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Herbert Reinecker : Und das sind keine Krimis mehr

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Keine Männerfreundschaft: Reinecker (mi.) mit Horst Tappert (re.) und Fritz Wepper Bild: AP

Schuldhafte Verstrickungen und unentrinnbare Sühne als Lebensthema: Herbert Reinecker schrieb rund 400 Krimifolgen. Mit „Derrick“ schuf er eine Fernsehikone. Seinem Hauptdarsteller waren die Drehbücher indes oft zu moralinsauer.

          Leicht hat es sich Herbert Reinecker nie gemacht. Den größten Teil seines Lebens hat er gelitten an der Welt. Jetzt, da ihm Sehen, Sprechen und Hören schwerfallen, ist seine Schwermut auch körperlicher Natur. Seit die von ihm erfundene ZDF-Krimireihe „Derrick“ im Jahr 1998 eingestellt worden ist, sorgt sich Reinecker um seinen Nachlaß. „Ich habe seitdem viele Bücher diktiert zu Themen, die ich mir aussuchen konnte“, sagt er, „und das waren bestimmt keine Krimis mehr.“


          Wen Herbert Reinecker zu sich in das massiv-gemütlich wirkende Haus am Nordufer des Starnberger Sees (und heute zu seinem neunzigsten Geburtstag kann von elf Uhr an kommen, wer möchte) lädt, der wird mit seinen Schätzen konfrontiert. Sie sind heute auf Band gespeichert, früher hatte er zahllose Aphorismen und Gedanken, auf Zettel geschrieben, in allerhand Kästchen abgelegt. Kein Gedanke sollte entfliehen. „Man muß den Lauf der Welt in einem großen Zusammenhang sehen“, sagt Reinecker, „leider hat sich nichts zum Besseren gewendet. Die Gewalt aus dem Zweiten Weltkrieg (Reinecker nennt ihn schlicht „diesen Scheißkrieg“) „setzt sich fort. Moralische Schranken gibt es gar nicht mehr. Jede Nachrichtensendung heute“ (er schaut nichts anderes mehr auf seinem riesigen Fernseher) „ist entsetzlich.“

          Talent auch für zweifelhafte Zwecke eingesetzt

          Reinecker würde die moralischen Schranken, die er vermißt, gerne „wieder sichtbar“ machen. Dafür schreibt er Bücher wie „Herzlich willkommen beim Jüngsten Gericht“, erschienen 2002. Darin setzt sich ein Bühnenautor mit der Frage auseinander, was zu tun wäre, wenn es das Jüngste Gericht tatsächlich gäbe: „Was könnten wir sagen, um vor dem höchsten aller denkbaren Gerichte bestehen zu können?“ Der Bühnenautor fragt sich, ob es nicht höchste Zeit sei, sich um seine Verteidigungsrede zu kümmern.
          Es gehört nicht viel Phantasie dazu, in dem Bühnenautor ein Alter ego Herbert Reineckers zu erkennen.

          Das Talent zum Schreiben wurde dem Sohn eines Reichsbahnarbeiters zweifellos in die Wiege gelegt. Mit dem Schreiben verdiente er sich schon als Fünfzehnjähriger bei der „Hagener Zeitung“ seine ersten Schlittschuhe. Er setzte sein Talent auch für zweifelhafte Zwecke ein. Er verfaßte Beiträge für das HJ-Zentralorgan „Pimpf“ und schrieb noch im letzten Kriegsjahr das Drehbuch für den Durchhaltefilm „Junge Adler“. Nach dem Krieg zeigte er mit Drehbüchern zu „Canaris“ (wofür er 1955 den Deutschen Filmpreis erhielt) und „Die Trapp-Familie in Amerika“ seine wahre Größe. Von ihm geschriebene Straßenfeger wie „Der Tod läuft hinterher“ und „Babeck“ machten den Produzenten Helmut Ringelmann 1969 auf Reinecker aufmerksam.

          Horst Tappert attestierte er „Größenwahn“

          Eine für beide lukrative Zusammenarbeit begann. Fast 400 Krimifolgen (97mal „Der Kommissar“, 281 Folgen „Derrick“, viermal „Siska“) beschäftigten Legionen von Schauspielern und führten sogar zu einem eigenen Idiom. Herbert Reinecker ist der Schöpfer jenes „Krimideutschs“, das Kenner bereits nach einem Satz - Stichwort: „Harry, hol schon mal den Wagen!“ - erkennen.

          Reineckers Geschichten handeln stets von schuldhaften Verstrickungen und unentrinnbarer Sühne. Das ist sein Lebensthema. Und das hat ihm nicht nur Freunde eingebracht. Der Schauspieler Horst Tappert hat auf seine alten Tage einmal gewettert, ihm seien Reineckers Bücher zu moralinsauer, oft habe er sie in die Ecke gepfeffert. Das hat der Autor staunend zur Kenntnis genommen. Tappert solle doch bitte überlegen, wem er seinen Erfolg zu verdanken habe, gab der passionierte Golfspieler zu bedenken und attestierte Tappert knapp „Größenwahn“. Eine Männerfreundschaft ist zwischen dem Darsteller und dem Autor nicht mehr entstanden.

          Reinecker sieht sich mit „Derrick“ als Fels in der Brandung. „Ich stehe für einen bestimmten Stil und stelle an mich hohe Ansprüche“, sagte er. Bei ihm gebe es weder Karambolage-Orgien noch unflätiges Benehmen. Wer dem Zeitgeist folgt, mag sagen, für das Fernsehen à la Reinecker sei die Uhr abgelaufen. In Zeiten flachester Witze und inhaltsleerer Effekte auf so vielen Kanälen hat die Standpunktfestigkeit Herbert Reineckers allerdings nicht nur einen anachronistischen Reiz. Er möchte nicht noch einmal jung sein, sagt Reinecker heute. „In meinem Alter habe ich Erfahrungen von solcher Qualität und Größe, daß ich es vorziehe, alt zu sein.“ Wenn er sich etwas wünschen dürfte, dann „daß meine Familie durchkommt, denn wir gehen Ereignissen entgegen, die wir so noch nie erlebt haben, die denen der Apokalypse sehr nahe sein werden“. Seinen neunzigsten Geburtstag feiert er an Heiligabend.

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