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Horst Mahnke : Der Spion, der zu Axel Springer kam

Journalist mit Nebenjob: Horst Mahnke spionierte für den BND. Bild: Der Spiegel

Erst glühender Nazi, dann „Spiegel“-Redakteur und BND-Maulwurf bei Springer: Horst Mahnkes Karriere ist so mannigfaltig wie abschreckend. Der BND macht seine Akte zugänglich, doch sie ist unvollständig.

          Horst Mahnke hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Im Dritten Reich war er SS-Hauptsturmführer und arbeitete von 1939 bis zum Kriegsende an führender Stelle im Reichssicherheitshauptamt. Er war ein glühender Nazi, wurde gleichwohl „entnazifiziert“, arbeitete von 1952 bis 1960 als Redakteur beim „Spiegel“, zuletzt als Chef des Auslandsressorts. Dann ging er zu Springer, wurde Chefredakteur der Zeitschrift „Kristall“ und leitete schließlich von 1965 bis 1969 den redaktionellen Beraterstab des Verlegers Axel Springer. Danach wurde Mahnke Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger und blieb dies bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1980. Er starb fünf Jahre später. Einen geheimen Nebenjob hatte Mahnke, wie jetzt herauskommt, auch noch: Im Auftrag des Bundesnachrichtendienstes kundschaftete er den Springer-Verlag aus. Schon 1951 hatte Mahnke Kontakt zum Geheimdienst aufgenommen. Dies ist die Geschichte eines Spions mit Nazi-Vergangenheit und einer paradigmatischen Karriere im Journalismus des frühen Nachkriegsdeutschland.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die „Bild“-Zeitung hat die Agenten-Story am Wochenende dargelegt. Demnach waren in den sechziger Jahren für den BND bei Springer sieben Maulwürfe unterwegs - Mahnke an herausgehobener Position. Er war kein Informant oder Gesprächspartner, den der BND als Quelle geführt hätte, sondern hatte sich schriftlich zu seiner Spionagetätigkeit verpflichtet. Seit seiner Einverständniserklärung vom 20. Juni 1961 firmierte er beim Nachrichtendienst unter dem Tarnnamen „Klostermann“. Er lieferte fleißig Berichte über Interna, die sich nach Angaben der „Bild“ in einer 209 Seiten starken Akte wiederfinden. Bemerkungen und Einschätzungen zu Kollegen (auch zu Privatem wie Alkoholproblemen) habe Mahnke abgegeben, die finanzielle Lage geschildert (jährlich sieben Millionen Mark Verlust bei der „Welt“) und über den Verleger Axel Springer berichtet, besonders als sich die Studentenunruhen gegen sein Medienhaus richteten. Springer war mit seinem politischen Programm für den BND augenscheinlich besonders interessant. 1958 war er nach Moskau gereist und dachte - in ausgeprägter Selbstüberschätzung -, er könne die sowjetische Führung zu einer Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands bewegen. Zu den Grundfesten seines publizistischen Handelns zählte zudem die besondere Beziehung zu Israel.

          Versicherung gegen die politische Vergangenheit

          Zu diesem Selbstverständnis passte eine Figur wie Horst Mahnke mitnichten. Worauf laut BND-Akten 1969 der damalige israelische Botschafter in Bonn hingewiesen und darauf gedrungen haben soll, dass ein jüdischer Emigrant Mahnkes Nachfolger werden solle; jemand, der Kontakte zum amerikanischen und zum israelischen Geheimdienst habe. Ein Schlapphut im Austausch gegen einen anderen? Rainer Laabs, der Leiter des Springer-Unternehmensarchivs, sagt in der „Bild“-Zeitung, die Nachfolge Mahnkes sei nicht auf Druck von außen zustande gekommen. Geschäftsführer des „redaktionellen Beirats“ wurde damals Ernst Cramer, der 1939 wegen seines jüdischen Glaubens aus Deutschland hatte fliehen müssen. Cramer war nach dem Zweiten Weltkrieg als amerikanischer Soldat nach Deutschland zurückgekehrt. Ende der fünfziger Jahre wurde er von Springer eingestellt, von 1981 bis 1993 war er Herausgeber der „Welt am Sonntag“, bis 1999 saß er im Aufsichtsrat von Springer, bis zu seinem Tod 2010 war Cramer Vorsitzender der Axel Springer Stiftung. Und bis zum Tod Axel Springers 1985 war Cramer dessen engster Berater - gegensätzlicher als diejenigen von Ernst Cramer und Horst Mahnke können zwei Lebensläufe kaum sein.

          Mahnkes Karriere wiederum war bis zu seinem Tod 1985 angeblich auch deshalb bruchlos verlaufen, weil er sich, wie in den BND-Akten festgehalten wird, bei seinem Wechsel vom „Spiegel“ zu Springer habe versichern lassen, dass er „eine verbindliche Erklärung des Inhalts erhält, dass Springer ihn auf jeden Fall decken und halten wird, falls auch gegen ihn wegen seiner politischen Vergangenheit von irgendeiner Seite Bedenken geäußert würden“.

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