https://www.faz.net/-gqz-aa5n4

TV-Kritik: Hart aber fair : Und keiner will es gewesen sein

  • -Aktualisiert am

China, so Münkler, habe dem Westen in der Pandemie eine bittere Lektion erteilt. Selbst wenn er die Todeszahlen der Johns-Hopkins-Universität verzehnfache, wären in der Volksrepublik mit seinen 1,3 Milliarden Menschen lediglich rund 40.000 Tote zu beklagen.

Münklers China-Loblied

Es war zunächst Marina Weisband, die ein solches Loblied auf die harte Hand Pekings so nicht stehen lassen wollte. Chinas Erfolg im Kampf gegen das Coronavirus sei kein Argument für Autoritarismus wie auch kein Argument gegen Demokratien. Vielmehr habe die Volksrepublik schlicht in den vergangenen Jahren schon Erfahrungen mit Pandemien wie beispielsweise Sars gesammelt.

Melanie Amann flankierte den Widerspruch mit dem Hinweis, dass das Gegenteil von Münklers Systemkritik richtig sei: Das deutsche System verfüge durchaus über sämtliche Mittel, die für einen erfolgreichen Kampf notwendig wären. Merkel und der Bund seien nämlich nicht derart machtlos, wie es die Bundeskanzlerin zuletzt öffentlich beklagt hatte. Vielmehr habe der Bund habe durch das Infektionsschutzgesetz die Macht an sich gezogen – und wieder an die Bundesländer abgegeben. Später in der Sendung brachte sie es wie folgt auf den Punkt: „Es ist schwer, dafür ein passendes Wort zu finden. Eine organisierte Lebensgefahr für uns alle, durch Unterlassen seitens der Politik.“

Aus ebenjener Politik war CDU-Mann Norbert Röttgen anwesend. Er nahm die vielen Vorwürfe durchaus an – alles andere wäre wohl auch zu absurd gewesen. Aus seiner Sicht habe sich die Ministerpräsidentenkonferenz durch ihre Sitzung vergangene Woche als grundlegend dysfunktional erwiesen, ja sogar als schädigend. Bei aller Einsicht versuchte der CDU-Politiker gekonnt, in dieser verfahrenen Situation statt Verdruss eine Art Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Offensiv ging er die zuvor als vermeintliche Vorbilder gepriesenen Länder Irland und Amerika an und erwiderte: Die Situation in Irland war mit Inzidenzen von knapp 1000 viel schlimmer, als sie jemals in Deutschland gewesen sei. Und die Vereinigten Staaten hätten in der absoluten Betrachtung die höchste Corona-Sterbequote der Welt. Beides könne in Deutschland noch verhindert werden.

Deshalb dürfe man sich nun auch nicht in Sack und Asche werfen, sondern müsse wieder deutscher werden: Man müsse in der Verwaltung wieder besser werden, was für Röttgen vor allem Digitalisierung bedeutet. Zudem habe man es übertrieben mit einem moralischen Imperativ, der unter anderem einen deutschen Impfnationalismus verhindern sollte. Auch das müsse ein Ende haben, denn: Der Staat muss sich zuerst um seine Bürger kümmern. Das sei menschlich und legitim – und keineswegs nationalistisch.

Röttgen: Jetzt wird es anders

Röttgen sprach denn auch von einer Zäsur, die in Deutschland stattgefunden habe. Nun müsse gehandelt werden – und zwar im Bundestag als dem zentralen Organ der deutschen Demokratie. Das Parlament verfüge über die konkurrierende Gesetzgebungskompetenz, wodurch man den Bundesländern durchaus auftragen könne, was zu machen sei. Immer mehr nahm Röttgen Fahrt auf, als wäre sein Kampf um den CDU-Vorsitz nicht längst verloren. Seine Versprechen: Er wolle als Parlamentarier der Verantwortung des Bundestages gerecht werden. Jetzt werde es anders. Jetzt – beziehungsweise in der Woche nach Ostern. Es wäre genau 62 Wochen nach dem ersten Coronafall in Deutschland.

Dennoch war „Hart aber fair“ an diesem Abend eine interessante Sendung mit einem Frank Plasberg, der dezent moderierte und bei Bedarf kritisch nachfragte. Wichtiger noch war allerdings, dass vor allem das grundlegende Problem des deutschen Corona-Fiaskos herausgearbeitet und klar benannt wurde: das Wegschieben von Verantwortung. Denn ob Kanzlerin, Gesundheitsminister oder Ministerpräsidenten – keiner will es gewesen sein.

Wissen war nie wertvoller

Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Topmeldungen

Armin Laschet vor den Müllbergen im Hochwassergebiet Swisttal.

F.A.Z. Frühdenker : Laschet hat einen schweren Stand im Hochwassergebiet

Nachdem er es in Swisttal mit wütenden Bürgern zu tun hatte, reist Armin Laschet mit Olaf Scholz in ein weiteres Hochwassergebiet. Simone Biles tritt nach ihrer Pause in Tokio am Schwebebalken an. In Griechenland werden bis zu 47 Grad erwartet. Der F.A.Z. Frühdenker.
Bloß nicht zu lange aufbewahren: Hier warten Geldscheine noch auf ihren richtigen Einsatz.

Geldanlage : So trotzen Sie den Strafzinsen Ihrer Bank

Negativzinsen auf Bankguthaben sind in der Mitte des Volkes angekommen. Sollten auch Sie nicht wissen, was Sie mit Ihrem schönen Geld stattdessen machen sollen, beflügeln Sie vielleicht diese Anregungen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.