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„Hattinger und die kalte Hand“ : Der Mörder führt uns an die Gruselgrenze

Gute Nachbarn: Kommissar Hattinger (Michael Fitz, links) und der Rentner Albrecht Ostermeier (Edgar Selge) Bild: ZDF/Marco Nagel

Biedermann wird Rachegott: Im ZDF-Chiemsee-Krimi „Hattinger und die kalte Hand“ gibt der fabelhafte Edgar Selge einen Berserker des Bösen.

          3 Min.

          Von 1992 bis 2007 und über vierundvierzig Folgen hinweg diente Michael Fitz den Endlos-Kommissaren Batic und Leitmayr im Münchner „Tatort“ als Assistent Carlo Menzinger - und blieb dabei als Schauspieler im Halbschatten. Nun bekommt er sein kriminalistisches Solo, scheint daran aber gar nicht sonderlich interessiert.

          Jochen Hieber
          Freier Autor im Feuilleton.

          „Jetzt tun S’ mal so, als käm ich nicht, und fangen S’ schon mal an“, lautet sein erster vollständiger Satz als (vornamenloser) Chiemsee-Kommissar Hattinger. Er sagt ihn am Telefon zu seinem Assistenten Wildmann (Golo Euler, diensteifrig und dauernervös), der längst am Tatort ist. Wenn er im betagten Geländewagen dann schließlich selbst beim Seeufer eintrifft, schallt ihm gleichwohl ein munteres „Morgen, Chef!“ entgegen. „Sie san der Chef“, brummelt er Wildmann an, bequemt sich danach aber nicht ungern in die vom Dienstrang erforderte Rolle des Leithammels.

          Auch schauspielerisch braucht Michael Fitz geraume Zeit, ehe er wirklich in Fahrt kommt. Zunächst ist er ein bloß bräsiger Scheidungsinvalide, der, die Lesebrille auf der Nase, die Nacht im Wohnzimmer verdöst hat. Zum empfindsamen, aber ungelenken Vater wird er, als ihm die halbwüchsige Tochter Lena (Hanna Plaß, so naiv wie ironiefähig) überraschend von Hamburg aus ins Haus schneit.

          Mit dem Schnellboot über den See heizen

          Richtig munter aber wirkt er erst, wenn er mit dem Schnellboot über den See heizen und dabei alles und alle hinter sich lassen kann. Fortan ermittelt er zunehmend energischer, bleibt dabei unaufgeregt und bekommt so das Geschehen in den Griff. Das Fitz-Debüt als Chiemsee-Cop ist unspektakulär, geht letzten Endes aber schon in Ordnung.

          Eine ganz andere Dynamik legt sein Gegenspieler an den Tag. Der nun fünfundsechzig Jahre alte Edgar Selge gibt den Rentner Albrecht Ostermeier von der ersten Minute an als Berserker des Bösen. Viel Schweiß wird er in diesem Film vergießen, Schweiß der Angst, Schweiß des Zorns, Schweiß der Rache und der körperlichen Verausgabung.

          Dabei ist er total fit, die Marathonläufe, von denen er berichtet, nimmt man ihm sofort ab. Seine tägliche Gymnastik krönt er damit, dass er mit den Kniekehlen an der Teppichstange hängt und kopfunter in einer Art Yogastellung verharrt. Dauerhaft ins Schwitzen bringt ihn dreierlei: das tödliche Unheil, das vor Jahren über seine Tochter kam, das juristische Unrecht, das man ihm zufügte - und die in der Tat kräftezehrende Manier, in der er seine Morde zelebriert.

          Fürchte-Effekt in bester Hitchcock-Nachfolge

          Dass just der langjährige Nachbar Ostermeier jener Täter ist, den Hattinger sucht, steht für die Zuschauer nach nicht einmal einer Viertelstunde fest. Um die Morde - bis dahin sind es zwei - in Szene zu setzen, geht der Montagskrimi des ZDF zur besten Sende-, aber eben auch noch frühen Abendzeit bis hart an die Gruselgrenze. Allerlei medizinische Accessoires - Sauerstoffschlauch, Spritze, Skalpell - dienen dabei als Werkzeuge.

          Ostermeier (Edgar Selge) hat gerade die Bestseller-Autorin Kauffmann (Ursula Karven) ermordet und schleppt sie nun durchs ganze Haus. Wozu?
          Ostermeier (Edgar Selge) hat gerade die Bestseller-Autorin Kauffmann (Ursula Karven) ermordet und schleppt sie nun durchs ganze Haus. Wozu? : Bild: ZDF/Marco Nagel

          Besonders demonstrativ ist die Hinrichtung einer Bestseller-Autorin: Ursula Karven wird dafür mit einem Starauftritt entschädigt und darf bei späteren Rückblenden auch in lasziven Videos glänzen. An ihrer eher beiläufigen Ermordung lässt uns Christian Reins raffinierte Kamera direkt teilnehmen. Von Ostermeiers symbolsetzender Folgetat zieht sie sich erst im allerletzten Moment zurück und bewirkt auf diese Weise, dass unser inneres Auge immerhin ahnt, was dem äußeren verwehrt (und erspart) bleibt. So kommt ein brillanter Fürchte-Effekt in guter, nein: sehr guter Hitchcock-Nachfolge zustande.

          Für Edgar Selge ist die Rolle ein Fest - und eine Steigerung zum kurzen, aber nachhaltig im Gedächtnis haftenden Auftritt als schwäbischer Provinzdoktor in der ZDF-Miniserie „Verbrechen nach Ferdinand von Schirach“. Biedermann wird Rachegott, Rachegott bleibt Biedermann: So zeigt sich dieser sehr außergewöhnliche Schauspieler jetzt aufs Neue, dieses Mal in exzessiver Opulenz.

          Dass - und vor allem: wie oberbayerisch gediegen, also souverän - Hattinger nun Schritt für Schritt dekodiert, was wir längst zu wissen meinten, rettet Michael Fitz schließlich auch davor, als Sidekick von Selge zu verkümmern.

          Hans Steinbichler, der Regisseur, ist am Chiemsee aufgewachsen und zu Hause. Dem Hauptstrang der Handlung fügt er manch humoreske Nebenlinie und einige skurrile bis eher hanebüchene Nebenfiguren hinzu. Zudem gibt es eine Hommage an Eric Claptons „Tears in Heaven“ und eine Reminiszenz an „Tumbling Dice“, den Untreue-Song der Rolling Stones.

          Von der Regie bedient und zugleich ironisiert wird der aktuelle Hype um den Regionalkrimi, den bayerischen zumal. Ariela Bogenberger, von der das Drehbuch stammt, ist die Cousine von Michael Fitz, die Romanvorlage („Chiemsee-Blues“, 2011) hat ihr Ehemann Thomas Bogenberger geliefert: ein sehr passables Familienunternehmen mit Heimaterdung.

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