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HBO-Serie „The Wire“ : „Beste Show in der Geschichte des TV“

  • -Aktualisiert am

Vom amerikanischen Sender HBO stammen Erfolge wie „The Sopranos“ und „Sex and the City“. Die Polizeiserie „The Wire“ wurde bislang kaum bemerkt. Jetzt überbieten sich die amerikanischen Medien in Lobeshymen, und greifen noch zu kurz.

          An der Ecke East Madison Street und Greenmount Avenue, drei Minuten von Baltimores Rathaus entfernt, möchte ich aussteigen, mir die Drehorte der Fernsehserie „The Wire“ anschauen, doch mein Taxifahrer rät, die Türen geschlossen zu halten: „Junge, bist du nicht ganz bei dir? Du siehst doch, was hier los ist.“ Die meisten Häuser haben statt Glas Bretter in den Fenstern, an jeder Straßenecke lungern drei, vier schwarze Teenager in Daunenjacken, belauern sich gegenseitig und gucken den Autos nach - in der Hoffnung, ein Kunde hielte an, um Drogen zu kaufen. Dann zählt der Taxifahrer die Morde auf, die hier in den vergangenen Wochen passiert sind: sechs Tote, darunter ein Weißer, der am Geldautomaten umgelegt wurde. An der Ecke East Madison und Greenmount sieht es an einem gewöhnlichen Tag kein bisschen freundlicher aus als in der Fernsehserie, die das Getto von Baltimore, Maryland berühmt gemacht hat.

          Vor kurzem ist die fünfte und letzte Staffel von „The Wire“ beim amerikanischen Bezahlsender HBO angelaufen, und nachdem die Öffentlichkeit die Serie vier Jahre lang ignoriert hatte, brach in den vergangenen Monaten ein Hype aus, der sogar den Wirbel um „The Sopranos“ in den Schatten stellt. Die Sendung begleitet Drogendealer und Polizisten, Hafenarbeiter und Lehrer, Eltern und Immobilienmakler, Politiker und Journalisten - drei Dutzend Hauptfiguren - bei ihrem Überlebenskampf in einer postindustriellen Großstadt. Die Kritiker schwärmen: „Beste Serie seit Jahrzehnten“ („New York Times“); „beste Show in der Geschichte des amerikanischen TV“ („Philadelphia Inquirer“); „wird als das beste Drama, seit es Fernsehen gibt, erinnert werden“ („San Francisco Chronicle“); „HBOs Meisterwerk - eine TV-Revolution“ („Entertainment Weekly“).

          Zwischen Dostojewskij, Dickens und Tolstoi

          „Time“ entschuldigte sich bei seinen Lesern dafür, nicht schon früher über „The Wire“ berichtet zu haben: „Wir haben versagt.“ Das Intellektuellenmagazin „Atlantic Monthly“ empfiehlt, die DVDs zwischen Dostojewskij, Dickens und Tolstoi einzusortieren, und der „New Yorker“ begleitete den Erfinder der Serie, David Simon, monatelang für einen elfseitigen Artikel, in dem selbst das Weihnachtsmahl seiner Eltern beschrieben wird.

          David Simon, Erfinder der Serie, war zwölf Jahre lang Polizeireporter

          Doch Superlative greifen zu kurz, um zu beschreiben, wie großartig diese Serie ist. David Simon, der bis zum Ende des Autorenstreiks keine Interviews gibt, erklärte in „Time“: „Die Show handelt vom Niedergang eines Imperiums. In unserem System sinkt an jedem Tag der Wert eines jeden Individuums - egal ob Dealer, Staatsanwalt, Journalist. Dies ist das Amerika, für das wir bezahlt haben. Nicht mehr und nicht weniger.“

          Die Stadt ist der Star

          Niemals würde er sein Werk mit Dostojewskij vergleichen, doch von Anfang an strukturierte er das Skript, als wolle er Weltliteratur schaffen. „Wir haben die Griechen geplündert: Sophokles, Aischylos, Euripides, aber nicht den Gute-Laune-Bären Aristophanes.“ Eine TV-Serie, die alle Regeln bricht: Die einstündigen Episoden haben keine Spannungsbögen, sondern funktionieren wie Kapitel in einem Buch, die Handlung geht unfassbar langsam voran.

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