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HIV & Öffentlichkeit : Der Staatsanwalt in meinem Bett

  • -Aktualisiert am

Weiß Sexualakte öffentlich festzustellen: Staatsanwalt Ger Neuber Bild: Marcus Kaufhold

Sex ist keine Sache der Vernunft, der Umgang mit ansteckenden schweren Krankheiten wohl oft auch nicht. Aber Medien wie Justiz sollten bei dieser Kombination nicht so durchdrehen, wie es leider gerade geschieht.

          5 Min.

          Am Dienstagnachmittag wurde ich von seriösen Medien unter Berufung auf eine deutsche Behörde über die schwere Erkrankung und das Sexualverhalten einer lebenden, mir persönlich nicht bekannten Frau unterrichtet, und zwar gegen deren Willen.

          Das ist neu: Nie zuvor wurden in so kurzer Zeit derart intime Informationen aus mehreren, die Menschenwürde betreffenden Bereichen über eine öffentlich bekannte Person ohne deren Mitwirkung publik.

          Die Beschützer

          Das Wissen, über das ich plötzlich und unerwartet verfügte, hätte ich aktiv nie erwerben können: Ein Journalist, der bei Ärzten anruft, um etwas über die Erkrankung einer bestimmten Patientin zu erfahren, ist ebenso seinen Job los, wie ein Arzt, der einen Journalisten anruft. Ausgesetzt wurde ich dieser informationellen Überdosis aber, wenn ich das richtig verstanden habe, zu meinem eigenen Schutz. Ui, ui, ui.

          Die Geschichte, die da ausgebreitet wurde, war ein Thrillerplot. Ein Urteil lag zeitlich wie beweismäßig noch in weiter Ferne, doch augenblicklich ging in den Köpfen aller Leser das Licht aus, und es begann ein spannender Film. Tage später sollte der SPD-Abgeordnete Siegmund Ehrmann ihn in der „Bild“-Zeitung wie folgt zusammenfassen: „Wenn jemand seinen Körper als Bio-Waffe einsetzt, ist umfassende Berichterstattung ein dringendes öffentliches Anliegen und wichtiger als die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen.“

          Wenn das Wörtchen wenn nicht wär’ . . . wird aus der entfesselten Biowaffe gegen alle deutschen Männer bloß eine Frau, die ein Ex-Freund angezeigt hat. Drückt man kurz auf die mentale Stopptaste, verfliegt jeder Thrill; übrig bleibt deutsche Tristesse: Dass diese sechsundzwanzigjährige Mutter einer zehn Jahre alten Tochter mit HIV infiziert sein soll, ist eine erschütternde Nachricht, und dass ein weiterer Mann es ist, ebenfalls. Beides zum Heulen.

          Alles redet, alles meint

          Doch die öffentliche Diskursmaschine läuft nach solchen Informationen, gedopt mit all den Bildern und befeuert von der Privatmeinung, die jeder und jede sich über gecastete Girlbands gebildet hat, sofort auf allerhöchsten Touren. Schlichte Erschütterung oder Sorge kann da nicht mehr reichen, es muss mit voller Power gemutmaßt, gefordert und vor allem geforscht werden.

          Justiz, Medizin und Medien entfesselten in diesem Fall einen foucaultschen Albtraum und nahmen gleich das Virus ins Visier. Die ihn beherbergenden Menschen wurden weggezoomt wie die Kontinente bei Google Earth. Das Virus sollte extrahiert, analysiert und schließlich identifiziert werden. Das war ja die Information, die bald nach der Festnahme kursierte, dass das jetzt wissenschaftlich möglich ist: HI-Viren zu vergleichen.

          Sie werden sich aufreihen müssen wie bei den Gegenüberstellungen in den amerikanischen Polizeifilmen. Schön. Das ist bekanntlich die beste Antwort auf eine tödliche Infektionskrankheit: Mehr Gerichtsverfahren! Strafverfahren und Schadensersatzklagen, exakt das, was das Leben lebenswert macht.

          Medien und Justiz im Taumel

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