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TV-Kritik: Hart aber fair : Fünf Häuptlinge und eine „Indianerin“

  • -Aktualisiert am

Die Runde von „hart aber fair“: Hubertus Heil, Julia Friedrichs, Lencke Wischhusen, Arndt Kirchhoff, Djamila Kordus und Frank Plasberg (von links). Bild: WDR/Oliver Ziebe

Was bedeutet das Versprechen des sozialen Aufstiegs? Früher hieß es, die Bürger sollten mitbestimmen. Das „Wirtschaftswunder“ zielte auf sozialen Ausgleich. Wie es um den bestellt ist, zeigt „hart aber fair“.

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          Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat es getan: Er hat „Indianer“ gesagt. Außerdem hat er noch darauf hingewiesen, dass wir diese brauchen, und nicht nur Häuptlinge. Diese Form kultureller Aneignung erzeugte aber seltsamerweise keine Aufregung auf Twitter. Dort waren die zeitgenössischen Kulturkämpfer noch mit der Sendung von Anne Will beschäftigt, außerdem hatte Greta Thunberg am späten Abend eine Meinung zur Lage im Nahen Osten veröffentlicht.

          Wahrscheinlich wird das alles in der Lebenswelt der Lageristin Djamila Kordus keine Rolle spielen. Sie hat genug damit zu tun, ihren Alltag zwischen Erwerbstätigkeit und Familienleben zu organisieren. Die alleinerziehende Mutter repräsentiert jenen Teil der Bevölkerung, dessen Arbeit erst einmal einem Zweck dient: den Lebensunterhalt zu sichern. Deshalb hatte sie die Metapher des Ministers auch gut verstanden und keine kulturkämpferischen Einwände formuliert: „Indianer“ sind die Menschen, die keine Karriere als Häuptlinge machen und damit keine herausgehobenen Positionen in einer Gesellschaft bekleiden. Jeder vierte Beschäftigte hat dabei einen Stundenlohn von weniger als zwölf Euro.

          So war „Arm trotz Arbeit - wird sozialer Aufstieg zum leeren Versprechen?“ zwar der Titel der Sendung, aber eigentlich ging es um etwas anderes. Dieser Mythos aus der Zeit des verklärten Wirtschaftswunders wird zumeist falsch interpretiert. Sozialer Aufstieg meinte nämlich keineswegs die soziale Mobilität, sondern die Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen an dem erwirtschafteten Sozialprodukt. Die „Indianer“ sollten allerdings nicht nur ihr „Stück vom Kuchen“ bekommen, um einmal den Attendorner Unternehmer Arndt Kirchhoff zu zitieren. Sie sollten zudem bei der Regelung ihrer eigenen Angelegenheiten mitbestimmen. Das war der Kern der Sozialen Marktwirtschaft: den Widerspruch zwischen der rechtlichen Gleichheit des Staatsbürgers und der sozialen und ökonomischen Ungleichheit erträglich zu machen. Das hörte sich in der Theorie immer schöner an, als es in der praktischen Umsetzung war. Eine Lageristin wie Djamila Kordus bewegte sich mit einem Unternehmer wie Kirchhoff noch nie auf Augenhöhe, dafür waren die Lebenschancen schon immer zu unterschiedlich verteilt. Aber in einem System des kollektiven Interessenausgleichs waren alle zum Kompromiss gezwungen.

          Wie aus 210 Euro brutto 133 netto werden

          Gestern Abend ging es um die Frage, ob dieses System in den vergangenen dreißig Jahren funktioniert hat. Ob nicht die Gruppe von Erwerbstätigen, die Kordus repräsentiert, in diesem System des kollektiven Interessenausgleichs unter die Räder gekommen ist. Diese sogenannten „Working Poor“ sind ab den 1980er Jahren in allen westlichen Industriestaaten entstanden. Sie arbeiten zumeist in den Dienstleistungsberufen mit geringen Qualifikationsanforderungen, die den Abbau von Arbeitsplätzen in den alten Industriesektoren kompensierten.

          Die Autorin Julia Friedrichs machte diese Entwicklung so deutlich: Unter den alten Bedingungen sei es noch möglich gewesen, mit einem „männlichen“ Durchschnittseinkommen einer Familie einen angemessenen Lebensstandard zu garantieren. Sie wolle damit keineswegs zurück in diese Zeit und habe keine „Nostalgiegefühle“, so Friedríchs. Jenes Viertel der prekär beschäftigten Arbeitnehmer habe nicht die Möglichkeit, mit der eigenen Erwerbstätigkeit aus der bloßen Existenzsicherung herauszukommen. Die individuelle Anstrengung nütze nichts mehr, so ihr Fazit.

          Allerdings ist dieser Blick auf frühere Verhältnisse in einer Hinsicht nostalgisch. Die klassische westdeutsche Vorstellung der Ehe hat die Erwerbstätigkeit von Frauen nie ausgeschlossen. Nur arbeiteten Frauen in den niedrigsten Lohngruppen in der Industrie und in den Dienstleistungssektoren mit den geringsten Einkommen. Die „Hausfrauenehe“ war immer mehr bürgerliches Ideal als proletarische Wirklichkeit. Die Kinderbetreuung oder die Pflege der Großeltern galt zudem nicht als staatliche Aufgabe, das Kindergeld war ein Taschengeld, keine Hilfe zum Lebensunterhalt. Letztlich waren diese Lebensumstände als ökonomischer Zwang auch für die Stabilität der damaligen Ehen verantwortlich. Diese definierten sich primär als Haushaltsgemeinschaft, nicht als Institutionen zur Selbstverwirklichung. Eine Scheidung war eine ökonomische Katastrophe, eine alleinerziehende Mutter stand in den meisten Fällen vor dem sozialen Abstieg.

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