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„Allmen“-Krimi im Ersten : Lord und Totschlag

  • -Aktualisiert am

Emporkömmling mit Stil: Johann Friedrich von Allmen (Heino Ferch) beliebt zu speisen. Bild: ARD Degeto/Hardy Brackmann

Die ARD hat Martin Suters „Allmen“-Krimis verfilmt. Heino Ferch spielt einen Dandy, wie er im Buche steht. So viel Snobismus verträgt man allerdings nur mit reichlich Dujardin.

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          Ach, zum Teufel mit dem Inhalt, mit Logik, Moderne und Komplexität. Der Stil ist der Mensch selbst, wie wir wissen, und wenn wir es vergessen haben, erinnern uns daran nun zwei klassenbewusste, zeitenthobene Lebemänner, die sich um so etwas Schäbiges wie Wirklichkeit keine Sekunde lang scheren. Wo man stattdessen doch schön versnobte Sätze drechseln kann. Oder edle Tropfen schlürfen. Oder reiche Erbtöchter bezirzen. Freilich kümmert auch die Währung der schnöden Wirklichkeit, Geld, Moneten, Zaster, den verschwenderisch lebenden Edelmann Johann Friedrich von Allmen nicht. Deshalb hat sich sein komplettes Vermögen in Luft aufgelöst. Sein Lebensstil ruft die Hausbank auf den Plan – ein Umzug vom Herrenanwesen ins Gartenhaus droht –, und einen bewaffneten Kredithai, dessen Hauptmakel es ist, so phantasielos zu sein.

          Champagner-Fernsehen mit barocken Bildern

          Immerhin hat der Zürcher Privatier Allmen einen ergebenen Diener. Carlos, ein Tunichtdumm von eigener Statur, der selbst in größter Not die Fassung wahrt, agiert stets wie ein Spiegel – und zwischen zwei Spiegeln, das ist kein Geheimnis, wohnt die Unendlichkeit. Die eigentliche Handlung ist dermaßen albern, dass man dagegen den schusseligsten Münster-„Tatort“ für ein narratives Wunderwerk zu halten geneigt ist. Die neuste Champagner-Serie der ARD, die die faden Wohlfühlkrimis des Schweizers Martin Suter in barocke Bilder übersetzt, ist eine Zumutung, aber eine von Format. Dafür sorgen nicht unbedingt die Zürcher Upper-Class-Drehorte und das gestelzte Geschwurbel (leider auch oft aus dem Off), sondern die Hauptdarsteller, die mit solcher Verve spielen, dass man Heino Ferch (in ulkiger Perücke) und Samuel Finzi (mit ulkigem Akzent) gern dabei zusieht, wie sie sich durchs Leben schummeln. Auch die übrige Besetzung kann sich sehen lassen.

          Charme ist seine leichteste Übung: Vanessa (Nora von Waldstätten) ist ganz angetan von Allmen (Heino Ferch).
          Charme ist seine leichteste Übung: Vanessa (Nora von Waldstätten) ist ganz angetan von Allmen (Heino Ferch). : Bild: ARD Degeto/Hardy Brackmann

          Die beiden Protagonisten wirken nicht zuletzt deshalb so überkandidelt und verschmitzt, weil sie sich selbst erfunden haben: Nicht alter Adel steht da vor uns, sondern ein Emporkömmling sowie ein ehemaliger Schuhputzer aus Guatemala, mit einem Wort: Brokat-Prekariat. Neben kompromissloser Distinguiertheit, die zumindest reiche Schnösel blendet, verfügen die beiden Hochstapler zugleich über die Schläue der Straße. Das hilft ungemein, wenn man sich etwa an die gelangweilte Tochter Jojo (Andrea Osvárt) des schwerreichen Magnaten Hirt (Hanns Zischler) heranwirft, die dem Charme des geistreichen Dandys Allmen natürlich verfällt.

          Handlung ist etwas für Arme

          Dass Handlung etwas für Arme ist, sagt Allmen sogar („Blinder Aktionismus hat in der Weltgeschichte noch nie zu etwas geführt“), aber weil die Armut so hartnäckig herandrängt, muss man sich doch widerwillig dazu hergeben: Allmen erleichtert Jojos Vater um einige olle Vasen, die er beim Antiquitätenhändler (Gustav Peter Wöhler) versetzt, was diesem nicht gut bekommt. Außerdem ist Allmens alter Studienkollege Terry Werenbusch (Ben Becker) hinter den obskuren Glasobjekten mit Libellenmustern her. Mit etwas Oberstübcheneinsatz lässt sich aus dieser Situation jedoch ein satter Vorteil ziehen. Mehr noch: Allmen kommt die Idee zu „einer regelrechten Profession“, die eines Bohemiens nicht unwürdig ist und ihm doch „einen Platz in der Welt“ sichert, nämlich schöne Dinge wiederzubeschaffen, um Belohnungen zu kassieren.

          Da haben wir also ein neues Buddy-Paar im Krimifernsehen, wobei selbstverliebte Kunstdetektive im Mid-Century-Stil wenigstens eine Abwechslung darstellen. Erinnern soll die Serie an „Die 2“ mit Roger Moore und Tony Curtis, auch wenn hier weniger gefoppt und geblödelt wird als in der Flotter-Geschäftsmann-trifft-steifen-Lord-Serie der frühen Siebziger. Schließlich wurden diesmal nicht Hund und Katze am Schwanz zusammengebunden. Dafür hat Drehbuchautor Martin Rauhaus etwas Sherlock-Watson-Charme hinzugefügt; Regisseur Thomas Berger taucht alles in einen edlen helvetischen Ennui. Zum Auto sagt man hier noch „Automobil“. Das ist Entspannungsfernsehen pur, am besten aus der Badewanne heraus zu genießen und wirkungsvoller als jede Harfenmusik-Meditations-CD. Darauf einen Dujardin.

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