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TV-Kritik: „hart aber fair“ : Die Selbstgefälligkeit des Umwelt-Weltmeisters

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Die Umweltministerin preist bei Frank Plasberg das deutsche Müllsystem als Rettung für den Planeten an. In Wahrheit würde Deutschland ein dysfunktionales System exportieren.

          Beim augenblicklichen Verbrauchstempo, so erfahren wir, „reichen die Kohle- und Ölreserven noch fünfzig bis siebzig Jahre, und mindestens genauso lange dauert es wahrscheinlich, bis uns eine risikolose Alternativenergie zur Verfügung steht, die im Stande ist, den heutigen Bedarf zu decken.

          Auch von diesem Gesichtspunkt aus ist eine globale Energie-Spar-Kampagne mit Änderung der Produktions- und Konsumgewohnheiten äußerst angebracht.“ Diese Sätze hätten gestern Abend auch von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) formuliert werden können. Tatsächlich stammen sie aber aus einem kleinen Rowohlt-aktuell Taschenbuch aus dem Jahr 1974. Autor war der schwedische Journalist Bo Gunnarrsson und der Titel hieß „Japans ökologisches Harakiri oder Das tödliche Ende des Wachstums.“ Die Bundeskanzlerin ist dort gerade zu Besuch und wird nach ihrer Rückkehr von keinem Harakiri berichten müssen. Das Land konnte die beschriebenen Probleme in den nachfolgenden Jahrzehnten weitgehend lösen. Es hat heute vor allem mit dem demographischen Wandel und den Folgen einer gestiegenen Lebenserwartung zu kämpfen.

          Zwischen Verpackungsgesetz und Verpackungsregister

          Nun ist es eine leichte Übung, sich über die fehlerhaften Prognosen von vor fünfundvierzig Jahren lustig zu machen. Solche Irrtümer passieren immer, wenn man einfach die Gegenwart in die Zukunft fortschreibt. Aber interessant war bei Plasberg schon, wie ein mit damals vergleichbarer apokalyptischer Tonfall wieder die Debatte prägt. Das brachte nicht zuletzt der achtzehnjährige Gymnasiast Jakob Blasel zum Ausdruck. Er repräsentierte die von der jungen Schwedin Greta Thunberg initiierte Bewegung #fridaysforfuture, die sich für die energiepolitischen Vorstellungen von Umweltverbänden einsetzt.

          Blasel hatte inhaltlich wenig zu sagen. In einer Nebenbemerkung machte er dafür deutlich, worum es eigentlich geht. Er habe in einem Gespräch mit Bundeswirtschaftsminister gehofft, ihn „emotional zu erreichen“. Es geht somit um ein Lebensgefühl der Zukunftslosigkeit in Teilen einer Generation, die paradoxerweise gleichzeitig mit den Konsequenzen einer steigenden Lebenserwartung leben muss. Auf die persönliche Lebensführung hat das wenig Einfluss, außer am Freitag nicht zur Schule zu gehen. Immerhin sind aber die Eltern von Blasel zu einem Naturstromanbieter gewechselt, wie er sagte. Und sie seien „nicht unglücklich“ über den Auftritt ihres Sohnes in einer der wichtigen politischen Talkshows. Das konnten die Zuschauer nachvollziehen. Welche Eltern wären nicht stolz auf einen so gut erzogenen Sohn?

          So wurde Blasel von der Umweltministerin für sein Engagement gelobt. Tatsächlich musste sie auf keinen inhaltlichen Kritikpunkt eingehen, weil der gar nicht formuliert wurde. Frau Schulze ist halt weniger mit apokalyptischen Lebensgefühlen beschäftigt als mit den Niederungen der Ebene. Da sieht sie vielversprechende Fortschritte durch das neue Verpackungsgesetz (VerpackG), das die alte Verpackungsverordnung abgelöst hat (VerpackV). Welches Lebensgefühl in der neu geschaffenen Zentralen Stelle Verpackungsregister (ZSVR) zum Ausdruck kommt, ließ sich leider nicht feststellen. Wahrscheinlich hat Blasel davon noch nie gehört. In einer solchen Sendung lassen sich solche technokratischen Finessen auch nicht diskutieren. Mit der üblichen Komplexitätsreduktion landet man dafür mit der Umweltministerin beim wiederverwertbaren Netz zum Kartoffelkauf. Oder dem berühmten Plastiküberzug der Gurke im Supermarkt.

