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„Wasp Network“ bei Netflix : Heißkalte Krieger im Zwielicht

  • -Aktualisiert am

René González (Édgar Ramírez) hatte auf Kuba ein gutes Leben, doch es treibt ihn zum amerikanischen „Klassenfeind“. Bild: Netflix

Stich ins Wespennest: Olivier Assayas anspruchsvoller Film „Wasp Network“ über den ideologischen Kampf um Kuba hat eine reale Vorlage. Das ist Glück und Hemmnis zugleich.

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          Pilot, das reimt sich in Hollywood nicht erst seit „Top Gun“ auf Patriot. Während aber die 150 Millionen Dollar teure Kino-Fortsetzung des ultimativen Schurkenschockers („Top Gun 2“), die startklar auf dem Rollfeld steht, coronabedingt nicht abheben kann, brummt auf Netflix jetzt ein ebenfalls prominent besetzter und aufwendig produzierter Spionage-Doppeldecker an ihr vorbei, der zeigt, dass die Sache mit den Loyalitäten so leicht vielleicht doch nicht ist. Dabei sind die Helden dieser französisch-belgisch-spanisch-brasilianischen Produktion in der Regie von Olivier Assayas, der stille Arthouse-Produktionen („Die Wolken von Sils Maria“) ebenso beherrscht wie episch ausholende Terroristen-Biographien („Carlos – Der Schakal“), auf ihre Art noch viel cooler als der ewige Collegeboy Tom Cruise. Vielleicht sind sie sogar etwas zu verschlossen.

          Da haben wir etwa den im Jahr 1990 im Tiefflug von Kuba nach Florida entkommenen Piloten René González (ein groß aufspielender Édgar Ramírez). Er begründet seine Flucht gegenüber Journalisten damit, dass es auf der sozialistischen Insel an allem mangele: an Treibstoff, an Kartoffeln, sogar an Zucker. Aber würde man dafür zurücklassen, was uns zuvor in sonnendurchfluteten Bildern gezeigt wurde? René hatte ein gutes Leben als Fluglehrer in Havanna. Er wohnte mit Traum-Ehefrau Olga (Penélope Cruz) und niedlicher sechsjähriger Tochter in einem herrlichen Haus mit Salsa-Seele. Auch eine raffinierte Rückblende – der narrative Höhepunkt des Films, an dem vieles umschlägt – kann nicht wirklich erklären, warum René seine Familie ohne Vorwarnung verlässt und ein solches Opfer sogar noch einmal zu bringen bereit ist.

          Es scheint gewollt, dass man den Überblick verliert

          Es geht um Patriotismus in diesem Film, jedoch in einer von Beginn an gebrochenen Weise, denn sowohl Gegner wie Verteidiger des Regimes Fidel Castros begreifen sich als Patrioten – und die jeweils andere Seite als Terroristen. Es scheint durchaus gewollt zu sein, dass die Zuschauer den Überblick verlieren, welcher der Protagonisten hier wann für wen tätig ist. Von den exilkubanischen Organisationen konzentrieren sich manche auf die Rettung von Bootsflüchtlingen, während andere sich mit Drogenschmuggel finanzieren oder sogar Terrorangriffe auf kubanische Touristenziele befürworten. Auch das FBI mischt mit und natürlich die kubanische Regierung, schließlich war das titelgebende „Wasp“-Netzwerk – geleitet von Gerardo Hernández, den kein Geringerer als Gael García Bernal spielt – der recht erfolgreiche Versuch, die vor allem in Miami ansässigen und teils extremistischen Gruppen von Exilkubanern zu infiltrieren.

          René, der zunächst wie ein Spielball zwischen all diesen Akteuren erscheint, darf irgendwann seine Familie nachholen. Glück aber sieht anders aus. Olga, die ihre Arbeit in einer monströsen Wäscherei gegen einen monotonen Telefon-Job beim Klassenfeind eingetauscht hat, muss nun auch noch mit einer Lebenslüge fertig werden. Daneben konzentriert sich Assayas auf die schillernde, wahre Geschichte des scheinbar desertierten kubanischen Offiziers Juan Pablo Roque (Wagner Moura). Der Kampfpilot schwamm 1992 zur US-Marinebasis in der Guantánamo-Bucht. Im Film begrüßt man ihn etwas plakativ mit einer McDonald’s-Mahlzeit. Fortan stolziert er als undurchschaubarer Macho durch die Handlung, unterstützt diverse Exil-Organisationen und das FBI, heiratet die in erster Linie hübsche Ana (Ana de Armas) und trägt bald eine Rolex-Uhr und teure Anzüge. Dieser Erzählstrang endet nicht nur mit einer überraschenden Volte, er ist allein auf diese hin ausgerichtet.

          Spätestens da wird klar, wo es knirscht in diesem exzellent gespielten, schnell und intelligent geschnittenen, im Ton überzeugenden und ästhetisch aufregenden Film. Assayas schafft es nur ansatzweise, den eng an die Realität – respektive an die Buchvorlage des Journalisten Fernando Morais – angelehnten Charakteren ein eigenes (Film-)Leben einzuhauchen. Statt wie Identifikationsfiguren wirken sie oft wie Statisten in einem Duell der Ideologien. Obwohl alles darauf ankäme, zu zeigen, warum sich echte, verwundbare Menschen selbst um den höchsten Preis, die Familie, für politische Loyalität entscheiden – und wie sie das aufreibt.

          Dass sich die Handlung nicht aus den Figuren entwickelt, sondern der „true story“ um die „Miami Five“ folgt, wie jene von Kuba als Helden verehrten „Wasp“-Agenten genannt werden, die nach ihrer Verhaftung nicht mit dem Feind kooperierten, verleiht dem Film eine Aura des Dokumentarischen. Die wiederum beißt sich mit den hollywoodesk eingestreuten emotionalen Beziehungsszenen. Unverkennbar ist zudem der sympathische Wille, Kuba Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, aber das hat zu einer Darstellung geführt, in der etwa der Unterdrückungsapparat Fidel Castros nur indirekt zur Sprache kommt.

          So hinterlässt dieser dichte Film, der vielleicht besser eine Serie geworden wäre, einen ambivalenten Eindruck: Dass Assayas aus dem platten Gut-Böse-Dualismus der meisten Patriotismus-Filme ein Spiegelgefecht voller Masken, Identitätskrisen und Verrat macht, darf als großes Verdienst gelten; dass dabei das Erzählerische und die innere Konsistenz zu kurz kommen, ist bedauerlich. Vielleicht ist das ein bezahlbarer Preis für eine sehenswerte Spionagegeschichte der selten realistischen Sorte.

          Wasp Network ist auf Netflix abrufbar.

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