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Harald Schmidt : Der Late-Night-Präsident

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Da schau her: Harald Schmidt begeistert vielleicht nur eine Minderheit. Diese aber richtig Bild: obs

Harald Schmidt sendet nun dreimal die Woche an der Masse vorbei. Das schadet seiner Show nicht. Dort zeigt der Moderator sich in unbestechlicher Form.

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          Wer mit der ,Bild’ im Aufzug nach oben fährt, fährt mit ihr auch wieder nach unten“: Dass der sogenannte Döpfner-Effekt generelle Gültigkeit besitzt, wurde soeben in einem Doppelblindtest nachgewiesen. Zum einen ließ Harald Schmidt einen Zuschauer, der von dem Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner noch nie gehört hatte, mit einer „Bild“ unter dem Arm im Studioaufzug unter die Decke befördern, von wo er tatsächlich wieder herunterfuhr. Zum anderen braucht man sich nur die „Bild“-Kommentare zur Kölner Late- Night-Show anzusehen.

          Hieß es mit Blick auf die Rückkehr des feuilletonistischsten aller Fernsehtalker zu Sat.1 noch „Schmidt mal wieder in Hochform!“, so machte sich das Boulevardblatt jüngst hämisch über den „Late-Night-Dino“ her: „Miesere Quoten als Intimfeind Pocher“. Weshalb ein altes Schmidt-mit-Bart-Foto ausgegraben wurde, auf dem der eigentlich zurzeit recht frische Moderator schön abgewrackt aussieht.

          Das Unbestechliche ist das Wertvollste an ihm

          Und es stimmt ja, die Quoten pendeln zwischen fünf und acht Prozent in der werberelevanten Zielgruppe, was selbst sinnfreie Seifenopern locker übertreffen. Stark war mit fast fünfzehn Prozent eigentlich nur die Auftaktwoche im vergangenen September. Zweistellig wurde es danach allein bei starkem Vorlauf, meist Fußball. Der erste Dreisprung ging nun ebenfalls daneben: Die Donnerstagspremiere kam auf 6,7 Prozent bei den Jüngeren, und das war noch der beste Wert in dieser Woche. Dazu scheint zu passen, dass der Auftakt der gemeinsamen Tournee von Concerto Köln und Harald Schmidt, die Mozarts Singspiel „Der Schauspieldirektor“ zu Gehör bringen wollen, verschoben werden musste: mangels Nachfrage.

          Aber ist Massenkompatibilität wirklich der Maßstab? Dass deren Fehlen einen werbefinanzierten Sender stören mag, ist verständlich, doch gerade der beweist zurzeit Größe und hat Schmidt den dritten Sendeplatz in der Woche zugestanden. Der Sat.1-Chef Joachim Kosack tut sogar kund, er sehe hier nicht auf die Quote. Richtig so, denn es darf konstatiert werden: Die „Harald Schmidt Show“ gehört zum Besten, was im Fernsehen derzeit geboten wird, und das steht hier jetzt nicht (nur), weil das Feuilleton der F.A.Z. zuletzt eine recht prominente Rolle in der Sendung spielte. Es heißt auch nicht, dass es keine Durchhänger gäbe: Leider war gerade die Donnerstagspremiere nicht gerade inspirierend, so verspätet wie ein Sarrazin-Einspieler wirkte die Entdeckung von Twitter. Aber es heißt, dass Schmidt jenseits der heruntererzählten Gags zu seiner alten Form zurückgefunden hat und uns ein Okular bereitstellt, durch das wir amüsiert auf unsere hysterische Mediengesellschaft blicken können, ein inneres Außen, ein festes Fundament des Zweifels. Das Unbestechliche ist das Wertvollste an Schmidt, weil er es dorthin trägt, wo geistige Korruption die Regel ist.

          Das ist eine Seltenheit und eine Leistung

          Die Causa Wulff beispielsweise wurde nirgends sonst so scharf und zugleich so fair verwitzelt wie hier. Schmidt kommt aus der bundespräsidialen Kermit-Stimmimitation gar nicht mehr heraus, überschreitet den Rubikon inzwischen zehnmal pro Sendung. Unnachahmlich, wie er ganz ohne Kalauer die Mickrigkeit der Urlaubsschnorrerei bloßstellt: „Ich stelle mir vor, ich habe irgendwie ein Schloss auf Mallorca oder eine Villa an der Côte d’Azur und auf einmal: tüüt, tüüt, tüüüüt, halloooo. Oh, die Wulffs sind da.“ Das wolle man doch einfach nicht, „hundertfuffzig Euro hin oder her“. Aber es jagen hier einander auch „Breaking News“ wie diese: „,Bild’-Zeitung erhebt neue, dramatische Vorwürfe: Wulff übernachtete schon in seiner Jugend mehrfach umsonst bei seinen Großeltern.“

          Am brillantesten ist diese Sendung, wenn der Moderator mit dem Publikum interagiert, was man nicht Improvisation nennen mag (wie den Alphatierkampf mit Olli Dittrich), sondern eher schon Phänomenologie, ein belustigtes, aber - und das war früher einmal anders - nie abschätziges Staunen über die Kuriosität und das Majestätische des echten Lebens. Wenn er zwei Ossis „Wall Street“ neu synchronisieren lässt oder einen Troisdorfer Schüler über dessen Unterricht befragt, dann ist das erzlustig, weil Schmidt im Begleitkommentar seinen Humor mit der Wirklichkeit abgleicht, nicht diese - wie im sonst verabsolutierten Lustprinzip - dem Witz ausliefert: Es greift vielmehr das Realitätsprinzip, ein starkes Ich, kein Es. Und das ist eine Seltenheit und eine Leistung. Quote hin oder her.

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