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„Hammerstein“ im Radio : Obacht vor den fleißigen Dummen

  • -Aktualisiert am

Eloge auf den Eigensinn: Hans Magnus Enzensbergers „Hammerstein” im Radio Bild: picture-alliance/ dpa

Hans Magnus Enzensbergers „Hammerstein“ liegt als Hörfassung des Buches als absolut überzeugende Gemeinschaftsproduktion von Radio Bremen und dem SWR vor. Die Sendung, die sich Zeit nimmt, erfordert zwar Konzentration, die sich aber mehr als lohnt.

          Im Postscriptum zu der in dieser Zeitung vorabgedruckten, kunstvoll historiographische und poetische Verfahren verschleifenden Lebens-, Familien- und Zeitgeschichte „Hammerstein oder Der Eigensinn“ hat sich Hans Magnus Enzensberger unter anderen bei dem Historiker Reinhard Müller bedankt, dem auch eine wichtige Rolle bei einer möglichen Verfilmung des Stoffes zukommen würde. Zu einer Verfilmung ist es noch nicht gekommen, wohl aber liegt nun eine mit hochkarätigen Sprechern besetzte zweihundertdreißigminütige Hörfassung des Buches vor, eine absolut überzeugende Gemeinschaftsproduktion von Radio Bremen und dem SWR.

          Von heute an wird das exemplarische Geschichts-Hördrama über den General und Chef der Heeresleitung der Deutschen Reichswehr, Kurt von Hammerstein-Equord, in drei Teilen auf Radio Bremen ausgestrahlt, parallel dazu in zwei Teilen im SWR. Man sollte sich nichts vormachen: Diese Sendung, die sich Zeit nimmt, erfordert Konzentration, die einzusetzen sich aber mehr als lohnt. Als Einführung in die jüngere Geschichte Deutschlands eignet sich das „Hammerstein“-Hörspiel nicht zuletzt deshalb, weil hier auch der sprachlich-künstlerischen Ebene ihr Recht zukommt: Wie sehr hebt sich das Projekt damit von Guido Knopps Geschichts-Fastfood ab.

          Eloge auf den Eigensinn

          Enzensberger selbst hat in seiner Nachschrift die beste Erklärung dafür gegeben, warum er die Aufbereitung und Ausbreitung gerade dieses Stoffes für schlichtweg „notwendig“ hielt: „weil sich an Hand der Geschichte der Familie Hammerstein auf kleinstem Raum alle entscheidenden Motive und Widersprüche des deutschen Ernstfalls wiederfinden und darstellen lassen: von Hitlers Griff nach der totalen Macht bis zum deutschen Taumel zwischen Ost und West, vom Untergang der Weimarer Republik bis zum Scheitern des Widerstandes und von der Anziehungskraft der kommunistischen Utopie bis zum Ende des Kalten Krieges“.

          Enzensbergers Werk ist eine Eloge auf den sich aller Vereinnahmung widersetzenden Eigensinn des wortkargen, aber brillanten Strategen. Und tatsächlich vermag es dem Hörer zu schwindeln, wenn er vernimmt, in welchen geschichtsträchtigen Momenten Freiherr von Hammerstein zugegen war, nur um ein Weniges davon entfernt, zur großen Rettergestalt aufzusteigen. Im Januar 1933 soll er, so will es die Legende, Hindenburg vor einer Ernennung Hitlers zum Minister oder gar Kanzler gewarnt haben. Als Hindenburg Hitler an die Macht gebracht hatte, soll Hammerstein mit dem Gedanken gespielt haben, seine Reichswehr aufmarschieren und den Ausnahmezustand ausrufen zu lassen. Aber um dieses Wenige blieb er eben doch von der weltgeschichtlichen Bedeutung entfernt: Im entscheidenden Moment ergriff er die Initiative nicht. Nicht nur sein Freund Kurt von Schleicher hielt Hammerstein wohl von diesen Plänen ab, auch sein eher stiller Charakter.

          „Es gibt kluge, fleißige, dumme und faule Offiziere“

          Bevor der Chef der Heeresleitung im Januar 1934 seinen Abschied von der Reichswehr nahm und fortan in enger Fühlung mit dem Widerstand blieb, hatte er eine mustergültige Karriere absolviert, ohne Eigenmächtigkeit einzubüßen. In den Zwanzigern hatte er im Geheimen deutsch-sowjetische Rüstungsprojekte vorangetrieben. Hammersteins Respekt vor der Roten Armee war groß. In Deutschland nannte man ihn den „roten General“. Mit seinem Schwiegervater, General Walther von Lüttwitz, hatte er 1919 gebrochen, als dieser den Kapp-Putsch anzettelte.

          Wohl das wichtigste Grundthema, über das Enzensberger gekonnt improvisiert, ist jedoch der Inaktivismus selbst. Hammerstein, der als so faul wie klug galt, hatte demnach eine passable Ausrede parat, die er in eine Soldatencharakteristik kleidete: „Ich unterscheide vier Arten. Es gibt kluge, fleißige, dumme und faule Offiziere. Meist treffen zwei Eigenschaften zusammen. Die einen sind klug und fleißig, die müssen in den Generalstab. Die nächsten sind dumm und faul; sie machen in jeder Armee neunzig Prozent aus und sind für Routineaufgaben geeignet. Wer klug ist und gleichzeitig faul, qualifiziert sich für die höchsten Führungsaufgaben, denn er bringt die geistige Klarheit und die Nervenstärke für schwere Entscheidungen mit. Hüten muss man sich vor dem, der dumm und fleißig ist; dem darf man keine Verantwortung übertragen, denn er wird immer nur Unheil anrichten.“

          Privat lebte Hammerstein bescheiden, litt oft Geldnot. Seinen sieben Kindern brachte er größtes Vertrauen entgegen, auch als die meisten von ihnen mit den Kommunisten sympathisierten. All das erfahren wir aus Quellen, die Enzensberger zum Sprechen bringt, aber auch aus imaginierten „postumen Dialogen“. Der Radiofassung, die es vom 15. August an als Hörbuch gibt, kommt entgegen, dass Enzensberger eine anekdotisch unterfütterte, oft dialogische Darstellung wählt: Die mitunter kleinteiligen „Ploetz“-Abschnitte werden aufgefangen durch Gespräche, die um politische oder private Themen kreisen. Hans-Michael Rehberg ist mit seiner ruhigen, souveränen Stimme ein sehr glaubwürdiger Kurt von Hammerstein. Dem Autor verleiht Friedhelm Ptok seine Stimme, bevor Enzensberger selbst seinen Auftritt hat - bei der Danksagung. Eine Spur zu betulich wirkt allein die zwischengeschaltete Geigenmusik.

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