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„Harter Brocken“ im Ersten : High Noon auf dem Hexentanzplatz

  • -Aktualisiert am

Der Brocken ist sein Revier: Dorfpolizist Frank Koops (Aljoscha Stadelmann). Bild: ARD/Volker Roloff

Der Brocken stehet still und schweiget, doch die Ruhe trügt: Im ARD-Harz-Western „Harter Brocken. Die Kronzeugin“ muss sich der Polizist Frank Koops durch reichlich dicke, weil bleihaltige, Luft bewegen.

          Wieder mal „nix los im Harz“, dudelt der Verkehrsfunk im Radio. „So mögen wir das.“ Der Brocken stehet still und schweiget, ein geistig verwirrter Mann ist in der Gegend abgängig, die Polizistin aus Braunlage fährt nach St. Andreasberg, um die Aufklärung des größten Falls 2013 zu präsentieren: Den Fund eines rostigen Fahrrads. Mette Vogt (Anna Fischer) macht überdies dem Kollegen Frank Koops (Aljoscha Stadelmann) schöne Augen. Er hält sich von solchem Aktionismus fern. Auf der Bank vor der Dienststelle schnitzt er Büffel aus Speckstein, der Beruhigung wegen. Beruhigung? Für den flüchtigen Betrachter wirkt Koops Schwerfälligkeit als stünde er kurz vor dem Stupor.

          Wie man in „Harter Brocken - Die Kronzeugin“ bald ahnt, verbirgt sich darin aber ein so hart wie zeitweise vergeblich verteidigtes Prinzip der Genügsamkeit. Und der Genauigkeit. Nur nicht beim Schießen. Während in diesem Harzwestern Waffen überall präsent sind und nach der Ruhe der Exposition das Blei andauernd aus allen Rohren geballert wird, ist Frank Koops eine einzige Niete, wenn es ums Treffen geht. Nie könnte dieser Sheriff schneller als sein Schatten schießen. Halma beim Bier in der Gaststätte, und zwar höchst regelmäßig: mehr Abenteuer ist nicht drin. Im Auto ein Kassettenrekorder, mit Smartphone sieht man ihn nie. Wenn er technische Neuerungen benutzt, müssen sie nützlich sein wie die Teleskopfliegenklatsche auf dem Revier. Frank Koops umfassende Eigenwilligkeit folgt einem höheren Plan.

          Liebevoll abgekupfert

          2015 strahlte die ARD den ersten Showdown im Harz des Frank Koops aus. „Harter Brocken“, geschrieben von Holger Karsten Schmidt, erzielte die höchste Jahresquote eines einzelnen Fiktionsstücks. Zu Schmidts Krimiproduktionen zählen Filme wie „Mörder auf Amrum“ oder „Mord in Eberswalde“. Mit Filmen wie „In Sachen Kaminski“ und „Auf kurze Distanz“ hat Schmidt gezeigt, wie man Genregrenzen ausschreitet und aus ihnen ausbricht. So auch hier. „Harter Brocken“ ist bis in die Kameraeinstellungen hinein liebevoll abgekupfert vom klassischen Western (Bildgestaltung Peter Joachim Krause), zitiert den allwaltenden Lokalkrimi und nimmt ihn ernster als ernst, um in seinen Übersteigerungen einen Abglanz des Wahren, Schönen, Guten zu finden. Stephan Wagner inszenierte im ersten Fall neben seinem Helden eine Fülle anderer Originale und ihren blutige Opfer fordernden Treck gen Provinz. Aljoscha Stadelmann beweist, dieses Mal unter der Regie Florian Baxmeyers, dass mehr als das Nötigste reden in Filmen völlig überbewertet und Körpersprache ein unmittelbar verständliches Idiom ist.

          Im Gegensatz zu anderen Landeipolizisten wurde Koops weder strafversetzt noch ist er aus dem Lärm der Welt in die Provinz gekommen, er war nie richtig weg. „Sehr überschaubar“, findet Christiane „Kuschel“ Kuschnereit (Anja Kling), die beim Personenschutz des LKA Karriere gemacht hat und nun eine Kronzeugin in einer der Touristenblockhütten bis zum Prozessbeginn versteckt hält, das Ambiente. „Ich glaube, die Stille würde mich auf Dauer umbringen.“ „Je stiller die Stille, umso mehr kann man hören.“ Etwa die Anwesenheit mehrerer LKA-Beamter mit finsteren Absichten, die auf der Lohnliste des Schwerkriminellen Kuzman Petrovic (Josef Ostendorf) stehen, gegen den die Kronzeugin aussagen soll. Im Untersuchungsgefängnis holen sich die korrupten Beamten Philipp Benedikt (Johannes Krisch) und Tobias Gottschalk (Stephan Grossmann) ihre Instruktionen ab.

          Eine Schießerei später sind in St. Andreasberg fünf Todesopfer zu vermelden, darunter Koops Jugendliebe „Kuschel“, mit der er in der unvergessenen Schülerband „Ready for Suicide“ mal Punkrock spielte. Die Kronzeugin immerhin lebt, innerhalb der Konspiration noch einmal versteckt, nämlich im Hotel Schöckinger mit seinem „Bares-für-Rares“-Charme. Postbote Heiner Kelzenberg (Moritz Führmann), der größte Wyatt Earp-Verehrer aller Zeiten, Schützenkönig und ein Born an unnützem Wissen über historische Schießereien, und die beherzte Mette aus Braunlage treten an zum Schutz der verfolgten Kronzeugen-Unschuld Matilda Schönemann (Alwara Höfels). Im Verlauf der Jagd durch Wald und Flur werden Sessellifte und Downhill-Strecken zu Pferden und Prärie. Es kommt zur Frontalkonfrontation. Nicht die letzte. Gleich zwei neue „Brocken“-Filme gibt es nun innerhalb weniger Wochen. Auf „Die Kronzeugin“ folgt am 25. Dezember der Fall „Der Bankraub“.

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