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Perez Hilton : Hollywoods meistgehasstes Klatschmaul

  • -Aktualisiert am

„Ich bin schwul, aber keine Schlampe wie Paris Hilton”: Perez Hilton Bild: REUTERS

Unter dem Pseudonym Perez Hilton ist Mario Lavandeira Amerikas erfolgreichster Klatschkolumnist. Seine Gossip-Website verzeichnet über hundert Millionen Besucher pro Monat. Dabei ist sein Rezept an Schlichtheit kaum zu überbieten.

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          Die Website von Mario Lavandeira sieht aus wie das Poesiealbum eines Teenagers: „I’m hot!“ steht da quer über ein Foto von Paris Hilton gekritzelt. Ein Schnappschuss des neuesten Liebhabers von Paula Abdul trägt die Beschriftung „notgeil“, unter einem unvorteilhaften Bild von Britney Spears (Aufschrift: „Take her babies away!“) ist zu lesen: „Es ist Freitagabend. Weißt du, wo deine Mama ist? Mama feiert irgendwo eine Party! Weil das ja das Wichtigste im Leben ist.“

          Doch Mario Lavandeira ist kein Schüler im Hormonsturm, sondern, unter dem Pseudonym Perez Hilton, Amerikas erfolgreichster Klatschkolumnist. Der Sohn kubanisch-amerikanischer Eltern ist ein schräger Star des Internet-Zeitalters: Bestückt mit einem Laptop und Freunden aus der Kulissenwelt von Hollywood, hat sich Lavandeira im Stil der SMS-Ära zu einem der gefürchtetsten Männer der amerikanischen Unterhaltungsschickeria emporgebloggt. Seine Häme kommt an, seine Website Perezhilton.com verzeichnet hundertundfünf Millionen Besucher pro Monat, das Magazin „Newsweek“ führt ihn in der Spitzenposition der „gossip blogs“ – jener Prominenten-Klatschseiten im Internet also, die den klassischen Magazinen den Rang streitig machen.

          „Mel Gibson: Antisemit!!!“

          Die Website „tmz.com“, die zuerst von der Scheidung von Britney Spears und Kevin Federline, dem Tod von Anna Nicole Smith und Nicole Richies Schwangerschaft berichtete, ist inzwischen die wohl meistzitierte Gerüchtequelle Amerikas – und als Tochterunternehmen von AOL und Warners Telepictures Productions mächtig und bestens vernetzt. Die Promiblätter in den Supermarktregalen mutieren indes zu Hintergrundberichterstattern, die „tmz“ und „PerezHilton“ zitieren. „Das Zentrum des Klatschuniversums“, sagt Lavandeira, „ist das Internet.“

          Die Popularität der Klatschmäuler resultiert aus ihrer Unmittelbarkeit: Hier kann man zuschauen, wie ein Gerücht zum Skandal wird. So veröffentlichte, nachdem im vergangenen Jahr tmz.com die Trunkenheitsfahrt von Mel Gibson gemeldet hatte, „TheSmokingGun“ kurz darauf das Polizeifoto, und „PerezHilton“ sorgte für die kulturhistorische Einordnung: „Mel Gibson: Antisemit!!! Seine Karriere ist vorbei!“

          Der neunundzwanzig Jahre alte Mario Lavandeira gehört zur Generation MySpace, die ungeniert Selbstdarstellung betreibt und an der Schnittstelle von Tagebuch, Kulturkommentar und Trash-Kunst operiert. Er bildet die Speerspitze der Hysterie, die sich um die Rolle von Britney Spears als Mutter, Nicole Richies anstehende Gefängnisstrafe und Angelina Jolies Gewichtsprobleme entwickelt hat. „Klatschen heißt: anderer Leute Sünden beichten“, schrieb einst Wilhelm Busch, und zum wahren Klatsch gehört ein gerüttelt Maß vorgeblicher moralischer Entrüstung. Das exerziert niemand so genüsslich wie Mario Lavandeira alias Perez Hilton.