          Wobei es an einem Punkt interessant wurde. Plasberg versuchte die heilige Kuh der deutschen Umweltpolitik einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Die Deutschen hatten aus zu entsorgenden Müll einen Wertstoff gemacht. Das Zauberwort hieß Recycling. Der wurde damit zu einem handelbaren Gut, was etwa zum Export unserer sogenannten Wertstoffsäcke nach Asien führte. Dort findet man diese Wertstoffe schon einmal auf wilden Mülldeponien in Malaysia, worauf Plasberg hinwies.

          Heilige Kuh der deutschen Umweltpolitik

          Hier fanden die Zuschauer den inhaltliche Erkenntnisgewinn dieser Ausgabe von „hart aber fair“. Wir stellen alles in Frage, nur nicht unsere eigenen Annahmen. Die beruhen auf einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein zur Rettung unseres Planeten, und das mit dem einem Verpack im Marschgepäck. Frau Schulze sah im Export unseres Lebensstils unsere globale Verantwortung begründet. Sie konnte sich trotzdem nicht für eine Plastiksteuer erwärmen, die der Schauspieler und nebenberufliche Umweltdokumentarfilmer Hannes Jaenicke forderte. Er nannte etwa „die 180.000 „Coffee to go Becher“, die jede Stunde in Deutschland verbraucht werden.“ Müllvermeidung sei das nicht, womit Jaenicke recht hatte.

          Es lässt sich zudem trefflich über den Nutzen schwarzer Verpackungen beim Abfüllen von Duschgels in Kombination mit Haarshampoo für eine männliche Kundschaft diskutieren. Das dort verwendete Plastik ist nicht recyclefähig, wie der Zuschauer erfuhr. Dafür wurde in einem Einspieler der Aberwitz unserer Umweltpolitik deutlich. Zumeist wird unser Plastikmüll bis heute verbrannt, etwa in Müllverbrennungsanlagen oder in Zementwerken. Das nennt sich „thermische Verwertung“ und hört sich wohl nicht nur für Plasberg, wie ein klassischer Euphemismus an. Angesichts dessen wagte selbst Holger Lösch als Vertreter des „Bundesverbandes der deutschen Industrie“ (BDI) nur einen schüchternen Versuch zur argumentativen Begründung dieser langjährigen Praxis.

          So kommt niemand auf die Idee, die Sinnhaftigkeit des Plastik-Recycling im Gegensatz zu anderen Stoffgruppen überhaupt noch in Frage zu stellen. Es ist längst als moralisches Statement definiert worden, wo der wiederverwertete Joghurtbecher fast schon eine mythische Existenz führt. Dann helfen auch nicht mehr die empirischen Erfahrungen über das desaströse Scheitern dieses deutschen Systems. Dort wird zwar von Recycling geredet, aber Müll tatsächlich verbrannt und exportiert. Dabei wäre den Weltmeeren wahrscheinlich sogar besser geholfen, wenn in Asien eine funktionierende Infrastruktur der thermischen Verwertung der Müllberge existierte. Stattdessen will die Umweltministerin das deutsche Sammelsystem mit neuen Fördergeldern weltweit anpreisen, wie sie bei Plasberg mit Stolz verkündete. Wer glaubt eigentlich ernsthaft, unser dysfunktionales System guten Gewissens weiterempfehlen zu können?

