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TV-Kritik: Hart aber fair : Zu Diesel-Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie einen Arzt

Nicht so eindeutig war die Lage bei der Frage, ob die Messwerte richtig gesetzt und erhoben sind. Obwohl CDU-Mann Wittke meinte, man solle keine Grenzwertdiskussion führen, führte sie Plasberg eine halbe Stunde lang und verhedderte sich darin. Thessaloniki und Wien messen irgendwie anders, was Özdemir befremdlich fand, wolle man nun plötzlich die Griechen als Kronzeugen vorladen. Aber was folgt für Deutschland nun daraus? Nein, an der Stelle war trotz mehrfachen Nachhakens des Moderators nichts zu holen, es gibt wohl Unerklärlichkeiten, aber eine Industrienation wie wir muss trotzdem mehr tun. „Es ist nur eben nicht so, dass ganz Deutschland vergiftet wird“, meinte Wittke. Ja, die  Luftreinhaltepläne seien zu verbessern, ja, auch die Politik habe Nachholbedarf. Es bestehe nur keinerlei Anlass zu Panik.

Weg vom Verbrennungsmotor?

Özdemir versuchte derweil abermals, die Debatte wieder auf eine höhere Ebene zu hieven, man müsse weg vom Verbrennungsmotor in den Städten und überhaupt hin zu einer kompletten Verkehrswende. Die Deutschen müssten das emissionsfreie Auto erfinden. Kein Wort fiel jetzt darüber, dass die Elektromobilität nicht umsonst zu haben ist. Dass ein Elektroauto in der CO2-Bilanz wegen der energieintensiven Produktion des Akkus mit einem Klimarucksack von 50.000 bis 100.000 Kilometern startet. Kein Wort, dass es bezahlbare Elektroautos für den Alltagseinsatz nicht gibt und auf Jahre hinaus nicht geben wird.

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Auch VDA-Präsident Mattes fiel das nicht ein. Er verteidigte die Maßnahmen der Industrie, die da reichen von Softwareupdate bis Umtauschprämie, ohne einen echten Punkt setzen zu können. „Wir sind überzeugt, dass der moderne Diesel so sauber ist, dass wir uns über saubere Luft nicht mehr streiten müssen“, sagte Mattes. Doch blieb hängen: Die Industrie tut wohl einiges, aber immer nur so viel, wie sie gerade muss.

Einen Einspieler der ZDF-Sendung Frontal 21, es sei simpel, einen älteren BMW X3 mit einem amerikanischen Katalysator nachzurüsten, vermochten weder BMW mit einer eingeblendeten Presseerklärung noch Mattes zu entkräften. Dabei hatte die Darstellung auffällige Schwächen, aber an diesem Montagabend verfestigte sich der Eindruck: Die Autoindustrie produziert so viel Sauberkeit, wie gesetzlich gefordert, kein Milligramm weniger. Profit geht vor Verantwortungsbewusstsein.

Nachrüstung kommt nicht in Gang

Was folgte, waren übliche Scharmützel mit altbekannten und hundertfach durchgekauten Argumenten. Metz forderte, es müsse endlich mit Nachrüstungen begonnen werden, ohne freilich sagen zu können, warum kein Hersteller und kein Zulieferer bislang Serienlösungen parat hat. Es wurde auch nicht weiter thematisiert. Auch die Frage nach Arbeitsplätzen in Deutschland und der Bedeutung der Industrie für den Wohlstand im Land blieb außen vor.

Dafür durfte Ex-Rennfahrer Frentzen erzählen, dass er mit seinem Elektro-Tesla mit 100 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit in nur 12 Stunden von Köln nach Südfrankreich brettert, Nachladen inklusive, was eine skeptische Nachfrage wert gewesen wäre. Dass er als Großverdiener sich die Errichtung eines energieautarken Hauses leisten kann, ging fast unter. Dass er im Dezember, Januar und Februar Strom zukaufen muss, hörte kaum einer mehr, geschenkt. Wird sich alles lösen lassen, bald, und billiger wird die ganze Chose auch, ganz bestimmt.

Da war Özdemir schon wieder zur Stelle mit einem Wunschzettel. Laden ohne Kohlestrom, Batterieproduktion in Deutschland und Akkus ohne seltene Erden. Lungenarzt Köhler konterte und konterte abermals aus, er begrüße die Erneuerbaren Energien, aber das für die Elektroautos erforderliche Lithium sei extrem umweltschädlich, die Vorräte an Kobalt reichten nicht aus, er glaube nicht an diesen Weg. Aus Sonnenenergie gewonnener Wasserstoff verspreche mehr.

Das konnte nicht mehr diskutiert werden, aber Frau Metz von der Umwelthilfe gelang es noch, ihr wahres Ziel zu offenbaren: „Es geht nicht darum, nur auf Elektroautos umzustellen. Der Individualverkehr muss reduziert werden“. Da verbünden sich sogar Grüne und Autoindustrie lieber miteinander. Özdemir und Mattes und Wittke wollen gemeinsam alles tun, um das Jahr 2019 eben gerade nicht zum Jahr der Fahrverbote werden zu lassen.

Und Mediziner Köhler? Der wünschte sich zum Schluss der Sendung, den Grünen wieder zu mehr Bodenhaftung verhelfen zu können. An diesem Abend ist ihm das schon mal gelungen. Und das bislang an fortgesetzte Betrügereien der Autoindustrie und deren rücksichtslose Zerstörung der Umwelt glaubende Publikum geht staunend ins Bett.

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