          Mit dem Schneebesen

          Lavandeiras Lust am Blitzurteil ist indes bloß der jüngste Ausdruck einer sorgfältig gepflegten Tradition der Boulevardberichterstattung. Als die berühmte Klatschkolumnistin Louella Parsons 1949 Ingrid Bergmans Affäre mit dem Regisseur Roberto Rossellini enthüllte – Bergman war mit Rossellinis Sohn schwanger –, schürte sie nationale Entrüstung ob der Sittenlosigkeit der Schauspielerin. Louella Parsons’ Tonfall war gediegener, aber kaum angemessener als der von Lavandeira. Über Joan Collins schrieb sie einst: „Sie sieht aus, als würde sie ihre Haare mit dem Schneebesen in Form bringen.“

          Lavandeira fing im September 2004 an zu bloggen, „weil ich lauter Freunde in der Entertainment-Industrie hatte und es mir kinderleicht vorkam“. Louella Parsons begann ihre Karriere 1914 im Bahnhof von Chicago, wo sie Stars auf der Durchreise von New York nach Los Angeles abfing und interviewte. Lavandeira erhielt seinen Ritterschlag schon nach sechs Monaten, als ihn die ABC-Sendung „The Insider“ als „Hollywoods meistgehasste Website“ bezeichnete. Louella Parsons brauchte acht Jahre, bis der Verleger William Randolph Hearst den Unterhaltungswert einer Klatschkolumne über Filmstars erkannte und ihr einen Job anbot.

          Louella Parsons war zwar nicht die erste Promijournalistin der amerikanischen Zeitungslandschaft – im späten neunzehnten Jahrhundert hatte Ward McAllister den Begriff der „Vierhundert“ geprägt, jenes nach seinem Urteil erlesenen Zirkels von wirklich bedeutsamen Menschen in der New Yorker Society. Louella Parsons erkannte früher als andere in den Machern und Gesichtern der Filmindustrie die Ersatz-Aristokratie des zwanzigsten Jahrhunderts. Als sich Hollywoods erstes Traumpaar, Mary Pickford und Douglas Fairbanks, 1933 trennte – Fairbanks hatte eine Affäre mit dem aristokratischen Model Lady Sylvia Ashley –, war es Parsons, die die schockierende Nachricht veröffentlichte. Sie stieg im Hearst-Imperium zu einer der einflussreichsten Reporterinnen auf: Sie attackierte Rita Hayworth und Mae West für ihre offensive Sinnlichkeit und Charlie Chaplin und Orson Welles für ihren kritischen Geist. Sie ließ sich von Filmstudios für das Verschweigen skandalöser Geschichten bezahlen, und sie schonte befreundete Stars. Louella Parsons war die Klatschreporterin schlechthin – eine selbsternannte Hüterin der Moral, inklusive aller Doppelbödigkeiten.

          Das Prominenz-Niveau sinkt

          Lavandeiras unverschämte Verdikte stehen ganz in Parsons’ Tradition, auch wenn er sich Vergleiche mit gebotenem Snobismus verbittet. „Ich bin anders als alle anderen – ich mache einfach, was mir Spaß macht.“ Etwa, ein Foto von Robbie Williams mit einem vieldeutigen Rinnsal am Mundwinkel zu verzieren. Oder die jüngsten Gerüchte über „Cokate & Doperty“, Kate Moss und Pete Doherty, zu melden.

          Dass die Objekte seiner Klatschbegierde oft nichts vorzuweisen haben denn ihre schiere Präsenz, macht sie für Lavandeira nicht weniger interessant: „Dies sind die coolen Kids!“, sagt er. „Sie leben ein aufregendes Leben, und durch ihre Präsenz kommen sie uns vor wie gute Freunde. Wir identifizieren uns mit ihnen.“

