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Hauptsache Selfie : Auf der Jagd nach Trophäen fürs Netz

Nur für den Klick, für den Augenblick: Touristen blicken auf die Skyline von Hongkong. Bild: Andrea Diener

Warum erleben wir nichts mehr wirklich, sondern alles durch einen iPhone-großen Ausschnitt? Dass die Jagd nach dem Moment ihn ruiniert, wusste schon Loriot. Höchste Zeit, etwas daraus zu lernen.

          Die schönsten Momente des Lebens sieht man meistens nicht direkt, sondern auf dem Smartphone. Im schlimmsten Fall auf dem Smartphonedisplay des Menschen vor einem, der seines so hält, dass es allen anderen im Sichtfeld ist. Deshalb muss man, wenn man selbst ein Foto von dem schönen Moment haben will, sofort den Arm hochstrecken. So entstehen Gedrängel und Stress um den schönen Moment herum. Dann wird der schöne Moment gleich gepostet, getwittert, geliked. Nur eins werden die schönen Momente leider nicht mehr so richtig: erlebt.

          Das klingt jetzt wieder nach dem üblichen vernörgelten Kulturpessimismus, aber diesmal gibt es Zahlen. Die Sachbuchautoren Joseph Grenny und David Maxfield befragten 1623 Menschen zu ihrem Social-Media-Verhalten. Keine gigantische Studie, aber das Ergebnis ist doch mehr als nur gefühlte Wahrheit. 58 Prozent der Befragten gaben zu, das Posten eines Fotos habe sie schon einmal davon abgehalten, einen schönen Moment zu genießen. 91 Prozent sagten, sie hätten Touristen dabei beobachtet, wie sie einen Moment verpassten, weil diese damit beschäftigt waren, ihn für das Internet festzuhalten. Viele räumten ein, dass ihnen das ebenfalls schon passiert sei.

          Stell dich da mal hin: Es geht nicht um den Moment, es geht um die Trophäe

          Maxfield erzählte dem amerikanischen Internetmagazin „Mashable“, wie ihm die Idee zu der Befragung gekommen ist: durch Selbstbeobachtung. Er sei an seinem Geburtstag mit seinen Nichten an den Strand zum Wellenreiten gefahren und habe sich dabei ertappt, dass er mehr mit dem Aufzeichnen der Wasserspiele beschäftigt war als mit dem Sportgerät oder seinen Nichten. „Ich habe meine Nichten ignoriert, um eine Trophäe unserer gemeinsamen Zeit zu bekommen“, sagte er. Und diese Trophäe sei vielen Menschen inzwischen wichtiger als alles andere – wichtiger als die Freunde, die Landschaft, die Aktivität, das Essen. „Sie wollen etwas erlegen und ausstopfen und an die Wand hängen“, so Maxfield. Wobei die Wand eine virtuelle ist, meist die Facebook-Pinnwand.

          Guck mal in den Sonnenuntergang

          Dabei schadet die „Und jetzt noch ein Selfie“-Manie nicht nur einem selbst, sondern geht auch der Umgebung gehörig auf die Nerven. Drei Viertel der Befragten gaben zu, schon einmal unhöflich oder distanziert gewesen zu sein, weil sie sich gerade mehr auf das Telefon als auf ihr Gegenüber konzentrierten. Ein Viertel ließ sich vom Telefon sogar einen intimen Augenblick ruinieren.

          Wie sind wir nur in diesen Zustand geraten, in dem wir nichts mehr live sehen, sondern alles nur noch durch einen iPhone-großen Ausschnitt? In eine Zeit, in der unentwegt live getwittert, gepostet, dank neuer Apps wie Meerkat auch live gestreamt wird? Sind wir denn so selbstlos, dass es uns wichtiger ist, andere teilhaben zu lassen, als den Moment für uns zu erleben? Oder sind wir so egoistisch, dass der Moment wertlos wird, wenn nicht mindestens drei Neider auf „Gefällt mir“ klicken?

          Irgendwo da oben ist ein Weltkulturerbe: Schülerinnen besuchen die Longmen-Grotten in China

          Dass so ein Augenblick im Zweifelsfall verweilen soll, weil er so schön ist, ist eigentlich nichts Neues. Seit der Erfindung der allerersten Kamera für jedermann – im Jahr 1900 kam die Kodak Brownie auf den Markt – haben wir uns daran gewöhnt, den Augenblick zum Gruppenfoto, zum Porträt, zum repräsentativen Wirklichkeitsausschnitt zu arrangieren. Stell dich mal da hin und guck in den Sonnenuntergang, sagen wir zur Begleitung, damit der Moment auch auf dem Bild gut rüberkommt.

          Für Mutter in Massachusetts

          Schon seit Beginn der Amateurfotografie zielt die Werbung für Fotoapparate darauf ab. „A vacation without a Kodak is a vacation wasted“, lautet schon ein Slogan aus dem Jahr 1903: Ein Urlaub ohne Kodak-Kamera ist ein verschwendeter Urlaub. Später setzt eine der erfolgreichsten Werbekampagnen aller Zeiten ein: Mit dem „Kodak-Moment“ wurde der Augenblick so sehr an eine Marke gebunden, dass der Ausdruck sogar sprichwörtlich wurde und in die englische Umgangssprache einging. Und was der Kodak-Moment für die Zeit war, das war der „Kodak Photo Spot“ für den Raum: Schilder mit dieser Aufschrift kennzeichneten Aussichtspunkte von besonderer Schönheit, die Reisende dazu anhalten sollten, die Kamera zu zücken.

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