wackernagel und Burghart Klaußner. Der Fuhrpark ist aneinandergereiht zwei Kilometer lang und transportiert unter anderem Requisiten und Kostüme aus allen Epochen des zwanzigsten Jahrhunderts, weil oft an einem Ort und an einem Tag verschiedene Zeitabschnitte gedreht werden. Bis Ende September wird noch in Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern gedreht, das Budget beträgt zehn Millionen Euro. Finanziert wird das Projekt vom Fernsehspiel des ZDF, dem Medienboard Berlin-Brandenburg, der Film- und Medienstiftung NRW und dem Film Fernseh Fonds Bayern.

          Der rote Faden der Geschichte wird allerdings nicht durch die Adlons, sondern durch zwei fiktive Figuren erzählt: das Pierrotmädchen Sonja Schadt, gespielt von Josefine Preuß („Türkisch für Anfänger“), und Julian Zimmermann, den Tänzer im Indianerkostüm, verkörpert von Ken Duken („Laconia“, „Inglourious Basterds“), der spätestens seit dem Fernsehfilm „Das Wunder von Kärnten“ von 2011 in die allererste Schauspielerriege gehört. Julian, ein linker Journalist, sei „ein Typ, der auf der einen Seite ein sehr gewissenhafter, emotionaler und auch sehr moralischer Mensch ist, auf der anderen Seite läuft er mit offenen Armen dem Sonnenuntergang entgegen und sieht das Gewitter hinter sich nicht“, beschreibt Duken seine Figur.

          Sonja und Julian: Über fast sieben Jahrzehnte hinweg werden sie sich immer wieder finden und verlieren. Ganz von ferne und wohl nicht ohne Absicht erinnert das Schicksal der beiden an jenes von Rose (Kate Winslet) und Jack (Leonardo di Caprio) in James Camerons „Titanic“. Nur, dass im Fall des Adlon und trotz allen Aufwands eben alles auch ein bisschen kleiner ist: Titanic Unter den Linden eben.

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