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Hannelore Hoger wird achtzig : Der Eigensinn steht ihr ausgezeichnet

  • -Aktualisiert am

Macht stets eine besondere Figur: Hannelore Hoger Bild: picture-alliance/ dpa

Sie schenkt dem Publikum nicht nur „Bella Block“, doch allein schon diese Rolle bezeugt ihr Können: der Schauspielerin Hannelore Hoger zum Achtzigsten.

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          Wenn aus einem einmaligen Gastspiel achtunddreißig Folgen bester Fernseh­fiktion werden, dann müssen die Beteiligten wohl vieles richtig gemacht haben. Als „Bella Block – Die Kommissarin“ nach einem Kriminalroman von Doris Gercke 1993 zuerst bei Arte läuft, zeigt Max Färberböck eine Ermittlerin ganz neuen Typs. Bella Block ist nicht übermäßig jung, setzt nicht in erster Linie auf Attraktivität und strotzt nicht vor Selbstbewusstsein. Die Rolle ist auf Hannelore Hoger zugeschrieben. Ihre Filmfigur ist sperrig, witzig, unbestechlich und illusionsfrei. Eine trink- und feierfeste Polizistin, die sich zum Auftakt gleich wieder verabschiedet.

          Nicht, weil in den ersten Filmminuten der Jubelredner zu ihrem 25. Dienstjubiläum sie wenig schmeichelhaft als „Terrier“ bezeichnet oder der Kollege (Axel Prahl) mit sexistischem Witzchen die Lacher auf seine Seite zieht. Da steht sie drüber, mit ihren damals schon 480 Überstunden und ihrer makellosen Aufklärungsbilanz, und wehrt jegliches „Mansplaining“ ab, noch bevor der Begriff Karriere macht. Dass sie aber in den Ferien einen durch die Verkettung korrupter Umstände wütend gewordenen Bauern in Notwehr erschießen muss, das nimmt sie persönlich. Bella Block ermittelt, nimmt sich behutsam des Opfers einer Riesensauerei auf dem Dorfe an und gibt bei ihrem Kollegen den Dienstausweis ab. Bevor sie mit ihrem VW-Käfer Cabrio in den Sonnenuntergang fährt. Ende. Zum Glück für das Publikum ist das Ende ein Anfang – der Anfang von fünfundzwanzig Jahren Hannelore Hoger als „Bella Block“.

          In ihrem letzten Fall „Am Abgrund“ muss sie abermals in Notwehr einen Menschen erschießen. Man hat versucht, sie in der Badewanne zu ermorden und sie als vermeintliches Suizidopfer in die Psychia­trie zwangseingewiesen. Für die Kommissarin, deren wichtigste Waffe oft die Ironie ist, ein Showdown ihrer Rebellion. Ihr Verstand scheint verwirrt, ihr Selbst verschwunden, nur Schwäche bleibt. Auch daraus macht Hannelore Hoger ein schauspielerisches Bravourstück. Dass das weibliche Selbstbewusstsein in der männerdominierten Polizei- und Halunkenwelt gleichermaßen persönlicher und gesellschaftlicher Widerstand ist und dass es sinnvoller für das gemeinschaftliche Zusammenleben ist, die Opfer in den Blick zu nehmen statt die Täter, das hatte bei Hoger stets Premiere. Und dass Gespür, Urteilskraft und Eigensinn Menschen interessant macht, nicht geschmeidige Anpassungsfähigkeit.

          Es wäre allerdings grob ungerecht, über Hannelore Hogers Bella Block ihre vielen anderen bemerkenswerten Arbeiten zu übersehen. Was am Theater begann, ist beim Fernsehen lange nicht zu Ende. Am 20. August 1941 in Hamburg geboren, machte sie erste Bühnenerfahrungen beim Ohnsorg Theater, an dem ihr Vater Schauspieler und Inspizient war. Nach ihrer Bühnenausbildung spielte sie an großen Häusern mit Theatermachern wie Peter Zadek und inszenierte selbst. Für Alexander Kluge, der auch ihr Lebensgefährte war, arbeitete sie wie für Volker Schlöndorff, Helmut Dietl, Edgar Reitz, spielte mit Götz George („Die Katze“) oder für Rainer Kaufmann. „Nichts für Feiglinge“ mit Frederick Lau machte Hoger mit großer Verletzlichkeit und beeindruckender Würde zu einem der besten Fernsehfilme über Demenz. In „Frau Roggenschaubs Reise“ verabschiedet sie sich auf der Suche nach einer besonderen E-Gitarre en passant von Vorurteilen und Einsamkeit. Dass auch ihre Stimme von wirkungsvoller Eigenart ist, lässt sich in zahlreichen Hörspielen und Märcheneinlesungen erfahren. Anfang Oktober schenkt ihr das ZDF mit „Zurück ans Meer“ zusammen mit Tochter Nina Hoger einen neuen Ermittlungsfall.

          Durch Hannelore Hoger sieht man, dass eine Grande Dame der Schauspielkunst auch tiefstapelnd faszinierende Aura hat. Im Jahr 2019, als Hannelore Elsner ihren Film „Lang lebe die Königin“ nicht mehr fertigstellen konnte, sprang Hoger mit Judy Winter, Eva Mattes, Gisela Schneeberger und Iris Berben in den fehlenden Szenen ein. Jede hatte ihren signifikanten Auftritt, keine bemühte sich, Elsner ähnlich zu sein, man konnte Stil bei jeder Einzelnen studieren. Für solche Hommage braucht es Charakter und Größe. Hannelore Hoger hat beides. Heute wird sie achtzig Jahre alt.

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