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TV-Kritik: Hart aber fair : Zu Diesel-Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie einen Arzt

Die Diesel-Diskutanten bei Frank Plasberg. Bild: WDR/Oliver Ziebe

Wenn ein Lungenfacharzt Entwarnung gibt und ein Formel 1-Fahrer elektrisch unterwegs ist: eine denkwürdige Dieselstunde bei „Hart aber fair“.

          Einen schlechteren Moment hätte sich Frank Plasberg kaum aussuchen können. Mit seiner Diesel-Streitrunde in der ARD musste er am Montagabend gegen das Spiel der Handballnationalmannschaft im ZDF antreten. Doch mag die weitreichendere Bedeutung von Mobilität und Klima den Ausschlag gegeben haben, hier einzuschalten. Und immerhin ist es dem Team von Hart aber fair gelungen, eine Spitzenmannschaft aufzustellen: Cem Özdemir (B‘90/Grüne, Bundestagsabgeordneter; Vorsitzender des Verkehrsausschusses), Oliver Wittke (CDU, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie), Bernhard Mattes (Präsident des Verbandes der Automobilindustrie VDA), Barbara Metz (stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe, DUH) Dieter Köhler (Facharzt für Pneumologie und ehemaliger Präsident der Gesellschaft für Lungenheilkunde). Und als Stargast durfte der ehemalige Formel 1-Rennfahrer Heinz-Harald Frentzen berichten, wie er sein Haus zum autarken Elektrizitätswerk aufgerüstet hat.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Das Jahr der Fahrverbote werde 2019 werden, moderierte Plasberg an, und schon schien klar, wohin die Sendung zielte. Doch dann sagte der Moderator, niemand behaupte, hinter einem Auto sei ein Luftkurort. „Aber sind Grenzwerte richtig gesetzt, und wie schädlich sind die Abgase wirklich?“. Der erste Einspieler zeigte, dass Belastungen in Häusern mit Gastherme oder Gasherd höher liegen als auf der Straße, und der an die Berichterstattung vieler, gerade auch der öffentlich-rechtlichen Medien gewöhnte Zuschauer fragte sich: Was ist denn hier los?

          Ein Lungenarzt trumpft auf

          Ob gewollt oder nicht, wurde die Richtung beibehalten, nein, sie erhielt richtig Fahrt. Denn das erste Wort erhielt Lungenarzt Köhler, und von dem, was er vorzutragen hatte, erholte sich während der gesamten Sendung niemand mehr. Der menschliche Organismus sei gut in der Lage, mit NO2 umzugehen. Das sei wirklich keine Gefahr in dieser Dosierung. Den kurzen und hilflosen Zwischenruf der Umwelthilfevertreterin Metz, sie glaube an den Zusammenhang von Gesundheitsschädigungen und NOx-Ausstoß der Autos, und zudem gebe es einen seit 2010 gültigen Grenzwert, räumte Köhler gleich wieder ab. Die Forscher hätten immer an neuen Erkenntnissen gearbeitet, doch niemand habe sich dafür interessiert. Das ändere sich jetzt zum Glück.

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          Ja, sagte er auf eine Zwischenfrage Plasbergs, ja er würde bedenkenlos in eine Wohnung an einer vielbefahrenen Straße ziehen, nur der Krach würde ihn stören. Aus alten Daten würden neue Krankheitswerte abgeleitet, und leider sei niemand in der Lage, eine aktuelle Studie vorzulegen. Denn die koste 30 bis 50 Millionen Euro und dauere ewig, weil man ja warten müsse, bis die Menschen sterben.

          Diesel-Feinstaub kein Problem?

          Das sei keine Mehrheitsmeinung, warf Metz von der Umwelthilfe ein, sie habe auf Kongressen Pneumologen zugehört, die eine andere Meinung vertreten. Doch gegen des Mediziners Sachverstand wirkte der Einwand kraftlos. Auch der eingespielte Hinweis einer Umweltmedizinerin der Uni Düsseldorf, aus NO2 lasse sich einiges über andere Belastungen ablesen, und es gelte an Ultrafeinstaub und Kohlenwasserstoffe zu denken, brachte Köhler nicht ins Wanken. Der Feinstaub-Vorwurf sei schlichtweg falsch, sagt er mit ruhiger, fester Stimme. Der meiste Feinstaub komme von der Klimawalze. Der Diesel verursache praktisch keinen Feinstaub mehr.

          Und zum Vergleich und zur  Abschreckung: Der Superfeinstaub stamme aus der Zigarette. Eine Million Mal mehr als aus dem Auto entstehe dort. „Die Raucher müssten nach wenigen Wochen tot umfallen, wenn man den gleichen Maßstab wie ans Auto anlegt. Da kann irgendwas nicht stimmen“, legte Köhler dar. Was ihn antreibe, wollte Plasberg von dem Mediziner wissen. „Mich regt es auf, wenn eine so offensichtliche Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen Wahrheit und den in vielen Medien verbreiteten Nachrichten besteht“.

          Betrug der Autohersteller war kein Thema

          Gegen diesen Sturmlauf hatte der Rest der Mannschaft nur altbekannte Positionen aufzubieten. Özdemir meinte, wenn man ein Gesetz habe, müsse es auch gelten. Seine mehrfachen Versuche, die Dieseldebatte unter das Dach des VW-Betrugs zu stellen, wehrte Plasberg gekonnt ab. Beides hat nur mittelbar miteinander zu tun und sollte nicht ständig unzulässig vermischt werden, das war nach dem dritten oder vierten Anlauf dann wohl allen klar.

