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TV-Kritik: Hart aber fair : Noch Politik oder doch schon der Bachelor?

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Die Sendung „Hart aber Fair“ stand unter dem Motto: „Die Zukunft sondieren – gelingt den Parteien ein Aufbruch?“ Bild: WDR/Dirk Borm

Frank Plasberg widmet sich den Sondierungen zwischen FDP und Grünen. Doch bei Hart aber fair rückt an diesem Abend das Politische bedenklich nahe an Schmonzetten aus dem Privatfernsehen.

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          Eine Woche nach der Bundestagswahl sondieren die Parteien mit Hochdruck eine mögliche Koalition: Grüne mit FDP, Grüne mit SPD, FDP mit CDU/CSU, bald dann auch jeder mit jedem. Und so steht die Sendung „Hart aber fair“ denn auch unter dem Motto „Die Zukunft sondieren – gelingt den Parteien ein Aufbruch?“

          Beantworten sollen das an diesem Abend Gerhart Baum (FDP), Felix Banaszak (B‘90/Grüne), Sarna Röser (Bundesvorsitzende des Verbands „Die jungen Unternehmer“) sowie die Journalisten Ulrike Herrmann (taz) und Robin Alexander (Welt).

          Frank Plasberg setzt an diesem Abend den Ton der Sendung – zum Glück wird seine Kuschel-Rock-Stimmung aber im Verlauf der Sendung ein ums andere Mal von den Gästen durchbrochen. Denn wenn sich Annalena Baerbock, Robert Habeck, Christian Lindner und Volker Wissing wie eine neue Pop-Band per Selfie auf Instagram präsentieren, lässt das so manchen an seinem/ihrem oder auch deren Verstand zweifeln. Aber muss auch eine Sendung wie „Hart aber fair“ diesen Quatsch unbedingt mitmachen?

          Nach den ersten Minuten muss sich der interessierte Zuschauer jedenfalls ernsthaft fragen, ob er gerade eine führende Politik-Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anschaut oder doch aus Versehen im Privatfernsehen mitten in einer Schmonzette wie der Bachelor gelandet ist. Für Frank Plasberg jedenfalls sind die aktuellen Sondierungsgesprächen eine Art Speed-Dating, weshalb er auch die Frage stellt, wann daraus mehr als nur ein Flirt werde.

          Knallhart aus dem Honeymoon gerissen

          Die eingeladenen Gerhart Baum und Felix Banaszak übernehmen dann auch noch zu Beginn der Sendung den vorgegebenen Ton und überbieten sich mit gegenseitigen Nettigkeiten, Übereinstimmungen und gemeinsamen Brücken über vermeintlich gar nicht große Unterschiede zwischen ihren Parteien FDP und Grüne. Zunächst vermutet man an einen gewieften Trick des Moderators, der die Gäste in Sicherheit und Harmonie wiegen will, um dann seine Liebes-Anspielungen als Gag zu enttarnen, die Beteiligten aus ihrem Honeymoon zu reißen und mit knallharten Fragen oder Widersprüchen zu konfrontieren. Aber nichts dergleichen passiert.

          Im Gegenteil. Frank Plasberg fragt stattdessen Felix Banaszak: Wissen sie, was eine Spax-Schraube ist? Es ist eine Anspielung auf die Äußerung von Grünen-Chef Robert Habeck, der die Sondierungen von FDP und Grünen mit dem Eindrehen einer Spax-Schraube verglichen hatte. Angebrachter wäre es vielleicht gewesen, wenn Plasberg bei seinen Recherchen den Unterschieden zwischen FDP und Grünen nachgespürt hätte: Umgang mit der Schuldenbremse, Steuererhöhungen, Mindestlohn oder ähnliches – um nur ein paar Stichworte zu nennen.

          Nun gut, Felix Banaszak schwelgt derweil weiter in gemeinsamen Ideen für das Morgen, als Frank Plasberg ihn unterbricht mit den Worten: „Ich hänge an ihren Lippen“. Es steht zu befürchten, dass sich der Moderator der Slapstickhaftigkeit seiner Aussage in diesem Moment gar nicht bewusst ist. Und Rosamunde Pilcher säuselt aus dem Hintergrund: Niemand möge das frische Glück stören.

          Sonst Pferdefotos und hübsche Frauen

          Aber diese Störenfriede gibt es zum Glück, es sind an diesem Abend die beiden Journalisten Ulrike Hermann und Robin Alexander. Der Welt-Reporter Alexander macht den Anfang und bemerkt: Alles, was bisher gesagt wurde, sollte man direkt vergessen. Denn das stimme alles gar nicht. Tja, ein eindeutiges Urteil.

          Alexander weist vielmehr darauf hin, dass das eigentlich Grünen-Projekt von Robert Habeck im Wahlkampf eine Koalition mit CDU/CSU gewesen sei; zudem habe man die SPD final beerdigen und die FDP nach rechts rausdrängen wollen. Die neue Nähe zwischen Grünen und Liberalen sei ihm in seiner langjährigen Beobachtung jedenfalls bislang gar nicht aufgefallen.

          Und im Hinblick auf die hohen Stimmenanteile für die FDP unter den Erstwähler lautet seine Theorie: „Denen gehen ihre rot-grünen Lehrer, die rot-grünen Medien und die ganze Fridays-for-Future-Beschallung auf die Ketten.“ In diesem Fall sei ein Olaf Scholz wohl vermeintlich der passende Kanzler, dessen pragmatischer Ansatz eher verbinden könne als die vielerorts zu hörenden verbalen Überhöhungen vom „Generationenprojekt“ oder der „Versöhnung von Ökonomie und Ökologie“. Angesprochen auf das eingangs bereits erwähnte Pop-Band-Selfie ordnet Alexander ein: Man habe es auf Instagram gepostet, wo sonst Pferdefotos und hübsche Frauen zu sehen seien, aber eher wenig Inhalte. Deshalb lautet sein Appell: „Wir wollen doch nicht ernsthaft glauben, dass Baerbock, Habeck, Lindner und Wissing plötzlich voneinander begeistert sind.“

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