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Helmut Kohl im Film : Der Kanzler und die innere Wahrheit der Kunst

Eine erstaunliche Freundschaft: Kohl und Mitterand (Erick Desmarestz) Bild: ddp

Wer war Helmut Kohl? Und wie gelang ihm die deutsche Einheit? Das erzählt der Dokumentarist Thomas Schadt in seinem großen Fernsehfilm „Der Mann aus der Pfalz“. So nahe wie Schadt ist dem Politiker und Menschen bisher kaum jemand gekommen.

          In diesem Film kommt Helmut Kohl kaum zu Wort. Nur in kurzen historischen Rückblenden hören wir ihn im Original. Und doch spricht der ehemalige Bundeskanzler ununterbrochen. In einem neunzig Minuten langen inneren Monolog tritt er auf in der Gestalt des Schauspielers Thomas Thieme. Schwer atmend, sinniert er über politische Ziele, seinen politischen Weg, über die Grabenkämpfe, die er ausfocht und gewann.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wir sehen diesen Helmut Kohl im Sommer 1989 nicht auf dem Höhepunkt seiner Macht, sondern als ohnmächtigen Kanzler. Wie im Bunker sitzt er in seinem Büro, notiert sich auf einem Block die Namen der Verschwörer, die ihn als Parteichef stürzen wollen. Bedächtig tritt er ans Aquarium und füttert die Fische. Im nächsten Augenblick verstößt er in einer wütenden Aufwallung den Generalsekretär seiner Partei, Heiner Geißler, hier gespielt von Claus Theo Gärtner. Bestens präpariert, marschiert der Bundeskanzler sodann in die Sitzung des Parteipräsidiums, das mit ihm abrechnen will. Landtagswahlen sind verlorengegangen, die CDU wirkt wie ein Kanzlerwahlverein, der Vorsitzende ist angeschlagen. Es ist Ende August 1989 - Zeit für eine Revolte.

          Politiker aus Berufung

          Die Revolte fiel aus, wie wir wissen, sie ging unter in der friedlichen Revolution, die im Herbst 1989 den Weg zur deutschen Einheit ebnete. Diese hat Helmut Kohl so wenig vorhergesehen wie alle anderen in der Bundesrepublik, doch hat er, spätestens als die Ungarn die Grenzen öffneten, die Chance ihrer Verwirklichung erkannt und genutzt, er hat nicht gezögert, sondern gehandelt, mit Gorbatschow, Bush und Mitterrand das Tableau der europäischen Nachkriegsordnung neu bestellt und sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen. Reden, das könnten sie, hören wir Thomas Thiemes Bundeskanzler sagen, wie er in die Runde seines Parteivorstandes blickt. Aber entscheiden und Entscheidungen durchsetzen, das sei etwas anderes. Einer müsse sich „den Hut aufsetzen“. Helmut Kohl setzt sich den Hut auf.

          Weltpolitik aus dem Oggersheimer Wohnzimmer: Kohl erstellt den Plan zur Einheit

          Das tat er schon als der junge, von der neuen christlichen Partei begeisterte Mann, den Stephan Grossmann spielt. Ahnungs-, ja geradezu sprachlos erscheint er zu Beginn seiner Karriere, da er nicht viel mehr zu formulieren weiß, als dass er eine solche anstrebt: Politik als Beruf, das erscheint dem jungen Helmut Kohl als Berufung, dafür muss er Max Weber nicht gelesen haben. Nie wieder Krieg, die Aussöhnung mit Frankreich, ein freiheitlich-bürgerliches Fundament für die Gesellschaft: das sind die Koordinaten von Kohls politischem Kosmos.

          Feinnerviger Koloss

          Ihn, den die meisten nur als ewigen Kanzler in Erinnerung haben, als Herrscherfigur sondergleichen, die jeden Widerstand im Keim erstickte und Skandale aussaß, lernen wir in dem Film „Der Mann aus der Pfalz“ als einen anderen kennen: als feinnervigen Koloss, dessen äußere Erscheinung die Betrachter in die Irre führt. Fortwährend stopft dieser Mann Schokolade in sich hinein, sein Fingerspiel wirkt geradezu zart, die Hände scheinen nicht demselben Körper zuzugehören, der sich durch den Raum wuchtet.

          Hätte er nicht die Konstitution eines Ochsen, sagt Thiemes Kohl irgendwann, hätte er das alles nicht durchgestanden. Das alles: das Ringen um seinen Aufstieg, die Kanzlerschaft, die deutsche Einheit, die Verhandlungen mit den Alliierten, die Kämpfe mit den innenpolitischen Gegnern - zu denen Kohl mit Recht einen Großteil der Presse zählt -, die in der eigenen Partei und schließlich die Krankheit. Wir lernen Helmut Kohl auch noch als Jüngling kennen. Er stiehlt Kohlen, freit unbeholfen seine angebetete Hannelore (Rosalie Thomass, die ältere Hannelore Kohl spielt Renée Soutendijk), reißt mit Freunden einen Pfahl an der deutsch-französischen Grenze nieder, stößt als Student in den politischen Zirkel eines Pfarrers, gilt in der CDU als junger Wilder und wird von Konrad Adenauer - dargestellt in einem glänzenden Kurzauftritt von Ernst Stankovski - erkannt: als der kommende Mann.

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