          Gesellschaftsreporter alter Schule wenden sich da mit Grauen. „Die berühmten fünfzehn Minuten Ruhm sind ja für diese Generation inhaltsleer“, seufzte Graydon Carter, „weil keinerlei Qualitäten diesen Ruhm stützen.“ Carter ist als Chefredakteur von „Vanity Fair“ der Präzeptor des Promijournalismus. Vor zwanzig Jahren unterwanderte er in dem von ihm mitbegründeten Satiremagazin „Spy“ den Glamour-Journalismus mit allerlei bösen Enthüllungen, unter anderem über die SA-Mitgliedschaft von Arnold Schwarzeneggers Vater. Heute leitet Carter ein Edel-Klatschblatt mit politischem Anspruch, und er ist klug genug, den Kontrast zur schnellen und billigen Gerüchteküche im Internet zu schärfen. Während Lavandeira Stars und Sternchen mit Frechheiten überkritzelt, engagiert Carter den Popsänger Bono als Gastredakteur für eine anspruchsvolle Afrika-Ausgabe seiner Zeitschrift und beklagt, dass „das Niveau der Prominenz in Amerika so unglaublich abgesunken ist“. Dabei trug Carter selbst entscheidend zum Phänomen Paris Hilton bei, als er die Hotelerbin im Oktober 2005 auf den Titel seines Blattes hob.

          „Keine Schlampe wie Paris“

          Lavandeira hingegen, der Hiltons Namen mit süffisantem Sarkasmus adaptierte („Mein Motto ist: Ich bin schwul, aber keine solche Schlampe wie Paris“), ist mit ihr inzwischen per Du – was man seinen freundlichen Kommentaren umstandslos anmerkt. Wie einst Louella Parsons und heute Graydon Carter pflegt auch er ein dynamisches System aus Freund- und Feindschaften in Hollywood. „Ich bin eine polarisierende Figur“, sagt er. „Entweder lieben die Leute mich, oder sie hassen mich.“ Letzteres ist ihm wichtiger. Im Chateau Marmont, Hollywoods angesagtem Partyhotel, gilt Mario Lavandeira als Persona non grata, und er erzählt nicht ohne Stolz, dass ihm neulich „Nicole Richies schwule Schlägertruppe bei einer Party Prügel androhte“. Will heißen: Man nimmt den „Gossip Gangsta“ ernst.

          Auch Parsons und McAllister pflegten ihr Image einst mit Bedacht. Neu ist indes, dass Lavandeira sich seinen Einfluss als Privatperson schuf. Louella Parsons agierte im schützenden Schatten des mächtigen Hearst-Verlags, Ward McAllister war mit der einflussreichen Astor-Familie verschwägert, und Liz Smith, die „Grande Dame des Klatsch“ der Achtziger und Neunziger, wusste Rupert Murdoch und seine News Corp. hinter sich. Lavandeira dagegen operiert als Ein-Mann-Unternehmen. Zwar begreift er sich wie Louella Parsons und Graydon Carter als Königsmacher, doch ihm gelten die klassischen Koordinaten der Prominenz – kreative Leistung, Stil, Wohltätigkeit oder Sexappeal – nichts. Lavandeira ist kapriziös subjektiv, er mag John Gallianos neueste Couture und seltsame Yoga-Posen, ganz selten bekennt er sich politisch: „Perez 4 Obama!“ Ausgewählte Hollywoodgrößen traktiert er mit aggressiven Aufforderungen, ihre sexuelle Neigung zu offenbaren.

          Louella Parsons wollte sich 1934 mit ihrer Radiosendung „Hollywood Hotel“ selbst zum Star aufschwingen. Doch taugte ihr Plappermaul nur bedingt für das Medium, sie räumte selbst ein, dass „mangelndes Talent meinen Enthusiasmus nie geschmälert hat“. Nun wechselt Perez Hilton ins nächste Medium, bar jeder kritischen Selbsteinschätzung: „Perez wird die schwule Barbara Walters von VH1!“, bejubelte Lavandeira die Ankündigung des Musiksenders, in diesem Monat ein Magazin mit dem Titel: „What Perez Sez“ zu starten. Die Klatschgemeinde im Internet reagiert mit der gebotenen Häme. „Jossip.com“ stänkert: „Endlich erfüllt sich unser sehnlichster Traum, einen dicklichen Möchtegern-Promi, der davon lebt, geistreiche Bemerkungen wie ,muss kotzen‘ über die Fotos von drittklassigen Sternchen zu kritzeln, in seiner eigenen Fernsehsendung zu erleben.“ So schließen sich die Kreise.

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