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TV-Kritik: „hart aber fair“ : Die Selbstgefälligkeit des Umwelt-Weltmeisters

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Wobei es an einem Punkt interessant wurde. Plasberg versuchte die heilige Kuh der deutschen Umweltpolitik einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Die Deutschen hatten aus zu entsorgenden Müll einen Wertstoff gemacht. Das Zauberwort hieß Recycling. Der wurde damit zu einem handelbaren Gut, was etwa zum Export unserer sogenannten Wertstoffsäcke nach Asien führte. Dort findet man diese Wertstoffe schon einmal auf wilden Mülldeponien in Malaysia, worauf Plasberg hinwies.

Heilige Kuh der deutschen Umweltpolitik

Hier fanden die Zuschauer den inhaltliche Erkenntnisgewinn dieser Ausgabe von „hart aber fair“. Wir stellen alles in Frage, nur nicht unsere eigenen Annahmen. Die beruhen auf einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein zur Rettung unseres Planeten, und das mit dem einem Verpack im Marschgepäck. Frau Schulze sah im Export unseres Lebensstils unsere globale Verantwortung begründet. Sie konnte sich trotzdem nicht für eine Plastiksteuer erwärmen, die der Schauspieler und nebenberufliche Umweltdokumentarfilmer Hannes Jaenicke forderte. Er nannte etwa „die 180.000 „Coffee to go Becher“, die jede Stunde in Deutschland verbraucht werden.“ Müllvermeidung sei das nicht, womit Jaenicke recht hatte.

Es lässt sich zudem trefflich über den Nutzen schwarzer Verpackungen beim Abfüllen von Duschgels in Kombination mit Haarshampoo für eine männliche Kundschaft diskutieren. Das dort verwendete Plastik ist nicht recyclefähig, wie der Zuschauer erfuhr. Dafür wurde in einem Einspieler der Aberwitz unserer Umweltpolitik deutlich. Zumeist wird unser Plastikmüll bis heute verbrannt, etwa in Müllverbrennungsanlagen oder in Zementwerken. Das nennt sich „thermische Verwertung“ und hört sich wohl nicht nur für Plasberg, wie ein klassischer Euphemismus an. Angesichts dessen wagte selbst Holger Lösch als Vertreter des „Bundesverbandes der deutschen Industrie“ (BDI) nur einen schüchternen Versuch zur argumentativen Begründung dieser langjährigen Praxis.

So kommt niemand auf die Idee, die Sinnhaftigkeit des Plastik-Recycling im Gegensatz zu anderen Stoffgruppen überhaupt noch in Frage zu stellen. Es ist längst als moralisches Statement definiert worden, wo der wiederverwertete Joghurtbecher fast schon eine mythische Existenz führt. Dann helfen auch nicht mehr die empirischen Erfahrungen über das desaströse Scheitern dieses deutschen Systems. Dort wird zwar von Recycling geredet, aber Müll tatsächlich verbrannt und exportiert. Dabei wäre den Weltmeeren wahrscheinlich sogar besser geholfen, wenn in Asien eine funktionierende Infrastruktur der thermischen Verwertung der Müllberge existierte. Stattdessen will die Umweltministerin das deutsche Sammelsystem mit neuen Fördergeldern weltweit anpreisen, wie sie bei Plasberg mit Stolz verkündete. Wer glaubt eigentlich ernsthaft, unser dysfunktionales System guten Gewissens weiterempfehlen zu können?

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