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Heute im Fernsehen: „Liebesjahre“ : Schau nicht zurück!

Da sind noch ein paar Rechnungen offen: Vera (Iris Berben) und Darius (Axel Milberg) ahnen es langsam Bild: Rainer Bajo

In „Liebesjahre“ treffen sich zwei Geschiedene, um ihr inzwischen leerstehendes Haus zu verkaufen. Matti Geschonnecks beendet mit dem bewegenden Werk seine Trilogie.

          Ein Aufbruch ins Ungewisse ist immer gefährlich. Wer weiß schon, was die Entscheidung für ein neues Leben mit sich bringt. Gefährlicher jedoch als der Aufbruch ist die Rückkehr. Denn wer zurückblickt, das lehrt uns nicht nur das Schicksal von Eurydike oder Lots Frau, der schaut auf das, was einmal das eigene Leben war und für immer vergangen und verloren ist. Dass wir auf der Welt sind, um alles zu verlieren - diese Erkenntnis trifft auch Vera ganz plötzlich, als sie an einem kühlen Herbsttag von Hamburg aus zu ihrem früheren Haus an der Nordsee aufbricht: „Die Arbeit der Zeit ist wirklich eine Zumutung“, stöhnt sie.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Hier in diesem ländlichen Idyll zwischen Wiesen und Weiden hat Vera zusammen mit Uli ihr halbes Leben verbracht. Hier kamen ihre beiden Töchter zur Welt und wurden groß, hier, in dem alten Bauernhaus aus roten Klinkersteinen, verwirklichte Uli als Architekt seine Träume, die, je größer die Kinder wurden, beruflich immer kleiner gerieten. Und hier nun treffen sich die Geschiedenen, um das inzwischen leerstehende Haus zu verkaufen. Doch selbst wenn Vera mit dem Verkauf des unbehausten Anwesens die Hoffnung verband, auch die eigenen Erinnerungen loszuwerden, erweist sich diese Aussicht als trügerisch. Denn was als kurze, schmerzlose Abwicklung geplant ist, entwickelt sich rasch zur psychischen Belastungsprobe.

          Programmierter Konflikt

          Schon Veras Ankunft gerät zum Flop, als sie im Haus nicht nur auf Uli trifft, den sie seit zwei Jahren nicht gesprochen hat, sondern auch auf dessen Ehefrau Johanna, von deren Existenz Vera nichts wusste. Höflichkeitsfloskeln mutet man sich erst gar nicht zu, und so droht die gespannte Situation immer wieder zu eskalieren.

          Vera hat, wie so oft, längst einen Plan und außerdem Listen, mit denen sie die Räumung des Hauses angehen will. Aber Uli will lieber durch die verlassenen Zimmer spazieren und sich dabei inspirieren lassen, wobei nicht klar ist, zu was. Der Konflikt ist programmiert, doch erst die Ankunft von Darius, ein Schauspieler aus Hamburg und Veras Geliebter, stellt das konfliktreiche Gleichgewicht in diesem abgründig dichten Kammerspiel her.

          Exzellentes Ensemble

          Mit „Liebesjahre“ beschließt Matti Geschonneck seine Trilogie, in der er verschiedene Formen der Liebe und die Folgen von deren Abwesenheit mit der Kamera erkundet. Auch in den ersten beiden Filmen, „Wer liebt, hat Recht“ und „Silberhochzeit“, spielte Iris Berben die Hauptrolle. Und wie schon in den vorherigen Werken steht ihr ein exzellentes Ensemble zur Seite, in diesem Fall sind es Nina Kunzendorf, Peter Simonischeck und Axel Milberg. Wie deren Figuren auf engstem Raum ihre Formation ständig verändern; wie sie sich wechselseitig belauern; wie sie versuchen, den anderen auszutricksen, die Schwächen der Gegner suchen, dann aber meist mit stillen Tönen zuschlagen; wie sie Allianzen bilden, die sofort wieder brechen: das ist, zumal in der schnörkellosen Regie von Matti Geschonneck eine hohe Kunst und ein großes Vergnügen.

          Da kann jede Geste der Höflichkeit zur Bedrohung mutieren, jedes beiläufig gesprochene Wort noch Stunden später zur Waffe umgemünzt werden. Dabei haben nicht nur die ehemaligen Eheleute noch Rede- und Streitbedarf, auch die aktuellen Paare warten noch mit mancher Überraschung auf. Was von dem Haus, dem Garten, der Familie bleibt, wenn man ehrlich und offen zurückschaut, davon erzählt Matti Geschonneck in diesem mutig reduzierten Kammerspiel mit vier Schauspielern, einem Schauplatz und einer fast zur Deckung kommenden Erzähl- und erzählten Zeit. Dennoch konfrontiert er uns mit den Dingen des Lebens, des Liebens und des Sterbens niemals theatralisch. Die Schlussvolte setzt dabei den überraschenden Kontrapunkt zur filmischen Konstruktion, die keine Entwicklung vorsieht, keine Lösung und auch keine Erlösung.

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