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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Von Emotionen wird keine Wohnung warm

Gesprächsrunde von Frank Plasberg: Die große Lösung, die eindeutige Antwort gibt es nicht. Bild: WDR/Thomas Kierok

Die Energiepreise steigen immer weiter, und außer dem russischen Präsidenten Wladimir Putin will es keiner gewesen sein. Man könnte nun nach Lösungen suchen – aber das passt leider nicht ins Konzept von „Hart aber fair“.

          3 Min.

          Natürlich ist die Politik, ist speziell der Bundeskanzler selbst schuld, wenn die Leute, also zum Beispiel die Inhaberin einer Bäckerei in Niedersachsen jetzt heftig klagen, sie fühlten sich „alleingelassen“ angesichts nicht mehr bezahlbarer Gaspreise – auch wenn das meistens ein bisschen kitschig klingt.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Und noch ein bisschen kitschiger, wenn diese Bäckereibesitzerin dann darauf hinweist, dass ihre Bäckerei nicht einfach ein Wirtschaftsbetrieb sei, sondern eine Herzensbäckerei, die dem Kunden nicht bloß eine Semmel, sondern vielleicht auch ein Stück Kuchen verkaufen wolle, was der sich aber bald nicht mehr leisten könne, weil sie die Preise erhöhen müsste.

          Und es war nicht der anwesende und ein bisschen hilflos wirkende Ökonom Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel, es war vielmehr eine E-Mail aus der Zuschauerschaft, die formulierte, was der Titel der Sendung doch eigentlich verspricht: dass, hart aber fair gesagt, man die Produktion eben einstellen müsse, wenn man die Produktionskosten durch Verkäufe nicht mehr hereinbringen könne. Dass Herzensangelegenheiten also keine ökonomischen Kategorien seien.

          Bäckerin aus Leidenschaft: Caterina Künne
          Bäckerin aus Leidenschaft: Caterina Künne : Bild: WDR/Thomas Kierok

          Aber wenn man die existenziellen Sorgen der Herzensbäckerin Catarina Künne, deren Betrieb ganz sicher bessere und gesündere Semmeln herstellt, als man sie von der Bäckereiindustrie bekommen kann – wenn man die begründeten Sorgen, dass ihr mittelständischer Betrieb die Gaspreise im Winter nicht mehr zahlen könne, zum argumentativen Ausgangspunkt der ganzen Sendung gemacht hätte, statt damit nur das Thema emotional aufzuladen: Dann hätte man fragen müssen, wer für diese Preise verantwortlich ist, wer die Gewinne abschöpft und wie man, als Staat und Gesellschaft, sich die zurückholen könnte angesichts des Umstands, dass der Mangel an Gas im Moment ja eher ein gefühlter und in die Zukunft projizierter als ein realer ist.

          Putin, das ist hier zwar die richtige, aber eben nicht die ganze Antwort. Und der Bundeskanzler hat versprochen „You’ll never walk alone“, weshalb Catarina Künne alles Recht hat, sich alleingelassen zu fühlen. Und sich bei der Regierung darüber zu beschweren.

          Smart aber fair

          Aber das die Sendung nicht „Smart aber fair“ heißt, wurde, kaum dass jeder Zuschauer die Not von Catarina Kühne begriffen und Gitta Connemann, CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, der Ampel allgemein und dem hessischen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir speziell ideologische Vorbehalte (gegen das Handwerk, die Bäcker?) vorgehalten hatte, unvermittelt über die Atomkraft gesprochen – mit der man die Gasöfen der Bäckereien bestimmt nicht heizen kann. Und über die tatsächlich in den vergangenen Tagen wirklich alles von fast allen schon gesagt worden ist. Aber immerhin kann man auch damit die Emotionen anheizen oder glaubt das zumindest in der „Hart aber fair“-Redaktion.

          Weshalb eine Umfrage unter Kölner Grünen-Anhängern, denen eine Mitarbeiterin der Sendung alberne Aufkleber mit dem Slogan „Atomkraft, ja bitte!“ aufschwatzen wollte, vermutlich für die Verantwortlichen eine Enttäuschung war: Die Leute wollten den Aufkleber nicht, sie wollten, eigentlich, auch keine Atomkraft. Und sagten doch, dass sie den Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke zähneknirschend akzeptieren würden, wenn das für die Versorgungssicherheit und als Preisdrücker eben notwendig sei. Mit Emotionen kann man eben keine Wohnung heizen.

          Womit diese Leute die ganze Sache auch nicht viel anders beschrieben, als das Connemann und Al-Wazir taten – auch wenn die einander dauernd ins Wort fielen und gegenseitig Ideologie vorwarfen, wo ein ideologischer Gegensatz aus Sicht des Publikums nur schwer zu erkennen ist.

          Es war ja eine Kanzlerin der CDU, in ihrem Entschluss auch gefühlsmäßig maximal unterstützt vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten, die so schnell wie möglich raus wollte aus der Kernenergie. Und es war der Wirtschaftsjournalist Hermann-Josef Tenhagen, der in der Sendung zu bedenken gab, dass, weil das Ausstiegsdatum seit elf Jahren feststeht, in den Kraftwerken schon lange kein TÜV mehr zu Besuch war. Und dass die guten Leute auch längst woanders arbeiten.

          Die Leute sollen Kuchen essen

          Immerhin konnte man in der Sendung zumindest das lernen: Dass der Einführung einer milden Form des Sozialismus (der natürlich nicht so heißen darf) weder die Grünen noch die CDU im Weg stehen werden. Am Beispiel des Stroms ließ sich, weitaus anschaulicher als beim Gas, veranschaulichen, dass der Markt hier offenbar nicht zum Nutzen aller funktioniert. Dass den ungeheuren Strompreisen eben keine so furchtbar gestiegenen Produktionskosten gegenüberstehen. Und dass, wenn auch Normalverdiener diese Preise kaum noch zahlen können, keinen mehr sein marktliberales Gerede von gestern mehr kümmert.

          Die Grünen (und die Ampel) wollen die Gewinne direkt abschöpfen, die CDU-Politikerin Gitte Connemann forderte, dass der Staat mit ungeheuren Summen all jene unterstützt, die Unterstützung brauchen, also eigentlich alle. Und man hatte den Eindruck, dass nur das auf Krawall angelegte Format der Sendung (und der Wahlkampf in Niedersachsen) verhinderten, dass Connemann und Al-Wazir sich zusammensetzten und darüber einig würden, wem sie wie viel wegnehmen wollten, damit Bäcker überleben können, und das Volk sich den Kuchen weiter leisten kann.

          Wenn der Journalist Tenhagen ein wenig mehr zu Wort gekommen wäre, dann hätte er, besser jedenfalls als der immer schweigsamer werdende Ökonomieprofessor Kooths, erläutern können, dass es die große Lösung, die eindeutige Antwort nicht gibt. Dass aber eine Mischung aus ökonomischer Klarsicht und der Bereitschaft der Regierung wie der Verbraucher, viele kleine Schritte zu machen, den Leuten helfen und die Preise letztlich wieder drücken könnte. Dass, aus ökologischen Gründen, auch das Sparen von Energie eine existenzielle Notwendigkeit ist, auch daran erinnerte nur der Journalist.

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