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Die neue Podcasts-Welle : Hören aus dem Hinterhalt

  • -Aktualisiert am

Dass man mit Podcasts ein junges Publikum erreicht, hat sich inzwischen herumgesprochen. Erfolgreich kann damit aber nur sein, wer sich aufs Erzählen versteht. Bild: Imago

Podcasts boomen. Sie kreieren einen neuen Erzählkosmos, der die Audiowelt aufmischt. Die Presse hat das erkannt. Die Radiowellen der Öffentlich-Rechtlichen fremdeln noch. Ein Gastbeitrag

          8 Min.

          Eine ganz gewöhnliche Familienfeier irgendwo im Norden Englands. Der damals zweiundzwanzigjährige Brite Jamie Morton ist frischgebackener Fernsehautor und kommt zum Geburtstag der Schwester zu Besuch. Die übliche Plauderei, beiläufig fragt der Vater seinen Sohn, ob er ihn kurz in sein Arbeitszimmer begleiten möchte. Seine Meinung als Fernsehautor interessiere ihn. Jamie hält die ersten Kapitel eines erotischen Romans in den Händen. Geschrieben von seinem Vater in der Gartenlaube, weil die Mutter „so etwas“ nicht im Haus haben will. Gebannt zwischen ungläubigem Staunen und Fassungslosigkeit, erzählte Morton es seinen Freunden James Cooper und Alice Levine, Letztere Moderatorin bei BBC Radio 1. Die Idee von „My dad wrote a porno“ war geboren. Das war 2015 und in Großbritannien der Beginn eines neuen Phänomens namens Podcasting. Abwechselnd treffen sich von nun an die drei Freunde in einer Wohnung, Jamie liest ein Kapitel, das die anderen beiden spontan kommentieren. Die Unterhaltung wird mit einem Mikrofon aufgezeichnet, auf vierzig Minuten gekürzt und ins Netz gestellt. Jede der wöchentlichen Folgen hat eine Hörerschaft von hundert Millionen, in etwa doppelt so viel wie alle sechs BBC-Radioprogramme zusammen.

          Interessanterweise verweist die Etymologie des Begriffs Podcast auf den Ursprung des Phänomens Anfang des Jahrtausends. Als 2001 der iPod von Apple auf den Markt gebracht wurde, veränderte der digitale Walkman nicht nur das Musikhören. Damit ließen sich auch gut Mitschnitte aus dem Rundfunk, englisch Broadcast, nachhören. Zum Begriff Podcast war es kein weiter Weg. Die Autorenschaft wird dem britischen Journalisten Ben Hammersley zugeschrieben, der für die „Times“ über das Internet publizierte. Der heute in Los Angeles lebende Hammersley hätte – als einer der ersten Kronzeugen der Auswirkungen der Digitalisierung auf unser Leben – ahnen können, dass er mit dem Begriff Podcast dem Medium einen Bärendienst erwies. Denn trotz eines hohen Bekanntheitsgrades des Begriffs wissen nur wenige, was mit Podcasting gemeint ist, wie in dem auf „Nieman Lab“ erschienenen Artikel „Podcasting’s next frontier: a manifesto for growth“ plausibel gemacht wurde.

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