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Krimi „Kommissar Van der Valk“ : Holland in Not

  • -Aktualisiert am

Ist irgendwie fehl am Platz: Marc Warren als Piet van der Valk Bild: ARD Degeto/Company Pictures

Abführen, den Hochstapler! In einer neu aufgelegten Siebziger-Jahre-Krimiserie im Ersten stolpert der titelgebende „Kommissar Van der Valk“ ziellos durch Amsterdam.

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          Der verschmitzte Columbo in seinem verschmuddelten Trenchcoat, der freiheitsliebende Detektiv Rockford in seinem abgerissenen Wohnwagen, der erzcoole Kojak, der zur Glatze nur Sonnenbrille und Dauerlutscher trägt (und tragen kann), Starsky und Hutch, die in flotten Karren flotte Lippen riskierten, Dirty Harry, dessen Zynismus das Blut in den Adern gefrieren lässt: Als männlicher Fernsehermittler möchte man in den siebziger Jahren erfunden worden sein. So frei, lässig, unbekümmert wurde es nie wieder, auch weil Frauen, zumal starke, im Metier noch die Ausnahme waren: Man(n) konnte dem Affen einfach zentnerweise Zucker geben, ohne sich als eigene Parodie zu fühlen, und wurde auch noch dafür belohnt mit dem Status Kultfigur.

          Das englische ITV-Netzwerk schickte inmitten der goldenen Ära für colttragende Charismatiker einen gelockten Kommissar auf Dauerdienstreise nach Amsterdam, den Barry Foster dann aber doch eher untypisch hintersinnig spielte, schlau, listig und grummelig. „Van der Valk“ lief von 1972 bis 1977, in den Neunzigern gab es einen Nachschlag von zwei Staffeln. Amsterdam, heute bilderbuchgentrifiziert, war damals aufregend, schmutzig, drogenverseucht. Eine Serie, die so stark in ihrer Zeit verwurzelt ist, in die Gegenwart zu holen, erschien von Beginn als Wagnis. Dass sich die ITV-Produktion, an der auch die ARD/Degeto und weitere Partner beteiligt waren, einfallslose Fließbandware ist, überrascht aber doch.

          Seht her, welch ein Exzentriker

          Die Hauptfigur wurde ihres eigentümlich sperrigen Charmes entkleidet und in das Abziehbild eines autodidaktischen Straßenbullen verwandelt, das heute nur noch ironisch durchgeht. Marc Warren, sonst ein tadelloser Darsteller, läuft mit aufgesetzter Coolness durch die bemüht verdrehten, gern Sex, Politik, Drogen und Hochkultur verbindenden Fälle, dass er wie die Inkarnation einer nostalgischen Idee wirkt. Er wohnt, schräg genug, auf einem Schiff, aber auch da hat man noch eine Schippe draufgelegt: Es musste gleich eine museale Barke sein, was uns sagen soll: Seht her, welch ein Exzentriker. Arbeitsbesprechungen hält er in einer Kneipe ab, einfach, weil er es kann. Es versteht sich, dass Van der Valk auf Frauen zwar so verführerisch wirkt wie ein in Schokolade getauchter Robert Habeck, aber natürlich geheimnisvoll beziehungsunfähig ist. Nur gegenüber seiner lesbischen Kollegin öffnet er sich ein wenig.

          Die ihm an die Seite gestellte Kommissarin Lucienne Hassell (Maimie McCoy) ist zwar etwas interessanter, wechselt wenigstens hin und wieder (minimal) den Gesichtsausdruck, aber ihre Funktion ist, Van der Valk, dem sie gern zu einer Liebschaft verhülfe, strahlen zu lassen. Direkt aus dem Giftschrank der Klischeecharaktere stammen die beiden Gehilfen, die offenbar Humor in die Serie bringen sollen: der verfressene, antiintellektuelle Schwerenöter Brad (Luke Allen-Gale) und der klug-nervige Brillen-Nerd Job (Elliot Barnes-Worrell). Auch abgehalfterte Pathologen (Darrell D’Silva) hat man eigentlich schon zur Genüge gesehen. Inszeniert und fotografiert sind die Episoden durchaus ansprechend: Die unstete Kamera rast nah an den Darstellern durch die schmucken Gassen und Straßenschluchten, fliegt über Grachten, dringt in immer neue Räume ein. Übersicht wird uns mit Absicht nicht gestattet. Aber es ist eben nicht das schmutzige Holland der Siebziger, das wir sehen, sondern das blumengeschmückte Tripadvisor-Topziel. Da wirkt es dann umso kurioser, wenn Gauner am Telefon „Boss“ zu ihrem Boss sagen, bevor sie in aller Öffentlichkeit Geheimnisse ausplaudern, oder wenn, was früher erlaubt war, von einem tiefen Baucheinstich mit einer Machete nur eine oberflächliche Wunde bleibt.

          Besonders missglückt sind die Drehbücher in Bezug auf die Kriminalfälle, ein veritables Schurken-Kasperletheater. Dass ein Doppelmord zwei Zufallsopfer trifft, scheint noch ein aparter Einfall zu sein, aber je mehr die Handlung rund um rechte und linke Populisten und die Amsterdamer Galerieszene voranschreitet, desto abstruser wird es. Die Auflösung ist dann dermaßen idiotisch, dass man nicht ganz sicher ist, ob uns der Autor Chris Murray damit nicht eigentlich veralbern will. Ähnlich verhält es sich in der nächsten Episode, die auf christliche Erotik stehende Nonnen mit Drogenärzten, Waffenherstellern und Esoterikern zusammenzwingt. Im Versuch, erzählerisch unkonventionell zu sein und zugleich in jeder Hinsicht (abgesehen nur von Mobiltelefonen und Laptops) an die Siebziger anzuknüpfen, ist man bei der ultimativen Übersteigerung der Konvention gelandet. Dagegen wirkt sogar der deutsche „Amsterdam-Krimi“ innovativ. Man hätte nicht geglaubt, dass man einen solchen Satz einmal schreiben würde. Auftrag an Columbo: Abführen, den Hochstapler!

          Kommissar Van der Valk läuft an Pfingstmontag sowie am 14. und 21. Juni, jeweils um 21.45 Uhr, im Ersten.

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