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„Spiegel“-Titel zu Merkel : Hitler muss sein

Angela Merkel in den Augen der britischen Presse: als Frau, vor der sich Europa beugt... Bild: Archiv

Der „Spiegel“ hat ein Ironiedefizit. Wie wäre es mit etwas Nachhilfe vom „Economist“? Die Briten können, was die Hamburger Kollegen nicht hinbekommen: Sie spitzen zu und sind richtig scharf. Aber eben nicht plump und beleidigend. Und sie sind auch nicht gleich beleidigt.

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          Wenn man ein Titelbild erklären muss, das als Anspielung oder ironisch gemeint ist, hat das mit der Ironie wohl nicht so recht geklappt. „Der neue ,Spiegel‘-Titel fällt auf, spitzt zu, und scharf ist er auch“, schreibt der Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und hat damit zweifellos Recht: Ganz schön scharf ist das - Angela Merkel ist da zu sehen, umringt von Wehrmachtsoffizieren steht sie vor der Akropolis: „The German Übermacht“ lautet der Titel und behauptet zu wissen, „wie Europäer auf die Deutschen blicken“.  Beim „Spiegel“ halten sie diese Montage offenbar für gelungen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Missverständlich sei der Titel nicht, schreibt der Chefredakteur: „Missverstehen kann ihn nur, wer ihn missverstehen will.“ Wir gehen jede Wette ein: Den wollen viele missverstehen, die Abdruckquote in der griechischen Presse wird erheblich und die naheliegende Interpretation könnte sein: Jetzt haben endlich auch die Kollegen in Deutschland kapiert, worum es geht. Um „The German Übermacht“ nämlich. Um den nächsten Einmarsch und um das „Vierte Reich“. Der „Spiegel“ lädt mit seiner Bildanordnung dazu ein, genau den Nationalismus zu transportieren, den man zu kritisieren vorgibt.

          Absichtlich plump?

          Die Angst beim „Spiegel“ dann aber doch missverstanden zu werden, dürfte schon groß sein, schaut man sich an, wie Klaus Brinkbäumer im „Sendung-mit-der-Maus“-Stil bemüht ist, erst gar keine Fehlinterpretationen aufkommen zu lassen: „Angela Merkel ist ausgeschnitten und mit Klebestreifen eingefügt worden; absichtlich plump also, damit das Titelbild an jene Karikaturen erinnert, die die Kanzlerin mit Hitler-Bart zeigen. Wir zitieren, ironisieren und verfremden einen Blick von außen und die Vermischung von deutscher Geschichte mit deutscher und europäischer Gegenwart.“

          Absichtlich plump – das hat geklappt. Zitieren, ironisieren, verfremden – man möchte meinen, dass die Kollegen vom „Spiegel“ sich in diesen Disziplinen noch eine Scheibe bei der „Titanic“ oder – besonders empfehlenswert – beim „Economist“ abschneiden könnten. Wie alle anderen arbeitet sich die britische Wochenzeitung seit langem an Angela Merkel als der beherrschenden Figur europäischer Politik ab und spart nicht mit Kritik an ihr. Dies aber wird auf dem Titel regelmäßig so zugespitzt (Stichwort „scharf“), dass man die entsprechende Geschichte unbedingt lesen will (in der dann aber doch nur immer wieder steht, dass die Bundeskanzlerin die falsche Finanzpolitik verfolgt und gefälligst für billiges Geld sorgen soll).

          Da sehen wir einmal den europäischen Tanker gen Meeresboden sinken und lesen eine Sprechblase, in der jemand Angela Merkel fragt, ob man jetzt nicht vielleicht die Maschinen anwerfen solle. Oder wir sehen Aphrodite, die den Revolver zückt und Clint Eastwood zitiert: „Go ahead, Angela, make my day.“ Für einen echten Klassiker halten wir den Titel „Acropolis Now“, der die Vorliebe der Briten für „Don’t mention the War“-Anspielungen bezeugt, diese aber ausgesprochen elegant mit dem Verweis auf Francis Ford Coppolas Vietnamkriegsepos verbindet.

          Wie leicht wäre es gewesen, so plump wie der „Spiegel“ zu verfahren und auf die Hitler-Zeit zu verweisen, an der die „Spiegel“-Titelmacher so hängen. Und dann erst das an Dalì erinnernde „Economist“-Bild mit Merkel auf einem Sockel, vor der sich der Eiffelturm neigt, der Dom von Pisa kippt und Big Ben in einer Pfütze verschwindet: Europas Malaise. Das war die Bebilderung zu einer Geschichte, in welcher der „Economist“, wenn wir uns richtig erinnern, den Deutschen empfahl, Angela Merkel doch trotz allem wiederzuwählen.

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