          Nicht so eindeutig war die Lage bei der Frage, ob die Messwerte richtig gesetzt und erhoben sind. Obwohl CDU-Mann Wittke meinte, man solle keine Grenzwertdiskussion führen, führte sie Plasberg eine halbe Stunde lang und verhedderte sich darin. Thessaloniki und Wien messen irgendwie anders, was Özdemir befremdlich fand, wolle man nun plötzlich die Griechen als Kronzeugen vorladen. Aber was folgt für Deutschland nun daraus? Nein, an der Stelle war trotz mehrfachen Nachhakens des Moderators nichts zu holen, es gibt wohl Unerklärlichkeiten, aber eine Industrienation wie wir muss trotzdem mehr tun. „Es ist nur eben nicht so, dass ganz Deutschland vergiftet wird“, meinte Wittke. Ja, die  Luftreinhaltepläne seien zu verbessern, ja, auch die Politik habe Nachholbedarf. Es bestehe nur keinerlei Anlass zu Panik.

          Weg vom Verbrennungsmotor?

          Özdemir versuchte derweil abermals, die Debatte wieder auf eine höhere Ebene zu hieven, man müsse weg vom Verbrennungsmotor in den Städten und überhaupt hin zu einer kompletten Verkehrswende. Die Deutschen müssten das emissionsfreie Auto erfinden. Kein Wort fiel jetzt darüber, dass die Elektromobilität nicht umsonst zu haben ist. Dass ein Elektroauto in der CO2-Bilanz wegen der energieintensiven Produktion des Akkus mit einem Klimarucksack von 50.000 bis 100.000 Kilometern startet. Kein Wort, dass es bezahlbare Elektroautos für den Alltagseinsatz nicht gibt und auf Jahre hinaus nicht geben wird.

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          Auch VDA-Präsident Mattes fiel das nicht ein. Er verteidigte die Maßnahmen der Industrie, die da reichen von Softwareupdate bis Umtauschprämie, ohne einen echten Punkt setzen zu können. „Wir sind überzeugt, dass der moderne Diesel so sauber ist, dass wir uns über saubere Luft nicht mehr streiten müssen“, sagte Mattes. Doch blieb hängen: Die Industrie tut wohl einiges, aber immer nur so viel, wie sie gerade muss.

          Einen Einspieler der ZDF-Sendung Frontal 21, es sei simpel, einen älteren BMW X3 mit einem amerikanischen Katalysator nachzurüsten, vermochten weder BMW mit einer eingeblendeten Presseerklärung noch Mattes zu entkräften. Dabei hatte die Darstellung auffällige Schwächen, aber an diesem Montagabend verfestigte sich der Eindruck: Die Autoindustrie produziert so viel Sauberkeit, wie gesetzlich gefordert, kein Milligramm weniger. Profit geht vor Verantwortungsbewusstsein.

          Nachrüstung kommt nicht in Gang

          Was folgte, waren übliche Scharmützel mit altbekannten und hundertfach durchgekauten Argumenten. Metz forderte, es müsse endlich mit Nachrüstungen begonnen werden, ohne freilich sagen zu können, warum kein Hersteller und kein Zulieferer bislang Serienlösungen parat hat. Es wurde auch nicht weiter thematisiert. Auch die Frage nach Arbeitsplätzen in Deutschland und der Bedeutung der Industrie für den Wohlstand im Land blieb außen vor.

          Dafür durfte Ex-Rennfahrer Frentzen erzählen, dass er mit seinem Elektro-Tesla mit 100 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit in nur 12 Stunden von Köln nach Südfrankreich brettert, Nachladen inklusive, was eine skeptische Nachfrage wert gewesen wäre. Dass er als Großverdiener sich die Errichtung eines energieautarken Hauses leisten kann, ging fast unter. Dass er im Dezember, Januar und Februar Strom zukaufen muss, hörte kaum einer mehr, geschenkt. Wird sich alles lösen lassen, bald, und billiger wird die ganze Chose auch, ganz bestimmt.

          Da war Özdemir schon wieder zur Stelle mit einem Wunschzettel. Laden ohne Kohlestrom, Batterieproduktion in Deutschland und Akkus ohne seltene Erden. Lungenarzt Köhler konterte und konterte abermals aus, er begrüße die Erneuerbaren Energien, aber das für die Elektroautos erforderliche Lithium sei extrem umweltschädlich, die Vorräte an Kobalt reichten nicht aus, er glaube nicht an diesen Weg. Aus Sonnenenergie gewonnener Wasserstoff verspreche mehr.

          Das konnte nicht mehr diskutiert werden, aber Frau Metz von der Umwelthilfe gelang es noch, ihr wahres Ziel zu offenbaren: „Es geht nicht darum, nur auf Elektroautos umzustellen. Der Individualverkehr muss reduziert werden“. Da verbünden sich sogar Grüne und Autoindustrie lieber miteinander. Özdemir und Mattes und Wittke wollen gemeinsam alles tun, um das Jahr 2019 eben gerade nicht zum Jahr der Fahrverbote werden zu lassen.

          Und Mediziner Köhler? Der wünschte sich zum Schluss der Sendung, den Grünen wieder zu mehr Bodenhaftung verhelfen zu können. An diesem Abend ist ihm das schon mal gelungen. Und das bislang an fortgesetzte Betrügereien der Autoindustrie und deren rücksichtslose Zerstörung der Umwelt glaubende Publikum geht staunend ins Bett.

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