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Vermüllt Paris? : Kultur der Entsorgung in der Corona-Krise

  • -Aktualisiert am

Kein Postkartenmotiv, aber auf Twitter beliebt: Überquellende Mülltonnen in der französischen Hauptstadt. Bild: AP

„Paris verdreckt!“, empören sich Bewohner der Seine-Metropole auf Twitter unter dem Hashtag #SaccageParis. Die Pandemie wirft auch hierzulande Abfallprobleme auf. Da hilft nur Laotse.

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          Überquellende Abfallkörbe am Arc de Triomphe, vermüllte Straßenzüge auf dem Montmartre, Unrat in der Seine: Fotos aus der Stadt der Lichter und der Liebe, die erboste Bewohner unter dem Stichwort #SaccageParis (verwüstetes Paris) auf Twitter veröffentlichen, zeigen verwahrloste öffentliche Räume in Zeiten der Pandemie – und erheben Vorwürfe gegen Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Deren Stadtverwaltung mag den Shitstorm als selektive Schmierenkampagne abtun, die Schnappschüsse offenbaren gleichwohl: Wo im Lockdown festsitzende Einheimische, von Lieferdiensten versorgt und von Touristen alleingelassen, auf ihre nächste Umgebung verwiesen sind, landet schnell das bisher gepflegte Selbstbild von deren Kultiviertheit in der Tonne.

          Wie hieß es doch mahnend in Éric-Emmanuel Schmitts „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“? „Wenn du wissen willst, ob du in einem reichen oder armen Land bist, dann sieh dir die Mülltonnen an. Siehst du keinen Müll, aber die Mülltonnen, dann ist das Land reich. Liegt der Müll neben den Tonnen, ist es weder eine reiche noch eine arme Gegend, sondern ein Touristenort. Und wenn es Müll gibt, aber keine Tonnen, ist das Land arm.“ In der Corona-Krise wird diese Unterscheidung freilich vage. Erstens fällt der Müll mehr auf, zweitens fällt mehr Müll an. Die vermeintlich so umweltbewussten, vom Erbe der Romantik beseelten Deutschen haben keinen Grund, sich kopfschüttelnd durch Beiträge zu #SaccageParis zu klicken und teutonische Sauberkeit und Ordnung anzumahnen.

          Kaffeebecher im Straßengraben

          Sechs Prozent mehr Müll türmten allein im ersten Corona-Jahr hiesige Privathaushalte auf. Kein großes Problem, landete alles in Tonnen oder auf Recyclinghöfen. Aber es sticht schon ins Auge, was alles neben Waldwegen, in Parks und an Straßenrändern liegt. Kommunen beklagen zunehmende Vermüllung. Zum Spaziergang gezwungen, lassen Leute Taschentücher, Gummibärchentüten, Zigarettenschachteln, Coffee-to-go-Becher und natürlich Masken fallen. Da bei all den Einschränkungen freie Fahrt für freie Bürger gilt, denken offensichtlich viele: „Die Freiheit nehm ich mir“, wenn sie Fastfood-Packungen oder Müllbeutel aus dem Wagen in den Graben neben der Autobahn schmeißen. Jährlich landen dort ohnehin mehr als dreitausend Tonnen allein in Hessen, Tendenz steigend.

          Der „Broken-Window-Theorie“ zufolge lebt es sich völlig ungeniert, wenn andere sich schon danebenbenommen haben. Da kann man nur froh sein über Mitmenschen, die sich stattdessen zum spießig klingenden „Müllwandern“ verabreden und aufspießen, was andere weggeworfen haben. Dabei könnte alles so schön sein, wenn mehr Zeitgenossen die alte Weisheit von Laotse beherzigten: „Gut geht, wer ohne Spuren geht.“

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

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