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Hellmuth Karasek zum 80. : Sein profunder Unernst

In zwingender Pose: Hellmuth Karasek Bild: dpa

Wer gegen diesen Leistungsträger zum Wortduell antritt, der hat schon verloren: dem Kritiker und Journalisten Hellmuth Karasek zum Achtzigsten.

          Unter den vielen Geschichten, die man sich beim „Spiegel“, als es dort noch mehr zu lachen gab, über Hellmuth Karasek erzählte, ist diese hier nicht unbedingt die wahrste, und die gemeinste ist sie auch nicht; dass sie stimmt, kann nicht bewiesen werden, dass sie stimmig ist, aber schon: Einmal habe Karasek, der hochbezahlte Kulturchef des „Spiegels“, den weniger gut bezahlten Kollegen und einigen Sekretärinnen vorgerechnet, dass er im Grunde ärmer als sie alle sei.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Schreiben strenge ihn so an, dass er sich, wenn er fertig sei, mit teurem Champagner belohnen müsse. Das Theater sei meistens so grauslich, dass man, schon bevor es losgehe, Champagner trinken müsse. In den Pausen noch mehr. Und wenn man sich danach nicht ein sehr gutes Abendessen gönne, sei so ein Theaterabend ja meistens gar nicht zu ertragen. Er habe also sehr hohe Produktionskosten für das, was er so tue; wenn man die abziehe, bleibe ihm praktisch kaum noch Geld zum Leben.

          Fortsetzung des Schreibens mit anderen Mitteln

          Die Zuhörer, so erzählte man sich weiter, wussten nicht, ob sie sich amüsiert oder doch beleidigt fühlen sollten – und genau darin lag immer das Genie des Feuilletonisten Hellmuth Karasek: Die Künste, über welche er schrieb und urteilte, das Theater also, später auch das Kino und immer wieder die Literatur, diese Künste nahm er so ernst, dass es ihm nicht reichte, nur anständige Rezensionen und halbwegs haltbare Urteile zu formulieren.

          Die Künste waren dazu da, ihn zu inspirieren, und wenn, nach 250 Zeilen ungefähr, ein Karasek-Artikel zu Ende ging, weil im Blatt nicht mehr Platz für Karaseks Inspiriertheit war, dann setzte er seine Auftritte eben im Leben fort. Wer, wie der Autor, je mit Hellmuth Karasek in derselben Redaktion gearbeitet hat, der weiß, dass es wunderbare Billy-Wilder-Momente mit ihm gibt, manchmal auch Dialoge, so scharf wie bei „Richard III.“, und selbst notorisch autoritäre „Spiegel“-Chefredakteure gaben zu, dass Karasek jedes Wortduell gewann. „Als er kam, wollte ich ihn kritisieren. Als er ging, ging er mit einer Gehaltserhöhung“, hat einer dieser Chefs immer wieder erzählt.

          Wer solche Qualitäten als Performer hat, kommt auf Dauer am Fernsehen nicht vorbei; aber wer meint, erst im Fernsehen habe der Witzbold Karasek zu sich selbst gefunden, der unterschätzt diesen Autor gewaltig. Lange bevor es losging mit dem „Literarischen Quartett“, war es Hellmuth Karasek, der die verklemmte Scheinseriosität des deutschen Feuilletons mit profundem Unernst und hochkompetenter Oberflächlichkeit konterte. Und man tritt ihm hoffentlich nicht zu nahe mit der Vermutung, dass diese Qualitäten etwas mit seiner Herkunft zu tun haben könnten: Im Osten des deutschen Sprachraums, also in Brünn zum Beispiel, wo Karasek geboren wurde, war die Sprache Goethes und Thomas Manns immer durchlässiger für den tschechischen und den jüdischen Witz. Der galizische Jude Billy Wilder wusste schon, warum er sich dem Deutschen Hellmuth Karasek anvertraute.

          Seit ein paar Jahren, so kommt es jedenfalls dem Zeitungsleser vor, arbeitet Karasek für die Zeitungen des Springer-Verlags, und wie es aussieht, überarbeitet er sich nicht dabei. Heute wird er achtzig Jahre alt.

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