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Helmut Dietl zum Siebzigsten : Die perfekte Verbindung von Pathos und Ironie

Für seinen Film „Rossini“ bekam Helmut Dietl 1997 den Deutschen Filmpreis - aus den Händen seines Kollegen Bernd Eichinger Bild: picture-alliance / dpa

Von ihm stammen Serien wie „Monaco Franze“ und „Kir Royal“, die Filme „Schtonk“, „Rossini“ und „Zettl“: Dieser Regisseur kann Komödie und Tragödie zugleich erzählen. Helmut Dietl zum Siebzigsten.

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          Vom Kleinen zum Großen, das ist der Normalgang. Im Fall des Regisseurs Helmut Dietl kann man sagen, war schon das Kleine, der Anfang, gleich ganz groß. Mit der Fernsehserie „Münchner Geschichten“ (1974/75) hievte er, der als Aufnahmeleiter und Dramaturg Erfahrung beim Fernsehen, am Theater und in einer Filmproduktion gesammelt hatte, das Genre Vorabendserie auf ein neues Niveau. Und mit einem Schlag war der in Bad Wiessee geborene, in München bei seinen Großmüttern aufgewachsene Dietl ein Versprechen auf eine bessere Fernsehzukunft.

          Hannes Hintermeier
          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die Geschichten aus dem Münchner Stadtviertel Lehel, das der Gentrifizierung anheimzufallen beginnt, bestachen durch ihr extrem feines Gehör für den Alltag der kleinen Leute, sie zeigten die selbsternannte Weltstadt mit Herz als Ansammlung benachbarter Dörfer mit Milieuzuschnitten. Giesing ist eben ein anderer Planet als Schwabing. Die wunderbare Therese Giehse spielte da mit, an der Seite eines jungen Ensembles mit Michaela May und Towje Kleiner; den dreiviertelreifen Tscharlie gab Günther Maria Halmer, eine Rolle, die er nie wieder los wurde.

          Aufs vermeintlich Kleine konzentriert

          Mit der zwölfteiligen Serie „Der ganz normale Wahnsinn“ (1979/80) zeigte Dietl, wie viel Rock ’n’ Roll im Landkreis München möglich ist und wie zwingend der sich nun anschließende Durchbruch zu nationaler Bekanntheit war. Zusammen mit dem Schriftsteller Patrick Süskind erfand Dietl einen lebenshungrigen und -lustigen Stenz: Zwar verlief die Lebensbahn des „Monaco Franze“ (1983) stetig Richtung Gosse, aber die Kunst Dietls bestand darin, seiner von Helmut Fischer genial verkörperten Figur eine Haltung zu spendieren, die man in der heutigen Comedy-Welt vermisst: dass das Leben schon auch eine Gaudi sein sollte, nicht nur Effizienz und Ökonomie. Auf keinen Fall ist damit der neudeutsche Fun gemeint, sondern der lateinische Wortsinn - Freude, Vergnügen.

          Der Spaß des Autorenfilmers an der Freud drückt sich in seinem Perfektionismus - wie Dietl selbst sagt: in seiner Pedanterie - aus. Handwerklichen Feinschliff brachte 1986 auch die Erfolgsserie „Kir Royal“ um den Münchner Klatschreporter Baby Schimmerlos mit, danach ging es Richtung große Leinwand. Mit „Schtonk!“, dem Film über die „Stern“-Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher, gelang Dietl nicht nur eine Oscar-Nominierung, sondern, viel wichtiger, der erste Film, in dem sich Deutschland traute, über Hitler zu lachen. Seinem Lebensthema, der Schickeria-Scheinwelt von Film, Fernsehen und Medien, blieb er auch in „Rossini - oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ (1997) treu, durchaus mit dem Mitteln künstlerischer Selbstausbeutung - indem er sich, seinen Freunden Bernd Eichinger, Wolf Wondratschek und Patrick Süskind sowie seinem Stammitaliener ein ironisches Denkmal setzte. Das Kinopublikum kam zu Millionen, die Kritik frohlockte. So wurde in dieser staunenswerten Laufbahn alles stets größer - Produktionskosten, das Aufgebot an Stars, der Preisregen.

          Im neuen Jahrtausend lief es für den mittlerweile in vierter Ehe verheirateten Dietl beruflich nicht mehr so rund. „Vom Suchen und Finden der Liebe“ (2005) wurde gewürdigt als mutiges filmisches Experiment, das aber nicht funktioniere. Vor zwei Jahren ging er mit der nach Berlin verlagerten Fortschreibung von „Kir Royal“ baden: „Zettl“ fiel an der Kinokasse und bei der Kritik durch. Wer wie Helmut Dietl vom Erfolg verwöhnt ist, wird die Unbarmherzigkeit der Ablehnung nicht leicht verdauen. Dabei hatte sich der Große auf das vermeintlich Kleine konzentriert und ein Kammerspiel mit dem österreichischen Kabarettisten Josef Hader in Planung, als er im vergangenen November seine Krebserkrankung öffentlich machte. An diesem Sonntag wird Helmut Dietl siebzig Jahre alt.

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