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„hart aber fair“-Löschung : Der WDR setzt auf Zensur

Etwas grobklotzig geht es bei Plasberg mitunter zu, manchmal auch polemisch. Aber reicht das, eine Sendung verschwinden zu lassen? Bild: WDR/Klaus Görgen

Die Sendung von Frank Plasberg zur Geschlechterdebatte ist aus der Mediathek gelöscht worden. Der Rundfunkrat sieht sich bestätigt, der Deutsche Frauenrat jubelt. Der Sender aber leistet mit seinem Verhalten einen Offenbarungseid. Ein Kommentar.

          Der 2. März 2015 ist ein Datum für die deutsche Rundfunkgeschichte. Denn am Abend dieses Tages lief im ersten Fernsehprogramm der ARD eine Sendung, die der Westdeutsche Rundfunk ein halbes Jahr später für immer aus seinem Online-Archiv verbannt hat. Niemand soll sie mehr sehen. Warum? Sie war „von Frauenverbänden und Gleichstellungsbeauftragten als unseriös empfunden worden und hatte zu Programmbeschwerden und zahlreichen Protestbriefen geführt“. Diese Beschwerden wies der Rundfunkrat des Senders zwar ab, empfahl aber, die Sendung nicht mehr vorzuhalten.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Und so geschah es. Die Ausgabe der Talkshow „hart aber fair“ von Frank Plasberg zur Geschlechterdebatte wanderte in den Giftschrank. Mag der öffentlich-rechtliche Rundfunk sonst um den möglichst langen Verbleib seiner Beiträge im Internet heftig kämpfen, vollzieht der WDR in diesem Fall, was Lobbygruppen gerne sehen: Der Sender zensiert sich selbst, um weiteren Ärger zu vermeiden. Er stellt einen prominenten Mitarbeiter bloß und nimmt den Zuschauern die Möglichkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden. Ein krasseres Versagen einer journalistischen Institution ist kaum denkbar. Der WDR verzichtet freiwillig auf die Presse- und Meinungsfreiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes.

          Der Anlass? Man muss nur den Titel der Sendung aufrufen, dann hat man ihren Hergang vor Augen: „Nieder mit den Ampelmännchen, her mit den Unisex-Toiletten – Deutschland im Gleichheitswahn?" lautete die Frage, der sich Frank Plasberg in der ihm eigenen grobklotzigen Art widmete. Es ging zu, wie es bei „hart aber fair“ immer zugeht – hart und heftig, polemisch, persönlich und dann und wann auch mal sachlich. Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki griff mit der Bemerkung daneben, sein Gegenüber Anton Hofreiter von den Grünen sehe (mit seiner Frisur) ja auch schon „gendermäßig“ aus. Die „Aufschrei“-Aktivistin Anne Wizorek, der es schwer fiel, andere ausreden zu lassen, mutmaßte derweil, Kubickis Töchter hätten wohl nur wegen des bekannten Namens Karriere gemacht. Und die Schauspielerin Sophia Thomalla erzählte, dass sie als Frau mit Sexismus vor allem konfrontiert sei durch das Urteil, dass sich andere Frauen über sie erlaubten.

          Wer sieht hier „gendermäßig“ aus?

          Da ging es also hoch her, einiges landete unter die Gürtellinie, und legte man es darauf an, könnte man die gesamte Sendung mit ein paar isolierten Zitaten als einzige Schlammschlacht ausgeben. Doch das war sie mitnichten, wofür zum Beispiel Anton Hofreiter sorgte, der Plasberg und den anderen sehr ausführlich darlegte, dass „Gender Studies“ nicht nur Nonsens produzierten, sondern die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern im Sinn hätten. Am meisten Widerspruch erntete er von der Publizistin Birgit Kelle, die dem „Gender Mainstreaming“ anlastet, jedweden Unterschied zwischen den Geschlechtern zu leugnen und zu einem Sexismus unter umgekehrten Vorzeichen zu führen – inzwischen wachse eine Generation von jungen Männern heran, die in der Schule Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechts als Selbstverständlichkeit erfahren habe.

          Irgendwie gendermäßige Frisur? Anton Hofreiter von den Grünen behielt die Nerven.

          Wem man bei diesem Ringen in der Geschlechterdebatte folgen und wie man den Auftritt des Moderators in ihr finden mochte, das lag im Auge des Betrachters. In der Betrachtung des Deutschen Frauenrats und einiger Gleichstellungsbeauftragter, die Beschwerde gegen das Programm einlegten, war die Diskussion frauenfeindlich, die Auswahl der Gäste einseitig und das Auftreten des Moderators unseriös.

          Ist die Reaktion „angemessen“?

          Ein Verstoß gegen die Programmgrundsätze? Den erkannte der Programmausschuss des WDR-Rundfunkrats zwar nicht, machte sich die Kritik an „hart aber fair“ jedoch vollständig zu eigen und empfahl einstimmig, die Sendung verschwinden zu lassen. Was der WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn „in Abstimmung mit dem zuständigen Programmbereich“ sogleich veranlasste, wie der Sender auf Anfrage von FAZ.NET mitteilt. Und was die Vorsitzende des WDR-Rundfunkrats, Ruth Hieronymi, wie sie im Gespräch sagt, für „angemessen“ hält: Hier sei das Thema Gleichstellung nicht mit der notwendigen Ernsthaftigkeit behandelt worden.

          Ernsthaftigkeit in der Geschlechterdebatte – ein hehres Ziel: Der Deutsche Frauenrat bejubelt, dass Plasbergs Sendung in den Giftschrank gesperrt werde und weist die Publizistin Birgit Kelle mal eben so als „Rechtpopulistin“ aus. Die spricht, wie Sophia Thomalla und Wolfgang Kubicki auch, von Zensur und meint, wenn bestimmte Feministinnen schlecht aussähen, sei das wohl die Reaktion – Sendeschluss für die anderen. Auf Twitter und bei Facebook wird so Pingpong gespielt und die Debatte genau so weitergeführt, wie sie Plasberg nach Ansicht der Kritikerinnen angeleitet hat – voller Dogmatismus und persönlicher Aggressivität, was zu nichts als Polemik führt.

          Das große Versagen aber liegt in diesem Fall beim WDR, der gerade das fünfzigjährige Bestehen seines Fernsehprogramms feiert. Wo die Diskussion beginnen müsste, blendet sich der Sender aus und kniet vor denen nieder, die Andersdenken Sprechverbote erteilen wollen. So sieht ein journalistischer Offenbarungseid aus. Plasbergs Sendung ist im Internet natürlich trotzdem verfügbar, allerdings nicht beim WDR, sondern auf Youtube.

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