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Heimatsuche in Deutschland : Ja, wo leben wir denn?

  • -Aktualisiert am

José Cases, Mitarbeiter des Plenarassistenzdienst ist der Herr der Flaggen über dem Deutschen Bundestag. Bild: rbb/Jan Kerhardt

Filmemacher, Schauspieler, Produzenten und Journalisten suchen eine Heimat. Ihre Sammlung von Kurzfilmen zeugt vom Leben im Deutschland, piefig und weltoffen, rückwärts- wie zukunftsgewandt.

          3 Min.

          Was ist das Typische am wiedervereinten Deutschland? Dass es nichts Typisches (mehr) gibt, außer den Klischees? Deutschland als Touristenattraktion. Rheinwein, Weib, Gesang in der Drosselgasse; Lederhose und Schuhplatteln im Bierzelt; Schlösser und Klöster, Kreidefelsen und Semperoper; Buchenwald und Goethehaus. Das Volk der Dichter und Denker, das Volk der Richter und Henker. Doch wo und wie wird Deutschland anschaulich, wo wird das Land symbolisch, wo wird es nostalgisch und wo gemütlich? Und wo findet man die Orte, Menschen und Geschichten, die Heimat sind?

          Sechzehn Filmemacher, Schauspieler, Produzenten und Fernsehjournalisten haben die Dokumentarfilmredaktionen der ARD unter Federführung von Johannes Unger und Rolf Bergmann vom RBB eingeladen, sich über Deutschland Gedanken zu machen. Wobei eine Besonderheit auf der Hand liegt und den Ausgangspunkt des Projekts bildet: „16 × Deutschland“, das sind sechzehn Bundesländer mit höchst unterschiedlichen Charakteristika, radikal föderal, Einheit in der Vielfalt. Eine Idee mit Anziehungskraft.

          16 Kurfilme von je 15 Minuten

          Unterschiedliches nicht nur aushalten, sondern wertschätzen - viele der Kurzfilme von je fünfzehn Minuten Länge, die das Erste in zwei Partien zeigt, nehmen diese Vorstellung, die auch als Forderung an ihr Land auftritt, zum Ausgangspunkt. Gemeinsam ist ihnen zudem, dass ihre Macher in „ihrem“ Bundesland ihre Herkunftsgegend oder einen ausgesuchten Lebensort sehen. Subjektiv sollte die Sicht sein, so der Plan. Die Resultate sind demnach ganz verschieden, thematisch wie ästhetisch. Nur: Heimatfilme, das sind sie eben alle. Liebeserklärungen auch, zum Teil sehr kritische.

          Mal wollen sie repräsentativ sein wie Sandra Maischbergers Porträt einiger Menschen, die im Reichstag arbeiten („Berlin“). Ihr Film legt in der Nachzeichnung der Chronologie eines einzigen Tages im Arbeitsplatz Reichstag den Fokus auf Menschen, die der deutschen Demokratie ganz direkt dienen. Gauck, Trittin, Lammert bleiben Randfiguren, laufen durchs Bild als Nebendarsteller. Das bringt hübsche Pointen und kommt auf unangestrengt staatstragende Weise an.

          Zu sehen sind in „16 × Deutschland“, das man auch als eine Art Leistungsschau des aktuellen Kurzdokumentarfilms auffassen kann, Meditationen über die Erinnerung (so in Ina Borrmanns ästhetisch ambitioniertem Selbstporträt „Sachsen“) ebenso wie ein streng dichotomisch gebauter filmischer Essay von Nico Hofmann und Julian Vogel, der in „Rheinland-Pfalz“ seine Betrachtung in erdgeschichtlicher Entstehungszeit beginnen lässt und auf die großen Wirtschaftszweige des Landes abhebt - die chemische Industrie und der Weinbau.

          Prominente und Politiker sind Randfiguren

          Andreas Dresen zeigt in „Brandenburg“ ein verschränktes Doppelporträt: eins der versehrten Landschaft im Braunkohletagebaugebiet Lausitz und eins der jungen, kreglen Daniela, die mit ihrem viertausend Tonnen schweren Gerät die entstandene Mondlandschaft mit Abraum füllt. Gerade Dresens Beitrag zeigt, wie die Beschränkung auf fünfzehn Minuten zu Konzentration und Klarheit führen kann. Die koreanisch-deutsche Dokumentarfilmerin Sung-Hyung Cho, die in ihrem Film „Full Metal Village“ Schräges und Spießiges in deutschem Dorf- und „Headbanger“-Leben enthüllte, verbindet in „Hessen“ Selbstporträt und Standortbestimmung. Ihr Leben in einem Dorf im Hintertaunus, ihr Staatsbürgerkundetest, ein Einbürgerungsfest in der Paulskirche - wie und wodurch wird ein Wohnort Heimat?

          Renate Friedrich ist Reinigungskraft im Deutschen Bundestag. Hier nimmt sie zwischen Kanzler- und Präsidentenstuhl Platz.
          Renate Friedrich ist Reinigungskraft im Deutschen Bundestag. Hier nimmt sie zwischen Kanzler- und Präsidentenstuhl Platz. : Bild: rbb/Martina Steinführer

          Charly Hübner, als Schauspieler im „Polizeiruf 110“ bekannt, macht der Natur in „Mecklenburg-Vorpommern“ eine bildlich-sinnliche Liebeserklärung und kontrastiert diese mit politischer Zustandsbeschreibung. Hier das Meer und das Land und eine Liebe zur Scholle, die nicht ausgrenzt; dort Aufmärsche der NPD und Aussagen des CDU-Innenministers und des SPD-Ministerpräsidenten.

          Heimat vor der Haustür oder als Sehnsuchtsort

          Vom Verschwinden der Landgasthöfe berichten Lars Jessen und Rocko Schamoni in „Schleswig-Holstein“; in „Nordrhein-Westfalen“ zeigt Claus Wischmann („Kinshasa Symphony“) das Ehepaar Margot und Karl, die ihre Kölner Kneipe „Weißer Holunder“ nach Jahrzehnten in jüngere Hände geben. In „Niedersachsen“ von Rosa Hannah Ziegler, dem dichten Porträt der neunzehnjährigen Yasmin aus Walsrode, ist Heimat abwesender Sehnsuchtsort. Der Ort, ihre Wohnung, ihre Disco sind der Prospekt, vor dem sich ihr Leben abspielt.

          Um Grenzlandproblematik geht es in „Saarland“ (Sarah Moll); Udo Wachtveitl verhandelt „Bayern“-Klischees; Andres Veiel zeigt in „Baden-Württemberg“ das Porträt eines betagten Fahrlehrers; Kolonialgeschichte und Realsatire liefert Jan Böhmermanns „Bremen“; aus „Hamburg“ kommt das Porträt der Gruppe „kollektiv 22“ von Özgür Yildirim. „16 × Deutschland“ zeigt unser Land als Zusammengesetztes, nicht als das, was zusammenwächst, weil es zusammengehört. In den Beiträgen ist Deutschland piefig und weltoffen, rückwärts- wie vorwärtsgewandt, als Eigenes wie als Fremdes erfahrbar, als Subjektives wie als betrachtend und argumentierend Objektivierbares dargestellt. Idee, Historie und Zustand zugleich. Die ARD sollte das Projekt jedes Jahr zum Tag der Deutschen Einheit fortschreiben.

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