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Homosexualität im Fußball : Frage und Antwort

Unkontrollierte Offensive: Philipp Köster vom Magazin „11 Freunde“ hegt Authentizitätszweifel Bild: Thiel, Christian

Das Magazin „Fluter“ hat ein Interview mit einem schwulen Fußballspieler gebracht. Weil der Interviewte anonym bleibt, werden Zweifel an der Echtheit erhoben.

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          Über Adrian Bechtold ist in den vergangenen Tagen manches hereingebrochen. Zunächst wurde Bechtold gefeiert als Autor des ersten Interviews mit einem anonymen homosexuellen Fußball-Profi aus der Bundesliga. Das Thema übt seit je eine Faszination auf die Öffentlichkeit aus, die im Fußball als einer der letzten Bastionen vermeintlich klassischer Männlichkeit noch voller Sensationsgier auf ein prominentes Coming-out wartet.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Gespräch wurde in der vergangenen Woche auf der Internetseite des „Fluter“ veröffentlicht, eines Jugendmagazins der Bundeszentrale für politische Bildung. Dort schildert der Fußballer seine Angst vor einer Entdeckung durch die Öffentlichkeit oder seinen Zwang zu einem Doppelleben, das ihn in manchen Situationen in die Rolle des Vorzeige-Heteros mit Damenbegleitung zwinge.

          Zu normal, um wahr zu sein?

          Das ist alles nicht neu. Es gab immer wieder vereinzelte Geschichten, in denen schwule Fußballspieler ebenfalls anonym genau davon erzählten. Aber nun hat erstmals ein Spieler in einem kompletten Interview Rede und Antwort gestanden. Das wurde als Sensation aufgenommen, die sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu veranlasste, homosexuelle Fußballspieler öffentlich zu einem Outing zu ermutigen. Das Interview hat eine erstaunliche Diskussion ausgelöst.

          Bechtold soll unterdessen von Boulevardjournalisten beinahe genötigt worden sein, den Namen des Spielers preiszugeben. Bemerkenswert war in dem Interview indes nur die Aussage des Profis, dass zumindest einige Mitspieler um seine sexuelle Orientierung wüssten, keine Probleme damit hätten und nicht Fragen zu seinem Schwulsein stellten. So viel Toleranz in Profi-Teams war bislang nicht zu erwarten. Das klang schön normal. Eventuell zu normal, um wahr zu sein?

          Anklage ohne Beleg

          Antworten wie diese und manche Dramatisierung im Rahmentext zum Interview weckten Zweifel. Es rumorte in den sozialen Netzwerken und diversen Foren, die Echtheit des Gesprächs wurde in Zweifel gezogen. Vor allem die Tatsache, dass allein der Autor Bechtold den Namen des Spielers kennt, erregte Misstrauen. Am Donnerstag vergangener Woche gab der „11 Freunde“-Chefredakteur Philipp Köster dem Geraune eine Plattform. Er erhob in einem Beitrag für das Internetangebot seines „Magazins für Fußballkultur“ einen Fake-Vorwurf. In reiner Textexegese arbeitete der Heft-Gründer vermeintliche Widersprüche in dem Interview heraus, um seinen Vorwurf zu begründen. Belege hatte er freilich nicht. Er hatte auch nicht versucht, mit dem Autor oder der Redaktion des „Fluter“ in Kontakt zu kommen.

          Die Frage, wie glaubwürdig ein Interview mit einem anonymen Gesprächspartner sei, dessen Namen nur der Autor selbst kennt, ist berechtigt. Doch muss man ebenso fragen, wie nonchalant ein Medium den Vorwurf verbreiten darf, es könne sich um eine Fälschung handeln.

          Verbales Pressing

          Die Redaktion des „Fluter“ beharrt darauf, dass sie keine Zweifel an der Rechtschaffenheit ihres Autors hege, der zudem eine „schriftliche Bestätigung“ abgegeben habe. „Wir vertrauen Adrian Bechtold und haben keinen Anlass, die Echtheit des Interviews in Frage zu stellen“, sagt Thorsten Schilling, Leiter der „Fluter“-Redaktion. Deshalb habe man sich dem durch Bechtold an die Redaktion herangetragenen Wunsch des Spielers gefügt, der nicht einmal eine Authentifizierung durch den Chefredakteur oder eine Vertrauensperson akzeptiert habe. Schilling spricht von „Informantenschutz“, dem seine Redaktion verpflichtet sei. Er verweist zudem darauf, dass das Interview ohnehin eine wichtige Debatte angestoßen habe. Zumindest Letzteres kann freilich kaum ein Argument sein.

          Die „11 Freunde“, die inzwischen zum Verlag Gruner + Jahr gehören, sind eigentlich bekannt dafür, den gepflegten Ball bei den schönen Themen des Fußballs zu spielen. Mit ihrem Vorgehen gegen das „Fluter“-Interview haben sie sich derweil ebenfalls keinen Gefallen getan. Das verbale Pressing des Chefredakteurs Köster ist umso erstaunlicher, weil er auch noch das vor Jahren eingestellte ehemalige Konkurrenzmagazin „Rund“ in den Fake-Vorwurf einreiht. „Rund“ hatte 2006 in einer Titelgeschichte zu Homosexualität im Fußball unter anderem mit drei schwulen Spielern gesprochen. Die Namen waren - anders als beim „Fluter“ - den Redaktionskollegen der Autoren Oliver Lück und Rainer Schäfer bekannt, was Köster wissen müsste. Ein Fake-Vorwurf gegen den alten Rivalen kommt deshalb einer Leichenfledderei gleich.

          Mittlerweile hat Köster seine Vorgehen etwas revidiert. In einem zweiten Text verzichtet er auf den eindeutigen Fake-Vorwurf und hegt nur noch viele Zweifel. Schließlich fordert er den „Fluter“ auf, durch eine vertrauensvolle Verifizierung des Interviews Klarheit zu schaffen. „Ich sehe keinen Grund, warum Adrian Bechtold diese Offenlegung nicht vornehmen kann, sie ist auch im Interesse des Spielers. Denn nur, wenn seine Äußerungen echt und glaubwürdig sind, sind sie in der Diskussion um die Situation von schwulen Bundesliga-Spielern von Belang“, schreibt Köster. Damit liegt er wohl zweifellos richtig. Die Geschichte muss stimmen, die Identität des Fußballerspielers gesichert sein, seinen Namen aber muss man nicht öffentlich nennen. Der Autor Adrian Bechtold sagt, es sei „eine frühe Gesprächsbedingung“ gewesen, „die Angelegenheit unter vier Augen zu belassen. An diese Absprache mit dem Spieler halte ich mich.“

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