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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Ein Deutschland, vor dem Putin Angst hat

Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen über den Ukrainekrieg. Bild: WDR/Dirk Borm

Wie sehr ist Russlands Gesellschaft für Putins Krieg in Haftung zu nehmen? Die Frage nach der Kollektivschuld kann Frank Plasbergs Runde eher nicht beantworten. Ergiebiger ist der Blick auf die Haltung in Deutschland. Ein WDR-Urgestein leistet Abbitte.

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          Haben wir es in der Ukraine mit Putins Krieg zu tun oder mit einem Krieg der Russen? So lautet die Leitfrage für die Diskussion bei „Hart aber fair“. Diese Frage ist gut gestellt. Aber lässt sie sich auch mit einiger Plausibilität beantworten? Der erste Einspieler der Talkshow von Frank Plasberg suggeriert das. Ein Kriegsziel habe Putin zumindest erreicht, heißt es da: Er sei durch den Krieg beliebter geworden im eigenen Land. 82 Prozent betrage dort zur Zeit die Zustimmungsrate zu seiner Politik.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Der Publizist Michel Friedman ist der erste, der Zweifel an den Zahlen anmeldet, die schließlich unter den Bedingungen einer Diktatur ermittelt worden sind. Dass das als unabhängig geltende Levada Institut die Zahlen erhoben hat, macht sie nicht unbedingt glaubwürdiger. Das ist die alle Erkenntnissicherheit zersetzende Wirkung von totalitären Systemen: Nachdem das Institut als ausländischer Agent eingestuft worden sei, hätten die von ihm befragen Russen noch mehr Angst als ohnehin schon, ihre Meinung offen auszusprechen, gibt Narina Karitzky zu bedenken. Die Russischstämmige leitet eine Schule in Bonn.

          Ihr Hinweis klingt plausibel, doch fehlt es in der Sendung an Experten, die Licht in das Dunkel der Vermutungen bringen könnten. Der russische Forscher Philipp Chapkovsky etwa ist nach der Anwendung einer anderen Befragungsmethode zu dem Schluss gekommen, allenfalls gut die Hälfte der Russen unterstützten den Kriegskurs ihres Präsidenten. Zu diesem Ergebnis kam er, nachdem er die Fragetechnik geändert hatte, um den Befragten indirekte Antworten zu ermöglichen. Was wiederum seine Tücken hat.

          So bleibt es in der Plasberg-Runde bei anekdotischer, hinlänglich bekannter Evidenz. Der Rostocker Historiker Stefan Creuzberger gibt zu Protokoll, vor allem in den russischen Großstädten gebe es Kriegsgegner, was sich auch in offenen Briefen aus akademischen Kreisen zu Beginn des Krieges gezeigt habe, während auf dem Land die Unterstützung für Putin besonders hoch sei. Auch der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum glaubt daran, es gebe noch eine Zivilgesellschaft in Russland, auch wenn sie zuletzt 2012 nach den gefälschten Ergebnissen der Präsidentschaftswahl groß in Erscheinung getreten sei.

          Propaganda als Entschuldigung

          Was die russische Kollektivschuld am Krieg angeht, ist die Runde in Unschlüssigkeit vereint. Die Bevölkerung sei schon haftbar zu machen, man müsse aber berücksichtigen, dass im Gefängnis lande, wer Widerstand leiste (Friedman). Man müsse sich fragen, wie die Meinung der Russen aussähe, wenn sie die Wahrheit wüssten (Baum). Nur Karitzky formuliert klar, dass es sich nicht um einen Krieg Putins, sondern Russlands handele, auch sie verweist aber darauf, dass die Propaganda der vergangenen acht Jahre ganze Arbeit geleistet habe – was man als Entschuldigung werten kann oder auch nicht.

          Nachdem diese Schuldfrage nicht geklärt wäre, wendet sich Plasberg mit einem Einspieler der Frage zu, wer eigentlich dafür verantwortlich ist, dass die deutsche Öffentlichkeit lange Zeit ein ziemlich schiefes Bild von Russland vermittelt bekam (oder bekommen wollte). Der einstige Moskau-Korrespondent der ARD, Fritz Pleitgen, muss sein unlängst schon im „Kölner Stadtanzeiger“ abgelegtes Bekenntnis wiederholen, er habe sich in Putin getäuscht.

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