https://www.faz.net/-gqz-9rggd

„Flucht durchs Höllental“ : Absturz an der Steilwand

  • -Aktualisiert am

Diesmal gibt er den „Dirty Harry“: Hans Sigel in „Flucht durchs Höllental“. Bild: ZDF und BERND SCHULLER

Hans Sigl praktiziert fürs ZDF üblicherweise als „Der Bergdoktor“. Nun ist er als Anwalt in einem Mafia-Prozess auf der „Flucht durchs Höllental“. Das bekommt ihm nicht wirklich gut. Denn dieser Thriller ist ein schlechter Witz.

          3 Min.

          München, später Freitagnachmittag. Staranwalt Klaus Burg (Hans Sigl) plant sein Wochenende. Vielmehr hat er es vergessen. Quality Time mit der vernachlässigten Tochter Alina (Leonie Wesselow), die nach dem Krebstod der Mutter vor fünf Jahren immer noch rebelliert, mit Drogen erwischt wurde, und nun im „Luxusknast“ respektive Internat unter Zuhilfenahme nennenswerter pekuniärer Mittel das Abitur schaffen soll, das war die Absicht.

          Vernachlässigung des Kindes ist die harsche Realität, da Burg lieber in aufsehenerregenden Prozessen Mafiosi zur Strecke bringt. Zur Zeit ist sein Mandant Georg Wendt (Christian Redl), ein Polizist, der mit der Schwägerin des Chefschurken Enzo Battista (Tonio Arango), eine Liebelei unterhält. Nach konspirativem Treffen im öffentlichen Dampfbad schlottern dem Kronzeugen die Knie. Noch das Wochenende, dann geht es vor Gericht. Hochspannung.

          Was liegt also näher, als mit renitenter Tochter per Strafverteidiger-Maserati ins Fünf-Sterne-Hotel zu fahren und sich endlich einmal von Vater zu Kind in Ruhe auszusprechen? Mandant Wendt hat, sonst würde die kommende Hatz logistisch nicht funktionieren, einen superheißen Wellness-Tipp im Allgäu. Einen Anruf später hat die superloyale Kanzleikraft ohne eigenes Privatleben Erika Erlacher (Johanna Gastdorf) alle Anwendungen gebucht. Langsam müsste nun einmal Tempo angezogen werden im Fernsehthriller „Flucht durchs Höllental“ von Marcus O. Rosenmüller und Peter Joachim Krause (Kamera).

          Vor allem müssten Burg, sein Mandant und alle anderen schnurstracks in die Berge, um den „Dr. Kimble auf der Flucht“-Gedächtniseffekt zur erzielen. Wendt flieht, nachdem seine Freundin an der Ampel per Kopfschuss ermordet wurde. Burg flieht, nachdem seine Tochter verschwindet und in seiner Allgäu-Hotelsuite eine Riesenblutlache entdeckt wird. Auftritt LKA mit zwei Beamten, Barbara Leyendecker (Karen Böhne) und Arndt Schubert (Max von Pufendorf). Sie is eine Zweiflerin und Trinkerin, weil exakt vor Jahresfrist der Polizeieinsatz bei einer Geiselnahme unter ihrer Verantwortung schlecht ausging. Er ist Stichwortgeber und Mittelsmann zum SEK, das mit einer gefühlten Hundertschaft, einem Saboteur und einem Hubschrauber ausrückt. Nun ist Wendts Tochter Maja (Marleen Lohse), dran, die schwermütig zurückgezogen im Bergdorf wohnt, seit ihr, der erfahrenen Bergführerin, an der Steilwand ein Klettergast abstürzte. Nun aber los mit all dem Zusatzpersonal mit steinherzbeschwerten Problemrucksäcken. Wenn sich jetzt noch Verfolgungsjagd-Gefühl einstellen soll, wird es nach Sachlage des Drehbuchs auch von Marcus O. Rosenmüller allerhöchste Gipfelbahn.

          Klaus Burg immerhin ist schon unterwegs zum Geröllfeld, weil man ihn – so dumm können nur professionelle Ermittler sein – als vermeintlichen Mörder seiner Tochter sucht. Die aber sieht man derweil mitnichten tot, sondern Geiselnehmer auf Trab halten, denn diese haben zufällig einen Doktor mit passenden Bluttransfusionen zur Hand. Was Burg aber nicht weiß und somit von Battista auf Überlebenstour durch die Schönheiten deutschen Hochgebirges geschickt werden kann, um den verschwundenen Wendt und ein wichtiges Beweisstück aufzustöbern. Es kommen dem eher untrainierten Juristen allerhand Dinge zupass. Ein Mountainbike steht am Fichtenstumpf parat; der Ast, den er sich beim Sturz in den Oberschenkel rammt; lässt sich mit sattem Plopp herausziehen und die Wunde stört auch nicht weiter beim Erklimmen einer Steilwand, zumal die patente Wendt-Tochter hilft, die praktischerweise Kletterhelme, Schmerztabletten und Stahlfräse mit sich führt. Der Rest bis zum Finale in einer katholischen Kirche ist ebenso lachhaft wie alles andere.

          Kopfzerbrechen wird das niemandem der Beteiligten bereiten, denn eine ausgezeichnete Quote dürfte bei „Flucht durchs Höllental“ garantiert sein. Hans Sigl ist nicht irgendwer, sondern als „Bergdoktor“ mit dreizehn Staffeln und mehr als hundert Folgen (früher auch in der „SoKo Kitzbühel“ angestellt) einer der Sympathieträger des ZDF-Programms. Dass es sich hier um ein „Experiment“ handele, da man den „Bergdoktor“ in einen „Überlebenskampf“ schicke, in dem er „physisch und mental an seine Grenzen“ gehe und außerdem das „emotionale Dilemma“ ergreifend sei, ist übliche Übertreibungsprosa. Selten hat man sich bei einem „Thriller“ so gelangweilt, selten so viel unfreiwillig Komisches gefunden. Hardcore-„Bergdoktor“-Fans werden den „Rollenwechsel“ vielleicht bewundern.

          Flucht durchs Höllental, am heutigen Montag, 23. September, um 20.15 Uhr im ZDF.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Demokratin Nancy Pelosi gerät im Weißen Haus mit Präsident Donald Trump aneinander.

          Trump gegen Pelosi : Da oben ist was nicht in Ordnung

          Syrien, Ukraine – und die eigene Partei: Donald Trump kämpft an mehreren Fronten. Das geht an die Substanz des amerikanischen Präsidenten. Das zeigt auch der heftige Streit mit Nancy Pelosi. Unterdessen verschärft sich die Konfrontation mit dem Kongress.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.