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Handyfoto : Warum fotografiere ich das?

Dank CMOS-Sensor erinnern nächtliche Szenen an Fotoklassiker Bild: F.A.S.

Die Krawatte sitzt nicht richtig und man bräuchte einen Spiegel, das Urlaubszimmer ist eine Zumutung und Mitleid wäre jetzt nicht schlecht, man entdeckt etwas und will es einfach festhalten. In Fällen wie diesen hilft das Fotohandy.

          Vor ein paar Tagen sah ich in einem Restaurant einen Mann, der auf jemanden wartete. Seine Krawatte saß, weil zu hektisch geknotet, schief im Hemdkragen. Der Mann zerrte nervös daran, sie verrutschte noch mehr; er nahm sein Mobiltelefon, hielt es mit dem Display von sich weg, es gab ein schmatzendes Geräusch, dann drehte er das Gerät um und starrte erst auf das Display, rückte dann die Krawatte zurecht und strich sich ein paar Strähnen aus der Stirn. Ich brauchte etwas, bis ich es begriff: der Mensch hatte sich selbst mit seinem Fotohandy fotografiert, um den Sitz von Schlips und Haar zu kontrollieren. Er hatte es als digitalen Spiegel benutzt. Er hatte den peinlichen, auffälligen und wegen der Krümmung sinnlosen Blick in den Dessertlöffel ersetzt durch eine neue Technik der Selbstkontrolle.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Fotohandys werden immer populärer. In einer Umfrage gibt ein Fünftel aller Kunden an, ein Mobiltelefon ohne MMS-Funktion käme für sie nicht in Frage - was erstaunlich ist, denn noch vor kurzer Zeit wurde die Existenz von Fotohandys vor allem als Problem beklagt: Schüler hatten Bilder der Opfer von Prügeleien wie Trophäen herumgeschickt, die Allgegenwart von „Bild“-Leserreportern mit Handykameras traumatisierte Liebespaare, die auf Geheimhaltung Wert legen, derart, dass sie sich nicht mehr öffentlich küssten, aus Angst, dass erst ein Leserreporter und dann ein „Bild“-Redakteur sie mit irgendeinem Halbprominenten verwechselt und ihren Kuss groß in die Zeitung druckt.

          Ein seltsamer Hybride

          Technikgeschichte wird traditionell als Bedrohungsgeschichte erzählt, Neuerungen meist erst im Rahmen einer Pathologie beschrieben; kaum war das Auto erfunden, veröffentlichte der preußische Medizinalrat Doktor Nacke eine besorgte Abhandlung über den „Geisteszustand des Autofahrers“, beim Walkman wurden dramatische Ertaubungsraten vorhergesagt - und als die schon 1993 entwickelte Picturephone-Technologie mit dem Fotohandy J-SH04 von Sharp und dem Nokia 7650 auf den deutschen Markt kam, wurden die allerdüstersten Orwell-Szenarien entworfen. Aber es kam anders. Das Fotohandy läutet eine neue Bildkultur ein. „Obwohl selbst keine Kunstform, hat die Fotografie die eigentümliche Fähigkeit, all ihre Gegenstände in Kunstwerke zu verwandeln“, schrieb Susan Sontag 1977 - beim Handyfoto ist es erst einmal umgekehrt: Es etabliert Fotografie wieder als reines Werkzeug.

          Wer ist der Mann in der Mitte? Das Fotohandy als Gedächtnisstütze

          Ein Bekannter schickt vom Kunst-Diner von Christiane Prinzessin zu Salm eine MMS mit der Frage, wer der weißhaarige Mann zwischen den Galeristen links und rechts sei, es sei wichtig, der Mann schaue, als müsse man ihn erkennen (es war Bazon Brock). Beim Bäcker unschlüssig, ob der Kuchen links oder der rechts besser schmeckt? Einfach ein Handyfoto nach Hause schicken.

          Das Fotohandy ist ein seltsamer Hybride, der, folgt man der Theorie der Killerapplikation, bald andere Dinge zum Verschwinden bringen wird - zum Beispiel das Fotoalbum und die ins Portemonnaie gestopften, irgendwann liebevoll zerknickten und abgewetzten Familienfotos. Die größte Bedrohung stellt es allerdings für die klassische Postkarte dar.

          Unmittelbare Gegenwart

          Ein Freund, der in München wohnt, schickte vor kurzem gegen drei Uhr morgens ein Handyfoto, das seine eigenen Füße im Abendlicht zeigte, dahinter eine in der Mitte abgeschnittene Frau, das Meer. Darunter stand: „Los Angeles. 22 Grad. Herrlich.“ Im Prinzip folgt der Text dem, was auf der Rückseite lieblos geschriebener Postkarten zu finden war, die sich ja ihrerseits zum von fernen Orten geschriebenen Brief verhielten wie Handyfotos zu Postkarten: Sie waren Abkürzungen, das Foto zeigte alles, was sonst hätte umständlich beschrieben oder aquarelliert werden müssen. Die Postkarte war die Antwort des industrialisierten Zeitalters auf den Brief aus der Ferne, das Motiv war standardisiert und serienproduziert; das Handyfoto ist Teil einer postindustriellen, individualisierten Bildkultur.

          Während es keine Postkarten gibt, die die absurde Hässlichkeit eines Ortes zeigen, gibt es im Kosmos des Handyfotos auch die Jammerbotschaft, Aufnahmen trostloser Hotelbetten, gesendet, um seinen Ärger über das Reiseziel zu bannen oder einen tröstenden Rückruf einzufordern. Während bei der klassischen Amateurfotografie eines der Hauptanliegen war, etwas für die Nachwelt, den Dia-Abend, den Sonntag mit dem Fotoalbum auf den Knien zu dokumentieren, den Moment zu musealisieren, will das Handyfoto das Gegenteil: unmittelbare Zeugenschaft, Anteilnahme im Moment des Geschehens. Alle Freunde sollen jetzt mit in Los Angeles sein - darin will das Handyfoto das Gleiche wie die Einträge auf Facebook (siehe auch Selbstversuch I: Das Facebook ).

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