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HR2-Kultur : Gibt der Hessische Rundfunk seinen Kultursender auf?

Den Mitarbeitern des Hessischen Rundfunks wurde bei einer Betriebsversammlung die Vorschläge einer sogenannten „Portfoliogruppe“ präsentiert: HR2-Kultur soll zu einer reinen Hörfunkwelle für klassische Musik werden. Bild: Ricardo Wiesinger

Kulturradio ist ein Nischenprogramm – der Hessische Rundfunk will seinen Kultur-Sender HR2-Kultur deshalb in eine reine Hörfunkwelle für klassische Musik umwandeln.

          Es kann sein, dass es vom 1. April des kommenden Jahres an den kleinen, feinen Radiosender HR2-Kultur nicht mehr geben wird. Jedenfalls wurden den Mitarbeitern des Hessischen Rundfunks bei einer Betriebsversammlung am vergangenen Donnerstag die Vorschläge einer sogenannten „Portfoliogruppe“ präsentiert, denen zufolge aus HR2-Kultur eine reine Hörfunkwelle für klassische Musik, also HR-Klassik, werden soll, während die Kulturberichterstattung aus Hessen und deren kritische Einordnung vor allem zum Nachrichtenkanal HR-Info und auf hessenschau.de, die Internetplattform des Senders, abwandert. Im Klartext: Was man im bildungsbürgerlichen Sprachgebrauch und durchaus mit Traditions-Pathos als „kulturelles Wort“ bezeichnet, wird seiner herausgehobenen Stellung beraubt und dem allgemeinen Informationsangebot integriert, dabei notwendiger Weise auch verkleinert.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Endgültig beschlossen ist das Ganze noch nicht, fest entschlossen zu sein aber scheinen die Intendanz und die leitenden Gremien in Frankfurt, dieser, so der HR-Pressechef Christoph Hammerschmidt, „generellen Richtungsentscheidung“ eine gravierende programmstrukturelle Konsequenz folgen zu lassen. Begründet wird deren Notwendigkeit mit dem hehren Ziel der Zukunftsfähigkeit des Senders, die ihrerseits den veränderten Hörgewohnheiten des Publikums und der unaufhaltsamen Digitalisierung aller Lebensbereiche Rechnung zu tragen habe.

          Radio dient als „Begleitmedium“

          Dazu gehört nicht zuletzt, dass angeblich immer weniger – zumal jüngere – Menschen den Hörfunk im Allgemeinen, insbesondere aber das Kulturradio, ganz gezielt einschalteten, weil sie sich eine bestimmte Sendung, ein bestimmtes Format nicht entgehen lassen wollen. Stattdessen müsse sich das Radio seiner Funktion als „Begleitmedium“ noch bewusster werden. Das bedeutet zweierlei: Zum einen sollen die Inhalte des mehr oder weniger zufällig Eingeschalteten umstands- und anstrengungslos „durchhörbar“ sein, zum anderen aber auch, sei es als Podcast oder in der Mediathek des jeweiligen Senders, beständig, zumindest jedoch temporär verfügbar bleiben.

          Was an solchen Prämissen bloßer Momentangeist und was wirklich haltbar ist, sei dahingestellt. Selbst wenn alles stimmte, plausibilisierte oder rechtfertigte es das mögliche Ende von HR2-Kultur als einem annähernd ästhetischen Vollprogramm aus Literatur, Kunst, Kritik und Musik keineswegs. Ohnehin wurde der sogenannte Wortanteil in der jüngeren Vergangenheit mehrfach eingeschränkt, etwa indem man Bildungsprogramme wie das „Funkkolleg“ auslagerte.

          Auch die Erreichbarkeit via UKW hat man zugunsten der Jugendwelle You FM oder von HR-Info reduziert. Dafür ist das hessische Kulturradio – wie alle anderen Kultursender der ARD – dank des Livestreams im Internet wenigstens potentiell so global wie ubiquitär geworden. Auch der Verweis etwa auf den Bayerischen Rundfunk, der mit BR-Klassik reüssiert, überzeugt nicht, ist die E-Musik doch nicht statt eines umfassenderen Kulturprogramms, sondern zusätzlich zu Bayern 2 etabliert worden.

          Minderheitsprogramm für weniger als 100.000 Hörer

          Das gewichtigste Argument für HR2-Kultur ist nachgerade, dass es sich um ein reines Minderheitenprogramm handelt, das täglich von nicht einmal hunderttausend Zuhörern frequentiert wird, also von knapp eineinhalb Prozent der hessischen Bevölkerung. Man muss diese Minderheit keineswegs zur Elite des Landes veredeln, um ganz entschieden für den Erhalt dieser Hör-Oase einzutreten.

          Sicher ist, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nirgendwo sonst derart bei sich selbst ist wie in seinen Kulturradios. Sie lassen sich nur und ausschließlich über den Rundfunkbeitrag finanzieren, was man von massenkompatibleren Veranstaltungen wie Fußball, Volksmusik oder Quizspielen durchaus nicht behaupten kann. Nicht weniger als der tendenziell kommerzferne Anteil am Zivilisationsstandard unserer Gesellschaft also lässt sich an den Kulturradios bemessen, die wir uns mit unseren Pflichtbeiträgen leisten und leisten sollen. Nebst dem Kulturprogramm des Saarländischen Rundfunks ist HR2-Kultur die wohl kleinste Oase der Republik. Sie darf nicht austrocknen, indem man sie weitgehend ins Netz oder in die Unterabteilungen von HR-Info exiliert.

          Die „strategische Weichenstellung“, die der HR-Pressechef im Einklang mit dem Intendanten Manfred Krupp und den anderen Sendergewaltigen mit dem Hörfunkdirektor Heinz Sommer an der Spitze propagiert, kann in der geplanten Form nur in die Sackgasse führen, in die grobe Verengung einer wirklich öffentlich-rechtlichen Verantwortung. Es ist im Grunde ganz einfach: Man kommt den Kritikern des Rundfunkbeitrags nicht dadurch entgegen, dass man das inhaltlich Populärere wie das durchhörbar Zugängigere erweitert und das scheinbar Elitäre ins tendenziell Abseitige verbannt. Portfoliogruppen wie im Hessischen Rundfunk, die so etwas vorschlagen und nun durchsetzen wollen, irren sehr.

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