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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Hört auf diese Frau

  • -Aktualisiert am

Im Studio von Frank Plasberg war Anja Kohl per Video zugeschaltet. Bild: WDR/Dirk Borm

Börsenexpertin Anja Kohl fährt die sozialpolitischen Krallen aus. Bei Frank Plasberg erteilt sie Lektionen zu Preissteigerungen, mit denen anwesende Abgeordnete eigentlich etwas anfangen könnten. Wenn sie sich nicht an überholte Konzepte klammerten.

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          Die Inflationsrate liegt gerade bei acht Prozent. So viel verlangt die Industriegewerkschaft Metall in den laufenden Tarifverhandlungen an Lohnerhöhung für die Arbeitnehmer. Wo liegt also das Problem? Ganz so einfach ist es ja nun nicht. Aber es ist vielleicht einfacher, als immer getan wird. Woran es mangelt, wurde in dieser seltsam unaufgeregten, aber lehrreichen Ausgabe von „Hart aber fair“ am Montagabend im Ersten deutlich, wenn auch vor allem nur indirekt: Es mangelt ganz einfach am politischen Willen.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          „Tank und Einkaufswagen voll – können sich das nur noch die Reichen leisten?“, hatte Moderator Frank Plasberg gefragt. Die Antworten fielen unterschiedlich aus. Wenn man Anja Kohl glaubt – und es spricht nach ihren Lektionen alles dafür, das zu tun –, dann muss man die Frage mit „ja“ beantworten. Die ausgeschlafene ARD-Börsenexpertin hielt der Runde vor Augen: Es drohten soziale Verwerfungen, wenn die Preise, insbesondere für die Lebenshaltung, weiter stark steigen, die Löhne aber nicht.

          Kohl fährt die Krallen aus

          Wer Anja Kohl bisher nur von ihren Börsenberichten kennt, in denen wirtschaftspolitische Kommentare oder gar Systemkritik wahrscheinlich auch gar nicht opportun sind, könnte meinen, sie denke ganz immanent wirtschaftlich und sei hauptsächlich daran interessiert, den Zuschauern (betriebs-)wirtschaftliche Vorgänge nahe zu bringen – ohne Rücksicht auf Verluste gewissermaßen, ohne sozialpolitische Erwägungen, ohne Blick aufs Ganze, aufs Gemeinwohl. Bei Plasberg fuhr sie ihre Krallen aus und zeigte, neben ihrer ohnehin unbezweifelbaren ökonomischen Sattelfestigkeit, einen Sinn für soziale Gerechtigkeit, wie man ihn so nur noch links von der SPD findet – und bei schwarz-gelb sowieso nicht.

          Ihren ersten Treffer landete sie, nachdem FDP-Bundestagsfraktionschef Christian Dürr und Gitta Connemann, CDU-Abgeordnete und Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, für eine Steuerreform plädiert hatten. Von dieser Idee hat man auch bei anderer Gelegenheit schon gehört, Stichworte „Bierdeckel“ und Friedrich Merz. Sie könne es nicht fassen, sagte Kohl, 16 Jahre habe die Union die Regierung gestellt, einmal auch eine schwarz-gelbe, aber passiert sei nichts. Aus dieser Tatsache zu schließen, dass so etwas dann eben politisch nicht oder nicht ausreichend gewollt wird, überließ sie dem Zuschauer.

          Die beiden Politiker spulten in der Folge trotzdem das übliche Programm ab: kleine und mittlere Einkommen, vor allem aber „den Mittelstand“ und gerne auch „die Unternehmen“ entlasten, staatliche Zurückhaltung bei der Preis- und Tarifpolitik, Mehrwertsteuer runter, dazu die derzeit einschlägigen Wohltaten wie die ja allen Ernstes von der FDP federführend angeleierte staatliche Subvention beim Tanken und das auch nicht sonderlich nachhaltige, ja, eigentlich jetzt schon nutzlos verpuffende Neun-Euro-Ticket.

          Realitätscheck für Politiker-Vorstellungen

          Lebensweltlich abgeglichen oder vielmehr in ihrer Wirkungslosigkeit unfreiwillig entlarvt wurden diese reichlich bekannten Vorstellungen von dem Bäckermeister Jürgen Hinkelmann, der bald nicht mehr weiß, wie er seine 600 Mitarbeiter noch anständig bezahlen soll, wenn Mehl, Milch und Eier noch teurer werden. Und von dem Familienvater Jens Diezinger. Der ist als Kita-Erzieher ohnehin nicht auf Rosen gebettet und muss jetzt sehen, wie er während der nun an- und sich laut Anja Kohl womöglich noch eine Dekade hinziehenden Inflation seinen fünf Kindern noch etwas anderes bieten kann als einen Ersatz für ein Paar zu klein gewordener Fußballschuhe.

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