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Hörspielreihe zum Grundgesetz : Im Wissen um die Würde des Menschen

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Schnell aber stand die Substanz zur Debatte, wenn beispielsweise darüber nachgedacht wurde, das Grundrecht der Pressefreiheit an die Pflicht zur Objektivität in der Berichterstattung zu binden, oder wenn man harte Wortgefechte über die Vor- und Nachteile von Mehrheits- und Verhältniswahlrecht austrug (es wurde, zum Ärger der CDU, eine Kombination aus beidem). Özlem Özgül Dündar weist in Folge drei darauf hin, wie sehr sich Deutschland in jenen Jahren danach sehnte, nach dem Weltenbrand wieder in die europäische Völkergemeinschaft aufgenommen zu werden. Der Nationalstaat hatte seine Attraktivität verloren. „Das große Vaterland“, so sagt es hier Carlo Schmid (SPD), Justizminister von Württemberg-Hohenzollern, heiße „Europa“. Ein demokratischer Staat in einem geeinten Europa: In diesem Ziel bestand über die Parteien hinweg eine seltene – und aktuelle – Einigkeit.

Terézia Mora hat sich umstrittene Themenfelder ausgesucht

Beeindruckend ist auch die Bereitschaft aller Seiten zum Kompromiss, gehe es dabei um die von CDU und Zentrum geforderte „Invocatio Dei“ in der Präambel oder um SPD-Wünsche beim Wahlrecht. Obwohl der Struktur nach eine demokratische Legislativ-Institution mit Abgeordneten, einem Präsidium, Ausschüssen und Fraktionen, war der Parlamentarische Rat freilich nur indirekt, nämlich von den Landesparlamenten gewählt worden. In Folge sechs, die sich um die Haltung der Abgeordneten gegenüber plebiszitären Elementen dreht (nicht nur Theodor Heuss tut sich hier als Gegner von Volksbegehren hervor, die „in der Zeit der Vermassung und Entwurzelung“ die „Prämie für jeden Demagogen“ seien), weist Georg M. Oswald auf die Misslichkeit dieser Situation hin, weil sie – im Grunde grundlos – Kritikern und Populisten ein Argument an die Hand gebe, das Fundament, auf dem die Bundesrepublik Deutschland errichtet wurde, als scheindemokratisch zu diskreditieren.

Terézia Mora hat sich die umstrittensten Themenfelder ausgesucht: die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie den Großkomplex Elternrecht mit den (Erb-)Rechten unehelicher Kinder, von denen es nach dem Krieg besonders viele gab. Die Autorin verbeugt sich – in Gestalt ihrer fiktiven Sprecherinnen Echo und Lot – tief vor der Frauenrechtlerin Elisabeth Selbert (SPD), einer von überhaupt nur vier weiblichen Abgeordneten. Selbert setzte mittels einer Öffentlichkeitskampagne die für alle Rechtsgebiete verbindliche Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ anstelle der unkonkreteren Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz durch. Dabei war auch Helene Weber (CDU) behilflich, die sich von Selbert überzeugen ließ. Die Männer, vor allem aus der CDU, hatten indes eine kleinlaute Ausrede parat, die bekannt vorkommt: Die Gleichberechtigung sei doch längst derart „in Fleisch und Blut übergegangen“, dass man eine Debatte gar nicht erwartet habe.

Die Ergebnisse der Bonner Beratungen sind bekannt, nicht zuletzt, weil das vor siebzig Jahren beschlossene Grundgesetz trotz der vielen Dutzend Änderungen und Einfügungen in seinem Kern die Zeiten überdauert hat. Durch die hier präsentierte Mischung aus Aufführung und Aufbereitung lässt sich das Zustandekommen dieses majestätischen Verfassungsdokuments jedoch in ganz unerwarteter Frische und Unmittelbarkeit neu erleben. Mehr als einmal wünscht man sich unweigerlich, heutige Politiker, die so routiniert Parteiprogramme herunterspulen, wären derart debattierfähig, individualistisch und durchweg interessiert an der Sache.

Guter Rat – Ringen um das Grundgesetz, Ausstrahlung von heute an täglich in Doppelfolgen auf WDR3 um 19.04 Uhr; in je vier Folgen am 23./24. Mai auf Bayern 2 (20.05 Uhr/21.05 Uhr) und komplett im Deutschlandfunk am 23. Mai von 00.05 Uhr an. Auch als Podcast erhältlich.

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