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Harald Schmidt und Don Giovanni : Da verschlägt es einem die Sprache

  • -Aktualisiert am

Hier spielt die Musik: Harald Schmidt gibt vor der Stuttgarter Staatsoper den Pausenclown. Doch leider wollen fast nur Spinner mit ihm sprechen Bild: dpa

Im SWR-Fernsehen präsentiert Harald Schmidt einen „Don Giovanni“ an der Stuttgarter Oper. Was sommerleichte Fingerübung sein soll, geht tragikomisch schief. Der Entertainer kommt an seine Grenzen.

          Oper gilt vielen noch immer als elitäre Kunstform. Manche verschreckt der gesellschaftliche Affenzirkus, der gerade bei einigen der berühmtesten Sommerfestivals unvermeidlich zum Spektakel gehört. Anderen fehlt es an Verständnis oder Sitzfleisch für einen fünfstündigen Wagner-Koloss. Und nicht wenige können oder wollen sich die teilweise ausufernden Kartenpreise einfach nicht leisten. Gegen alle diese Einwände zog die Staatsoper Stuttgart bei der letzten Premiere ihrer laufenden Saison zu Felde: Beim neuen „Don Giovanni“, einer sommerlich leichtgewichtigen Inszenierung von Andrea Moses, die ursprünglich für das Theater Bremen entstand, wollte Stuttgarts Intendant Jossi Wieler zumindest symbolisch „alle Türen und Fenster“ seines Hauses öffnen und „Oper fürs Volk“ anbieten.

          Dazu nutzte die Staatsoper - wahrscheinlich ebenfalls eine Premiere im Kulturbereich - gleich alle Verbreitungskanäle auf einmal, die unsere multimediale Welt bereithält: Neben den 1400 zahlenden Gästen im Opernhaus erlebten mehrere tausend Besucher die Vorstellung auf einer Großbildleinwand beim „Public Viewing“ auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Außerdem war die Aufführung auf 3sat und via SWRinfo als traditionelle Live-Übertragung mitzuverfolgen. Gleichzeitig boten die Internetforen von SWR und Arte einen Live-Stream an, bei dem man zeitweise aus sechs unterschiedlichen Kamerapositionen wählen konnte. Und um noch die letzten Opern-Skeptiker für das Projekt zu begeistern, hatte das SWR-Fernsehen den offenbar gerade etwas unterbeschäftigten, weil erst demnächst beim Abosender Sky wieder auf Sendung gehenden Harald Schmidt engagiert, der im Rahmen einer Hinterbühnenreportage durch die Aufführung führen sollte.

          Ein fast schon tragikomisches Misslingen

          Das Konzept war ganz nach Schmidts Geschmack - es gab nämlich keins. Vielmehr wollte der Entertainer das tun, was er am besten kann und womit er berühmt geworden ist: quasi auf Zuruf improvisieren. Wann immer auf der Bühne nichts Entscheidendes passierte, startete er also eine eigene kleine Showeinlage. Das ging anfangs überraschend gut, auch wenn natürlich die eine oder andere Musiknummer den Kurzinterviews zum Opfer fiel, die Schmidt meist im Flüsterton auf der Seitenbühne oder in den Garderoben führte.

          Nicht zu fassen: In Stuttgart gibt sich Don Giovanni (Shigeo Ishino, Mitt) die Kugel. In Mozarts Sinne wäre das wahrscheinlich nicht gewesen

          Allerdings hatte er sich im Vorhinein schon eine Abfuhr bei den meisten beteiligten Sängern geholt, die wegen der Premierenanspannung lieber einen Bogen um sein Mikrofon machten. Stattdessen hielt sich Schmidt an die Maskenbildnerin, die über zerlaufende Schminke und die Kunst des Perückenknüpfens plaudern durfte, rückte der hochkonzentrierten Inspizientin bei ihren Einrufen zu den nächsten Auftritten (“der Letzte macht die Tür zu, bitte!“) auf den Leib und zeigte genüsslich, wie Matthias Hölle, der Sänger des eigentlich gerade von Don Giovanni erschlagenen Komturs, kaum aus dem Scheinwerferlicht herausgeschleppt, putzmunter auferstand.

          Bis zur Pause, also gut anderthalb Stunden lang, gelang Schmidt auf diese Weise ein charmanter, durchaus unterhaltsamer Einblick in die immer schon multimediale Kunstform Oper, mit köstlichen Eindrücken von dem produktiven Irrsinn, der sich da allabendlich, sonst verborgen vor den Augen der Opernbesucher, hinter den Kulissen abspielt. Dann aber läuft Schmidts Moderation unerwartet völlig aus dem Ruder, denn sein Versuch, den „Pausenclown“ zu geben und „meinem eigentlichen Gewerbe, dem Tingeltangel“, nachzugehen, misslingt auf fast schon tragikomische Weise.

          Nur noch ein paar müde Zwischenkommentare

          Ständig gerät der Improvisationskünstler an die falschen Gesprächspartner: Zwei selbstredend wasserstoffblonde Friseuranwärterinnen bestätigen alle denkbaren Klischees; drei kurzberockte Statistinnen aus der Oper erklären, das Wichtigste an so einem Abend sei ohnehin die Premierenfeier; und das Gespräch mit dem Stuttgarter Oberbürgermeister geht um ein Haar in einem Tumult der Umstehenden unter - als „Beifallspfiffe“ versucht Schmidt das Getöse mit schon sichtlich gefrorenem Lächeln zu kaschieren. Als sich dann noch ein Einheimischer in breitestem Dialekt über die Dauer der Pause und das dumme Gequatsche beschwert, verschlägt es - ein höchst ungewohnter Anblick - Schmidt die Sprache.

          Während des zweiten Akts ist dann außer ein paar müden Zwischenkommentaren nicht mehr viel von ihm zu vernehmen - was aber auch nicht weiter schade ist, da die Sänger und das Stuttgarter Opernorchester unter dem sehr inspirierten Dirigat von Antony Hermus dem Erzverführer Don Giovanni eine musikalisch mitreißende Höllenfahrt bereiten. Harald Schmidt verhilft das abschließend immerhin zu einer entwaffnenden Erkenntnis: „Oper ist eben doch am schönsten in der Oper.“

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