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TV-Kritik: „hart aber fair“ : Die Selbstgefälligkeit des Umwelt-Weltmeisters

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Hier machte Jaenicke einen guten Punkt als er unsere Selbstgefälligkeit als Umwelt-Weltmeister in Frage stellte. Leider nur an den falschen Punkten. Die von ihm erwähnte Plastiksteuer gibt es seit Jahrzehnten, wie Lösch deutlich machte. Sie wird von den Verbrauchern bei jedem Kauf von Verpackungsmaterial mit dem berühmten „Grünen Punkt“ entrichtet. Ansonsten war Jan Fleischhauer die Rolle des bösen Buben in dieser Runde zugedacht. Die erfüllte der Spiegel-Kolumnist zur vollsten Zufriedenheit, wenn man ihm ein Arbeitszeugnis ausstellen wollte. Seine Beschreibung des ökologisch drapierten Lifestyles in Teilen unserer Mittel- und Oberschicht hatte angemessen komödiantische Züge. Allerdings war ein Einwand einer Umweltredakteurin der taz nicht von der Hand zu weisen. Heike Holdinghausen hatte ihre Zweifel an der Relevanz der anekdotischen Berichte Fleischhauers. Dafür wusste sie mit einer Einordnung der Tempolimit-Debatte zu überraschen. Sie nannte es „irre, jetzt darüber zu diskutieren.“ Schließlich stehe das Land vor einer grundlegenden Verkehrswende: „Da gibt es Wichtigeres als das Tempolimit.“ Dessen faktische Sinnlosigkeit für die Erreichung von Klimazielen machte die Umweltministerin ebenfalls deutlich. Lösch hatte dafür Anlass zu einer gewissen Betrübnis: Sitzt er doch in jener Kommission, die die Einführung eines Tempolimits in einem Strategiepapier diskutierte. Das sei aber an die Medien durchgestochen worden. Von ihm offensichtlich nicht, so war Lösch zu verstehen.

Kreativität für die dauerhaft Empörten

Damit die dauerhaft Empörten in den sozialen Netzwerken wenigstens etwas zu diskutieren hatten, bemühte sich Fleischhauer um publizistische Kreativität. So seien die statistisch zu erwartenden zusätzlichen zweihundert Toten ohne ein generelles Tempolimit als Lebensrisiko hinzunehmen. Unangepasste und überhöhte Geschwindigkeit wird es leider trotz Tempolimit geben, wie der Alltag auf den Landstraßen beweist. Insofern sind solche Zahlen immer mit Vorsicht zu genießen.

Als Bo Gunnarrsson sein Buch über Japans im Jahr 1972 in Schweden veröffentlichte, gab es in Deutschland fast 21.000 Verkehrstote. Im vergangenen Jahr waren es 3.220 tödlich verunglückte Personen. Diese Risikoreduzierung passierte trotz eines sprunghaft gestiegenen Verkehrsaufkommens und mit wesentlich leistungsstärkeren Autos. Der gleiche Mechanismus der kontinuierlichen Verbesserung bewahrte auch Japan in den 1970er und 1980er Jahren vor dem befürchteten „ökologischen Harakiri.“

So machte Lösch am Ende die richtige Bemerkung. Es sei in dieser Sendung „zu viel über das Wollen und nicht über das Machen geredet worden.“ Er verband das mit der Bitte an den Kieler Schüler, in seinem Berufsleben die technischen Voraussetzungen zur Lösung unserer Probleme zu schaffen. „Emotionale Erreichbarkeit“ und ein apokalyptisches Lebensgefühl werden dafür nicht reichen, wobei beides zweifellos die Kernkompetenz einiger Umweltverbände beschreibt. Ansonsten sollten Politiker wie Svenja Schulte Schülern wie Blasel nicht einfach nach dem Munde reden. Anbiedern ist keine Argumentation. Und eine Umweltministerin kann nicht erwarten, mit VerpackG und ZSVR deren Befindlichkeit zu erreichen. Gunarrsson erwartete übrigens wegen der Luftverschmutzung die Einführung des Elektroautos in Japan schon für die 1980er Jahre. So kann man sich irren. Aber sein immer noch lesenswertes Buch ist heute ein Hinweis auf die Gestaltbarkeit der Dinge. Früher nannte man das Fortschritt.

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