          Hier machte Jaenicke einen guten Punkt als er unsere Selbstgefälligkeit als Umwelt-Weltmeister in Frage stellte. Leider nur an den falschen Punkten. Die von ihm erwähnte Plastiksteuer gibt es seit Jahrzehnten, wie Lösch deutlich machte. Sie wird von den Verbrauchern bei jedem Kauf von Verpackungsmaterial mit dem berühmten „Grünen Punkt“ entrichtet. Ansonsten war Jan Fleischhauer die Rolle des bösen Buben in dieser Runde zugedacht. Die erfüllte der Spiegel-Kolumnist zur vollsten Zufriedenheit, wenn man ihm ein Arbeitszeugnis ausstellen wollte. Seine Beschreibung des ökologisch drapierten Lifestyles in Teilen unserer Mittel- und Oberschicht hatte angemessen komödiantische Züge. Allerdings war ein Einwand einer Umweltredakteurin der taz nicht von der Hand zu weisen. Heike Holdinghausen hatte ihre Zweifel an der Relevanz der anekdotischen Berichte Fleischhauers. Dafür wusste sie mit einer Einordnung der Tempolimit-Debatte zu überraschen. Sie nannte es „irre, jetzt darüber zu diskutieren.“ Schließlich stehe das Land vor einer grundlegenden Verkehrswende: „Da gibt es Wichtigeres als das Tempolimit.“ Dessen faktische Sinnlosigkeit für die Erreichung von Klimazielen machte die Umweltministerin ebenfalls deutlich. Lösch hatte dafür Anlass zu einer gewissen Betrübnis: Sitzt er doch in jener Kommission, die die Einführung eines Tempolimits in einem Strategiepapier diskutierte. Das sei aber an die Medien durchgestochen worden. Von ihm offensichtlich nicht, so war Lösch zu verstehen.

          Kreativität für die dauerhaft Empörten

          Damit die dauerhaft Empörten in den sozialen Netzwerken wenigstens etwas zu diskutieren hatten, bemühte sich Fleischhauer um publizistische Kreativität. So seien die statistisch zu erwartenden zusätzlichen zweihundert Toten ohne ein generelles Tempolimit als Lebensrisiko hinzunehmen. Unangepasste und überhöhte Geschwindigkeit wird es leider trotz Tempolimit geben, wie der Alltag auf den Landstraßen beweist. Insofern sind solche Zahlen immer mit Vorsicht zu genießen.

          Als Bo Gunnarrsson sein Buch über Japans im Jahr 1972 in Schweden veröffentlichte, gab es in Deutschland fast 21.000 Verkehrstote. Im vergangenen Jahr waren es 3.220 tödlich verunglückte Personen. Diese Risikoreduzierung passierte trotz eines sprunghaft gestiegenen Verkehrsaufkommens und mit wesentlich leistungsstärkeren Autos. Der gleiche Mechanismus der kontinuierlichen Verbesserung bewahrte auch Japan in den 1970er und 1980er Jahren vor dem befürchteten „ökologischen Harakiri.“

          So machte Lösch am Ende die richtige Bemerkung. Es sei in dieser Sendung „zu viel über das Wollen und nicht über das Machen geredet worden.“ Er verband das mit der Bitte an den Kieler Schüler, in seinem Berufsleben die technischen Voraussetzungen zur Lösung unserer Probleme zu schaffen. „Emotionale Erreichbarkeit“ und ein apokalyptisches Lebensgefühl werden dafür nicht reichen, wobei beides zweifellos die Kernkompetenz einiger Umweltverbände beschreibt. Ansonsten sollten Politiker wie Svenja Schulte Schülern wie Blasel nicht einfach nach dem Munde reden. Anbiedern ist keine Argumentation. Und eine Umweltministerin kann nicht erwarten, mit VerpackG und ZSVR deren Befindlichkeit zu erreichen. Gunarrsson erwartete übrigens wegen der Luftverschmutzung die Einführung des Elektroautos in Japan schon für die 1980er Jahre. So kann man sich irren. Aber sein immer noch lesenswertes Buch ist heute ein Hinweis auf die Gestaltbarkeit der Dinge. Früher nannte man das Fortschritt.

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