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TV-Kritik zu „Hart aber fair“ : Das große Putin-Potpourri

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg diskutiert am Montagabend mit seinen Gästen. Bild: ARD/“hart aber fair“

Zunächst geht es bei Frank Plasberg um die interessante Frage, welche Folgen die Mobilmachung in Russland hat. Dann sinkt das Niveau – und der Moderator exponiert sich mit Suggestivfragen.

          3 Min.

          Der Talkshow-Herbst hat gerade erst begonnen, und doch stecken die Sendungen zum Krieg Russlands gegen die Ukraine oft schon wieder in der Dauerschleife des seit Ende Februar Wiederholten. Nach einer Stunde „Hart aber fair“ hat man das Gefühl, fast alle Argumente schon vielfach gehört zu haben – dabei hatte es doch ganz gut angefangen.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Die ersten Minuten der Sendung unter dem wie gewohnt reißerischen Titel „Wie hoch pokert Putin noch?“, die sich um die jüngsten Ereignisse der russischen Mobilmachung drehten, waren interessant. Zum Beispiel der Verweis des ehemaligen Moskau-Korrespondenten Udo Lielischkies auf den russischen Meinungsforscher Lew Gudkow vom als unabhängig eingestuften Lewada-Institut. Nach Gudkows Einschätzung hätten nur vier bis zehn Prozent der russischen Bevölkerung Zugang zu alternativen Informationen jenseits der Staatspropaganda, etwa fünfzehn Prozent der Russen seien gegen den Krieg, und dies reiche nicht aus, um ein Aufbegehren der Bevölkerung gegen Putin zu bewirken.

          Immer wieder die Atomwaffen-Frage

          Diese kühle Einschätzung wurde flankiert von jener der Militärexpertin Claudia Major, die Mobilmachung werde kurzfristig nichts bewirken, weil dafür in Russland die Strukturen und das Material fehlten: „Selbst wenn diese Truppen dann irgendwann an der Front ankommen, sind sie wahrscheinlich nicht supergut ausgebildet und nicht supermotiviert.“ Dennoch handle es sich um eine Eskalationsansage Putins (wer hätte etwas anderes angenommen?), die bereits im Hinblick auf eine Frühjahrsoffensive 2023 erfolgt sei.

          Der Westen müsse sich also auf einen längeren Krieg einstellen. Mit der Einschätzung des Diplomaten Wolfgang Ischinger, Putin verknüpfe jetzt seine eigene Karriere mit dem Kriegsverlauf (wer hätte etwas anderes angenommen?), war allerdings der interessantere Teil der Sendung auch schon fast wieder vorbei.

          Wäre diese Sendung doch einfach mal eine Stunde bei den innerrussischen Verhältnissen geblieben, man hätte viel lernen können – aber stattdessen wollte Frank Plasberg lieber noch einmal die Frage klären, ob Putins Atomwaffendrohung ernst zu nehmen sei. Die Runde tendierte dazu, sie als Bluff zu verstehen, freilich nicht ohne gleichzeitig zu warnen, sie dennoch ernst zu nehmen. Es ist im Grunde eine rhetorische Übung, mit dieser Frage umzugehen, bei der insbesondere Politiker den Spagat leisten müssen, zurückhaltend und doch nicht zu zurückhaltend zu antworten, mutig und doch mahnend.

          Spätestens mit der Einschätzung der CDU-Bundestagsabgeordneten Serap Güler, das Spiel mit der Angst sei eigentlich Putins größte Waffe, war das große Putin-Potpourri eröffnet, bei dem es früher oder später darum geht, ob der Mann noch irgendwie rational handelt, und ob er auf der politischen Weltbühne „einsamer“ werde.

          Suggestivfrage nach Waffenlieferungen

          Weil es hierzu nicht viel Neues gab (einerseits ja, andererseits nein), ging es dann plötzlich nochmal um das Thema deutscher Waffenlieferungen an die Ukraine, wohl um eines größeren Dissenses willen. Die scheinheilig im Modus des „Faktencheck“-Einspielfilmchens vorgetragene Suggestivfrage, warum Deutschland der Ukraine eine Panzerhaubitze liefere, nicht aber den Leopard-Panzer, brachte den SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert zurecht etwas auf die Palme, weil, wie er richtig erkannte, die Sendungs-Regie hier die „richtige“ Antwort schon ganz deutlich nahelegte.

          Hier nun sah sich Kühnert isoliert: „Herr Plasberg, wir sitzen hier auch heute wieder in einer Runde zusammen, in der man mit der Position, nicht automatisch westliche Panzer zu liefern, anscheinend schon der pazifistische Außenflügel ist.“

          Spätestens, als Frank Plasberg daraufhin suggestiv die Bitte der ukrainischen Botschaft zitierte, „wir hätten sehr, sehr gern den Leopard 1“, war – und das kann man konstatieren, egal, wie man zu Waffenlieferungen steht – das journalistische Niveau der Sendung im Keller.

          Gehoben wurde es noch einmal von einem Gespräch Plasbergs mit dem Wirtschaftswissenschaftler Erdal Yalçin. Der Konstanzer Professor gab den optimistischen Ausblick, auf lange Sicht werden die Sanktionen gegen Russland schon greifen.

          Der Bericht über diese insgesamt ziemlich disparate Plasberg-Sendung soll aber nicht zu Ende gehen ohne einen philosophischen Einblick in die beste aller Welten, wie ihn die Expertin Claudia Major gab, als sie auf Frank Plasbergs Wunsch die Wirkweise von Kriegsgerät erklärte: „In einer idealen Welt sind die alle zusammen: Da haben sie die Panzerhaubitze, die das Ganze sturmreif schießt, noch mit einem Raketenwerfer, aber um es einzunehmen, brauchen sie das Zusammenspiel von dem Panzer und dem Schützenpanzer – in der allerbesten Welt mit Luftunterstützung.“

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