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Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder : Der alte Mann und die dicke Tante

  • -Aktualisiert am

Seit zwanzig Jahren stehen eine untersetzte Frau im bunten Overall und ein dürrer Mann mit lockigem Haar und tiefen Gesichtsfurchen gemeinsam vor der Kamera und beleidigen sich gegenseitig: Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder sind Überbleibsel einer Zeit, die es nicht mehr gibt.

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          Neulich sind Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder auf die Bühne gekommen, und er hat zu ihr gesagt: „Sie sehen heute wieder aus wie geleckt, Sie kleine fette Schnecke.“ - „Gut, dass Sie's sagen, Sie altes magersüchtiges Frettchen“, hat sie gekontert. Da sind die Zuschauer ausgerastet vor Vergnügen.

          Das geht jetzt schon seit zwanzig Jahren so. Eine untersetzte Frau im bunten Overall und ein dürrer Mann mit lockigem Haar und tiefen Gesichtsfurchen beleidigen sich gegenseitig vor Publikum. Bisher hat keiner verlangt, dass sie damit aufhören sollen. Wäre ja auch schade. Denn Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder sind Überbleibsel einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Zwei, die ins Fernsehmuseum gehörten, wären sie nicht noch so gut darin, den Zuschauern am Fernseher einen vergnüglichen Abend zu bereiten, bei dem niemandem allzu große Denkleistungen abverlangt werden.

          Die Frau mit dem Lachen, welches so sehr bebt, dass es sich auf der Richterskala messen ließe, und der Mann, dessen Witze so alt sind, dass Charlie Chaplin sie für überholt gehalten hätte, waren Ende der achtziger Jahre mit daran schuld, dass der kleine Privatsender RTL ein ganz großer wurde. Als sie gingen, war RTL Marktführer bei den jungen Zuschauern. Und ist langweilig geworden. Jetzt müssen sie dem Krisensender Sat.1 aus der Patsche helfen. Und der denkt gar nicht daran, einer fast Fünfzigjährigen und einem fast Sechzigjährigen zu signalisieren: Entschuldigung, aber ihr seid zu alt für unsere Zielgruppe.

          „Was erzählen wir denn gleich?“

          Der alte Mann und die dicke Tante sind offenbar unverzichtbar fürs Privatfernsehen. Sie waren dabei, als es groß geworden ist, und sie sind jetzt dabei, wenn es alt wird. Das ist doch konsequent.

          Balder kam vom Radio und hatte am Düsseldorfer Kommödchen gespielt, von Sinnen studierte in Köln Theater, Film und Fernsehen. 1988 standen sie zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera, für die RTL-Quatschshow „Alles nichts oder?!“, bei der Prominente Partyspielchen gewinnen mussten, damit die Moderatoren zum Schluss Torten ins Gesicht bekamen - eine Parodie auf öffentlich-rechtliche Korrektheit mit sauber ausformulierten Doppelmoderationen. Bei RTL war zu dieser Zeit nichts sauber ausformuliert. Balder sagt: „Wir standen immer hinter der Deko und haben kurz vor der Sendung gesagt: Was erzählen wir denn gleich?“ Und als es später dann doch mal geschriebene Gags gab, „konnte man sicher sein, dass ich sie vergeige“, gibt Hella von Sinnen zu. Aber da hat das Publikum ja wieder drüber gelacht.

          Erst wenige Wochen vor der ersten Sendung lernten die beiden sich kennen, bei einer Besprechung in der RTL-Kantine. Hella von Sinnen erzählt: „Ich kam rein und hab' gesagt: Hallo, ich bin Hella von Sinnen und lesbisch. Hugo hat gesagt: Prima, ich steh' auch auf Frauen. Wir machen das.“

          Niemand hat den beiden reingeredet

          Also haben sie das gemacht: Schauspieler, Sänger und Moderatoren eingeladen, die auf einem Tortensofa Platz nehmen mussten, Karaoke singen, Suchaufgaben lösen und Bilderrätsel entziffern. Am Anfang hat es einiges an Überredungskunst gekostet, Gäste zu finden, die sich auf diese Kindereien einlassen wollten. Es hat ja damals keiner gewusst, was von diesem Krawallsender aus Luxemburg zu halten sei, den kaum jemand empfangen konnte. In der ersten Aufzeichnung war Diether Krebs dabei. „Der kapierte alle Spiele“, erinnert sich Hella von Sinnen, „es war eine wunderbare Sendung.“ In der zweiten kam Elisabeth Volkmann, und das war eine Katastrophe, weil die gar nicht verstand, was die beiden Moderatoren von ihr wollten. Aber da war längst entschieden, dass es weitergeht. Es gab keine Pilotsendung, keine Marktforschung, bloß den Test vor Publikum. RTL brauchte ja Programm. Man kam sich vor wie in einem großen Familienunternehmen, sagt Balder, und dass „Alles nichts oder?!“ bei Sat.1 zu dieser Zeit wohl nie möglich gewesen wäre. Bei RTL allerdings regierte ein wahnsinniger Wiener namens Helmut Thoma, und der sagte bloß: „Dann machmers halt!“

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