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Harald Schmidt bei Sky : Wir seh’n was Besseres

Jetzt bei Sky Deutschland: Harald Schmidt mit seiner mittlerweile 1700. Show Bild: dapd

Vor zahlendem Publikum läuft Harald Schmidt zu alter Form auf. Witze über Lanz und Gottschalk, das Wörtchen „Nicht“, Ohrlöcher und Beschneidung und dann – ein ehrfürchtiges Finale mit der Cellistin Sol Gabetta und der Pianistin Hélène Grimaud. Fertig ist Schmidts Fuge.

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          Der Applaus ist einigermaßen frenetisch. „Harald“-Rufe. Fast wirkt der härteste unter den deutschen Fernseh-Entertainern gerührt. Könnte man denken, glaubte man es nicht besser zu wissen. Von Sat.1 zur ARD und wieder zurück und nun zum Abosender Sky ist Harald Schmidt mit seiner Truppe gezogen. Auf Jubelzeiten folgte eine Kunstpause, folgten Wanderjahre. Und immer genau dann, wenn man dachte, das war`s, kam Schmidt mit seiner Gang zurück. Als das Spiel vorbei schien, alle Trümpfe ausgespielt, hatte sein Manager Fred Kogel immer noch ein As im Ärmel. Und jetzt macht es einfach Spaß zu sehen, dass sie immer noch da sind. Schmidt kommt und geht und bleibt. In dieselben Flüsse steigt er hinab und steigt er nicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Unverwüstlich wie Rock-Opas stehen sie da und zeigen, dass es nicht auf den Sender, sondern auf die Sendung ankommt, und auf ein wenig Sendebewusstsein. Helmut Zerletts Band mit Sky-(Blinden-)Armbinde, Schmidt wie stets mit Anzug und Krawatte und seinem Faible für klassische Musik. Die soll in seiner ersten Show bei Sky noch eine besondere Rolle spielen. Denn am Ende treten zwei Musikerinnen auf, von denen die eine bei der Probe knieend spielte, und vor denen am Ende Schmidt mehr oder weniger niederkniet. Auch das ist fast wieder rührend.

          Heißer Kaffee im Schritt

          Doch zuerst gibt es in dieser, der 1700. Harald-Schmidt-Show, den Heavy-Metal-Standup des Dirty Harry. Wer ist mit dem Flugzeug gekommen? Fast alle im Saal. Natürlich. Dann wäre aber keiner da. Zumindest nicht mit der Lufthansa angekommen. Mit den streikenden Flugbegleitern zeige er sich selbstredend solidarisch, sagt Schmidt. Er habe sich selbst einen heißen Kaffee in den Schritt gegossen. Lanz und Gottschalk und „Wetten, dass ..?“ und das verunglückte Interview im „Focus“ sind einen Gag wert. Natürlich hat Lanz gesagt, dass Gottschalk mit seinem Engagement bei RTL „Wetten, dass ..?“ NICHT schaden will. Oder nicht? „Wie soll Tommy ,Wetten, dass ..?‘ noch schaden wollen, wenn er es nicht mehr moderiert?“ Historische Einordnung ist vonnöten: Die Rente ist NICHT sicher (Blüm). Ich bin NICHT ein Berliner (Kennedy). Jetzt wächst zusammen, was NICHT zusammengehört (Brandt). Niemand hat die Absicht, NICHT eine Mauer zu errichten (Ulbricht). Der Ball ist NICHT rund (Herberger). Ab 5.45 Uhr wird NICHT zurückgeschossen (das stand am Anfang). Niemand hat die Absicht, NICHT politisch unkorrekte Witze zu reißen (der Unterzeichner).

          Von Gottschalk kommt Schmidt zur Altersarmut, zu Ohrlöchern und Beschneidung, zu Heidi Klum und deren Bodyguards, zu Sendereigenwerbung für den Sky-Partnersender HBO (übersetzt ins Deutsche: Ätsch Bio) und zu Klaas Heufer-Umlauf, mit dem er Titel des Verlags durchgeht, in dem bald Bettina Wulffs Buch erscheint: „In der Hölle mach ich weiter“, „Überleben unter Opfern“, „Arschlöcher kommen immer zuerst“ wären im Angebot. Doch da ist Schmidts erster Schwung schon vorbei und es folgt – obwohl wir bei einem Bezahlsender sind – die Werbepause.

          Eine Sonate, dass es kracht

          Und danach ist Harald Schmidt dankbar, dass er für die Pianistin Hélène Grimaud die Notenblätter umschlagen darf. Die absolviert gemeinsam mit der Cellistin Sol Gabetta ein Gespräch, das Schmidt so hingebungsvoll auf Deutsch und Englisch führt, als moderiere er fürs Klassik-Radio, und hernach eine Schostakowitsch-Sonate, dass er nur so kracht.

          Er mache seine Sendung nur noch für sich selbst, hat Schmidt in Interviews zuletzt gesagt. Und wenn er das macht, macht er es am besten. Er reißt keine Bäume aus, er muss niemandem mehr beweisen, dass er es kann – wenn er will. Bei Sat.1 wollte er irgendwann nicht mehr, bei den Programmkatasterbeamten im Ersten dann auch nicht, was wohl auf Wechselseitigkeit beruhte. Schließlich wollte der gloriose Talkshow-Overkill der ARD vorbereitet sein. Dann wollte Schmidt wieder bei Sat.1, doch stierte man dort nur noch auf die Quote und die Finanzen. Dass dann ausgerechnet Brian Sullivan, der Chef des auf zahlende Kunden angewiesenen Senders Sky, auf Schmidts Aktienkurs setzte, hat was. Es zeugt von einem gewissen Anspruch und passt zu dem wunderbar hochnäsigen Werbeslogan „Ich seh‘ was Besseres“ mit Karl Lagerfeld. Hält Schmidt seine Form, hat Sullivan ein Argument mehr, um Abonnenten zu locken: Da sehen sie was Besseres.


           

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