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Hörspielfest „Stille Nacht“ : Paul Plamper ertappt uns alle

Paul Plamper ist der Aktual-Star der Hörspielszene Bild: WDR/Thomas Kierok

Gleich mehrere Preise konnte Paul Plamper, der Aktual-Star der Hörspielszene, in diesem Jahr einheimsen. Nun wird „Stille Nacht“, sein neues Stück, urgesendet. Wer erkennt sich da nicht wieder?

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          Oma will nicht Oma heißen - Arthur, ihr frühpubertierender Enkel, soll sie „einfach Iris“ nennen, falls er sich, ganz in seine „Macbook“-Welt versunken, überhaupt einmal äußert. Iris, die geschiedene Anfangs- bis Mittfünfzigerin, hat ihrerseits eine „On-Off-Beziehung“ zu dem wesentlich jüngeren Stefan, der mit durchaus überschaubarem Erfolg irgendwas mit Kunst macht, seinen Hauptzweck aber darin sieht, sich „nicht verbiegen“ zu lassen.

          Jochen Hieber
          Freier Autor im Feuilleton.

          Vervollständigt wird das traute Patchwork-Quintett durch Arthurs so sanftmütigen wie schwulen Patenonkel Klaus, einen Althistoriker, und die alleinerziehende Arthur-Mutter und Iris-Tochter mit dem schönen Namen Amarilis, die alles, was sie an- und einpackt, immer „ganz toll“ macht, wie Klaus findet und immerzu auch sagt.

          Das Hörspiel von Paul Plamper, zu dem sich die fünf Kleinbürgerhelden versammeln, heißt „Stille Nacht (Ruhe 3)“, wobei der eingeklammerte Untertitel zwar auf eine Werkreihe des 1972 geborenen Autors und Regisseurs verweist - „Ruhe 1 (Hörspiel im Raum)“ von 2008 und „Tacet (Ruhe 2)“ von 2010 -, für Ersthörer vom Plampers hinterhältig hoher Radiokunst aber erst einmal vernachlässigenswert ist.

          2013 war sein Jahr

          Ersthörer wünscht man diesem Hörspiel zuhauf - sie werden, wenn sie das äußerst vergnügliche Heiligabend-Exerzitium erst einmal hinter sich haben, mit ziemlicher Sicherheit die Plamper-Gemeinde vergrößern, die in jüngster Vergangenheit ohnehin beständig angewachsen ist.

          Paul Plamper ist der Aktual-Star der Hörspielszene: Sein im Frühjahr dieses Jahres erstgesendetes Stück „Der Kauf“, eine groteske Komödie über die Geld- und Immobiliengier von Gutmenschen, hat unlängst den Hörspielpreis der ARD gewonnen und wurde vor wenigen Tagen von der Jury des Hessischen Rundfunks auch zum „Hörbuch des Jahres 2013“ gekürt.

          Alles Traditionelle haben die Protagonisten von Plampers Hörspiel abgeschafft - nur das Blockflötenspiel, wenngleich gruselig intoniert, darf bleiben
          Alles Traditionelle haben die Protagonisten von Plampers Hörspiel abgeschafft - nur das Blockflötenspiel, wenngleich gruselig intoniert, darf bleiben : Bild: dpa

          Exemplarisch lässt sich am „Kauf“ wie an „Stille Nacht“ Plampers raffinierte Arbeitsweise nachvollziehen. Sie beruht auf Mimikry, also auf einer das Kneipen-, Küchen-, Couch- oder Bettgespräch scheinbar authentisch wiedergebenden, in Wahrheit aber filigran inszenierten Sprach-Spontaneität, die seinen Hörspielen Live-Charakter verleiht.

          Zudem ist Plamper ein Jargonsammler des gegenwärtigen Mittelstands aus Wut-, Genuss-, Leistungs- und Kulturbürgern und deshalb ein Ertappungskünstler hohen Grades - seinen Stücken zuhörend, muss man unweigerlich an Situationen denken, in denen man selbst steckte oder deren Zeuge man wurde.

          Charaktere, die sich selbst entlarven

          Schließlich versteht er es glänzend, mit den Mitteln von Satire und Karikatur zu jonglieren, ohne auch nur eine seiner Figuren je lächerlich zu machen oder zum Hanswurst zu degradieren. Im Gegenteil: Noch als Charaktere, die sich selbst entlarven, behalten seine Protagonisten immer auch Würde, Ernst, bisweilen gar Humor und Selbstironie.

          In „Stille Nacht (Ruhe 3)“ hat Plamper mit Caroline Peters (Amarilis), Margarita Broich (Iris), Franz Broich-Wuttke (Arthur), Thomas Blisniewski (Klaus) und Schorsch Kamerun (Stefan) ein vorzügliches Sprecherensemble.

          Pseudoaufgeklärt, wie sie sind, haben die Patchworker den Heiligabend säkularisiert: Das Evangelium wird nicht mehr gelesen, das Weihnachtsoratorium nicht mehr gehört. Einzig das (gruselig) eingeübte Blockflötenspiel als Schwundstufe der Hausmusik gilt nach dem Festmahl und vor der Bescherung als ein unverzichtbares Restritual. Dreimal, also über drei Jahre hinweg, bittet Plamper sein Quintett zum immer ähnlichen Christkindreigen: fast eine Endlosschleife, die aber famos gedreht.

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