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Investigativjournalismus : Wie plant man einen Coup?

Die „SZ“-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier mit Edward Snowden Bild: DOK.fest München/Hinter den Schlagzeilen

Kein Glamour, nur Geduld: Das Münchner Dokfest zeigt den Film „Hinter den Schlagzeilen“ über die Investigativjournalisten der „Süddeutschen Zeitung“. Leider fehlen die spannendsten Aspekte dieses wichtigen Berufsfelds.

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          Investigative Journalisten gelten, nicht nur unter Journalisten, als so etwas wie die Stars der Branche. Im Gegensatz etwa zu Literaturkritikern oder Parlamentskorrespondenten werden über ihre Arbeit sogar spannende Spielfilme gedreht. Der Regisseur Daniel Sager hat nun ein anderes Genre gewählt, als er Frederik Obermaier und Bastian Obermayer begleitete. Zwei Jahre lang blickte er den beiden Journalisten der Süddeutschen Zeitung über die Schulter, um die Welt „Hinter den Schlagzeilen“, wie sein Dokumentarfilm heißt, zu zeigen. Am Mittwochabend hatte der Film Premiere auf dem Münchner Dokfest – und wer bisher noch nicht ahnte, wie wenig glamourös und spektakulär es im Alltag eines Investigativjournalisten zugeht, bekommt es hier eindrucksvoll vor Augen geführt. Die meiste Zeit des Jobs besteht darin, verschlossene Insider erfolglos dazu zu bringen, Geheimnisse zu verraten. Oder auf den Anruf irgendeines Whistleblowers zu warten. Und wenn dann die Informationen belastbar genug sind, um sie zu veröffentlichen, aus Abtippen, Abwägen und langwierigen Gesprächen mit Juristen. Die wichtigste Tugend des investigativen Journalismus ist: viel Geduld.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sager begleitet Obermaier und Obermayer und ein paar ihrer Kollegen zum Interview mit Edward Snowden nach Moskau und zu Recherchen über die Ermordung von Daphne Caruana Galizia nach Malta, nach Israel und Washington zu Gesprächen mit Geheimdienstmitarbeitern über den „gefährlichsten Waffenhändler der Welt“ und zu einem Forensiker, der die Echtheit des Ibiza-Videos überprüfen soll (was er unter anderem dadurch tut, dass er die gezeigten Personen an ihrem „Ohrabdruck“ identifiziert). Als Spannungselement ist der Coup mit dem Ibiza-Video ein Glücksfall für den Film: Er sorgt für einen erzählerischen Bogen, auch wenn Sager der Versuchung widersteht, seine Hauptfiguren zu heroisieren. Lange kann er ohnehin nur den Frust der Reporter zeigen, die ein Jahr lang darauf warten müssen, bis sie endlich das Video in den Händen halten und solange überlegen, wie sie sich auf den „Tag X“ vorbereiten.

          Erinnerung an Daphne Caruana Galizia - und ein Ruf nach Gerechtigkeit
          Erinnerung an Daphne Caruana Galizia - und ein Ruf nach Gerechtigkeit : Bild: DOK.fest München/Hinter den Schlagzeilen

          Die Form des Direct Cinema, die Sager dabei wählte, das möglichst unbeteiligte Beobachten, erweckt hier nie den leisesten Verdacht, dass die Filmemacher, um ihre Wahrheit zu veranschaulichen, der Wirklichkeit ein wenig auf die Sprünge helfen, wie das zuletzt bekanntlich besonders krass beim Dokumentarfilm „Lovemobil“ passierte: „Was man sieht, ist 1:1 so passiert, ohne dass wir groß eingegriffen haben“, sagte Sager in einem Interview. „Vielleicht ist jemand mal extra für uns den Gang entlanggegangen.“ Und tatsächlich ist es wohl diesem Zugang zu verdanken, dass man als Zuschauer in ein paar turbulenten Momenten das Gefühl hat, dass die Protagonisten die Anwesenheit der Kamera ganz vergessen: als sie die ersten Bilder des Ibiza-Videos mit albernen Spezialbrillen anschauen, ohne die nur ein weißer Bildschirm zu sehen wäre; als Heinz-Christian Straches Pressesprecher kurz vor der Veröffentlichung des Ibiza-Videos auf dem Handy des Redakteurs Oliver Das Gupta anruft, um herauszufinden, was die Journalisten wissen; oder als Obermaier mit Chefredakteur Wolfgang Krach berät, ob man Ausschnitte aus dem Video oder nur ein Transkript veröffentlichen soll, und die möglichen strafrechtlichen Folgen abwägt („30 Tagessätze … so what?“).

          Dass die Methode aber hier auch an ihre Grenzen kommt, liegt nicht nur an dem offensichtlichen Problem, dass sich die professionellen Enthüller, weil sie selbstverständlich ihre Quellen und Methoden nicht verraten wollen, selbst nur wenig in die Karten schauen lassen. Sie führt eben auch dazu, dass der Film nur jene Fragen aufwirft, die sich seine Helden selbst stellen. Umso mehr irritiert, dass die spannendsten Aspekte dieses wichtigen Berufsfelds fehlen: Wie die Reporter ihre Themen auswählen, welche Missstände sie überhaupt aufdecken wollen, welche grundsätzlichen Erkenntnisse ihre skandalträchtigen Leaks ergeben oder in welche größeren Zusammenhänge sie eingeordnet werden müssen, zeigt der Film nicht. Aber vielleicht hat Sager all die anregenden Diskussionen darüber auch einfach rausgeschnitten.

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