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Hanna Schygulla : Ich habe Godard zum Weinen gebracht

  • Aktualisiert am

In Fatih Akins „Auf der anderen Seite“ ist sie wieder auf der Leinwand zu sehen. Im Interview spricht Hanna Schygulla über Fassbinders Schweigen bis zu seinem Tod, Filmemacher, die sie nicht lachen lassen, Furcht vor Hässlichkeit im Alter und die eigene Totenmaske.

          10 Min.

          Wenn Hanna Schygulla spricht, möchte man die Augen schließen, so betörend ist ihre den Sprachfluss in eine angenehm einschläfernde Melodie verwandelnde Stimme. Sie ist nach langen Jahren der Abwesenheit in das deutsche Kino zurückgekehrt, und sie ist auch in den Nebenrollen, die sie da spielt, noch immer der Star, zu dem sie Rainer Werner Fassbinder, der Frühverstorbene, machte.

          Nun hat sie in Fatih Akins Film „Auf der anderen Seite“ schon fast eine tragende Rolle. Aber genug ist ihr das nicht. „Absolut nicht“, sagt sie. In dem Film „Die Tartarenprinzessin“, den sie demnächst in Sankt Petersburg dreht, spielt sie die russische Nationaldichterin Anna Achmatowa. Nächstes Frühjahr tritt sie im Pariser Théâtre des Bouffes du Nord in einer One-Woman-Show ihres Ex-Geliebten Jean-Claude Carrière als Sängerin auf. Zum Interview im Restaurant eines Kölner Hotels erscheint sie in bunte Stoffe gehüllt, redefreudig und neugierig zugleich. Denn sie hat sich auf dieses Gespräch vorbereitet. Sie will den Interviewer, den sie als einen Spezialisten für das Abgründige kennt, zur Lebensfreude bekehren. Sie will dabei milde bleiben.

          Doch dann, nach Weißwein und mehreren Cognacs, verliert sie, entnervt durch die Unbelehrbarkeit des sie Befragenden, die Contenance. Ihr berühmtes Phlegma, das sie Gleichmut nennt, bricht für Momente auf, und eine heitere Variante des Zorns blitzt hervor. „Sind Sie jetzt glücklich?“, fragt sie, nachdem sie sich wieder beruhigt hat. „Haben Sie jetzt, was Sie hören wollten?“ Der Interviewer bedankt sich. „Gut“, sagt sie und lacht, „dann können wir ja noch einmal von vorn anfangen.“

          Wenn man liest, wie über Sie geschrieben wird, kann einem schwindlig werden. Man feiert Sie als die letzte Diva, als Mythos, Muse und Ikone des deutschen Films ...

          Ja, aber wenn man mich kennenlernt, verwandle ich das innerhalb kürzester Zeit in Sympathie. Die Leute verehren mich dann, aber sie mögen mich auch. Das finde ich schön.

          Ihren Ruhm verdanken Sie den Filmen, die Sie mit Rainer Werner Fassbinder drehten.

          Das ist mein Kapital, ja, und ich finde es auch toll, dass man in mich so viel hineinprojizieren kann. Aber ich will nicht so eine abgehobene Figur sein. Denn das ist es, was so viele Stars kaputtgemacht hat. Ich habe gestern eine Dokumentation über Elvis Presley gesehen, und ich empfinde es als total krank, was da abging. So wollte ich nicht enden. Deshalb habe ich mich immer Anti-Star genannt.

          Wären Sie auch, hätte Fassbinder Sie nicht entdeckt, Schauspielerin geworden?

          Nein, wohl nicht. Ich war ja von der Schauspielschule schon weg, als er mich holte.

          Ihre Kollegin Irm Hermann, mit der er auch privat liiert war, sagt: Die Legende, er sei ein Sadist gewesen, ist wahr.

          Er konnte schon quälen. Genies sind ja immer unerträglich, mehr oder weniger. Die Tragik seines Lebens war, dass er die Hörigkeit als Liebesbeweis betrachtete, obwohl er dauernd sagte, er mache Filme gegen die Abhängigkeit. Ich meine, es ist doch sehr unerlöst, wenn man dafür kämpft, dass der Mensch nicht mehr getreten wird, und dabei selbst treten muss.

          Sie haben sich ihm nicht unterworfen.

          Doch, schon. Ich liebe die Überwältigung, wenn ich fühle, dass etwas größer ist als ich. Aber ich muss auch spüren, dass in mir all die Naturkräfte blühen, die ich zum Leben brauche.

          Sie haben sich gewehrt.

          Ja, aber dafür hat er mich dann bestraft.

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