https://www.faz.net/-gqz-8ogjf

„Tatort“ aus Frankfurt : Wenn uns die Daten um die Ohren fliegen

  • -Aktualisiert am

Da liegt was in der Luft: Paul Brix (Wolfram Koch) wird von verirrten Tauben umschwärmt. Bild: HR/Degeto/Bettina Müller

Hammer und Wende: Der neue „Tatort“ des Hessischen Rundfunks beschenkt uns mit frischer, urkomischer Fernsehkunst. Ein Volltreffer.

          3 Min.

          Man dachte, das können nur die Briten: ein Feuerwerk des skurrilen Humors abbrennen, ohne zu blinzeln, und aus solcher Schelmenperspektive auch noch Tableaus erschaffen, die Maßstäbe setzen. Aber nein, der neuste „Tatort“ des Hessischen Rundfunks in der Szene für Szene erfrischenden Regie von Markus Imboden nach einem herrlich überdrehten, die inzwischen inflationären Big-Data-Dystopien aufs Korn nehmenden Drehbuch von Stephan Brüggenthies und Andrea Heller hält da locker mit. Bereits in den ersten drei Fällen haben Margarita Broich und Wolfram Koch alias Hauptkommissare Anna Janneke und Paul Brix bravourös vorgeführt, wie sich der alten Tante „Tatort“ frisches Leben einhauchen lässt, ohne die in die Jahre gekommenen Marotten der Reihe über Bord zu werfen. Das Geheimnis ist das lässige Unterlaufen aller „Tatort“-Klischees, ohne deshalb - wie die flapsigen Kollegen aus Münster oder Weimar - Parodien abzuliefern. Man spielt vielmehr die Absurditäten mit großer Ernsthaftigkeit aus, was zu viel Situationskomik führt. Tragik und Grausamkeit aber dürfen mit ganzer Härte zuschlagen.

          Mit der aktuellen Episode erreicht der Frankfurter „Tatort“ zweifellos einen neuen Höhepunkt. Daran hat wieder die starke Bildsprache ihren Anteil. Martin Langers Kamera verfolgt, ja inszeniert die Handlung aus den ungewöhnlichsten Perspektiven, die aber immer begründet sind. Kunstvoll ist schon der Beginn: Nachdem aus unscharfem Grün Grashalme geworden sind, stellt sich heraus, dass wir, schleichend wie ein Eindringling, den Blickwinkel einer Schildkröte einnehmen. Kaum stehen wir vor zwei Schuhen, wechselt die Perspektive hin und her, Auge um Auge, eines davon offenbar bionisch hochgerüstet - bis der rechte Fuß sich hebt. In der nächsten Einstellung entsorgt der hiermit als Psychopath eingeführte Nils Engels (Jan Krauter, fabelhaft) ebendiese Schuhe zu Arienklängen vor seinem zur gefängnisartigen Festung umgebauten, mit Überwachungstechnik vollgestopften Einfamilienhaus in der Mülltonne. Die Schiebetür reagiert smart auf einen Fingerzeig, Nachbarn starren herüber. Eine von ihnen (Cornelia Froboess) wird die Atmosphäre, „das ekelhafte Grauen“, hernach mit hilfe ihrer elektrischen Schreibmaschine festzuhalten versuchen. Diese Eingangssequenz, die wir zuletzt aus der Perspektive einer Eule wahrnahmen - den Tieren entkommt man in diesem Film nicht; sie sind das andere der ominösen Technik -, ist ein Versprechen. Nämlich auf Irritation, Intensität und einen eigentümlichen „Look“. Es wird eingelöst werden.

          ©ARD
          Der „Tatort: Wendehammer“ läuft am 18.12. im Ersten.

          Hinzu kommt der köstliche Humor. Schon das burleske, wortlose Ballett, das Janneke, Brix und ihr Vorgesetzter Henning Riefenstahl (Roeland Wiesnekker) bald darauf in ihrem abstrus nostalgischen Großraumbüro zur eigentlich doch so abgenudelten und anfänglich tatsächlich leiernden R.E.M.-Verzweiflungshymne „Losing My Religion“ aufführen, ist ganz große Oper. So stilvoll dürfte Leerlauf im „Tatort“ noch nie choreographiert worden sein. Dann aber meldet die erwähnte Nachbarin, als Schundliteratin die Personifikation gruseliger Krimiplots, das Verschwinden eines weiteren Nachbarn. Er wurde ihrer festen Meinung nach ermordet, und zwar von Nils Engels („ein wirklich böser Mensch“), der vor wenigen Jahren aus dem Reich des Teufels, dem Silicon Valley, nach Hessen zurückgekehrt ist - ein Hochbegabter mit Macke also, wie es sich für diese Sorte Thriller gehört.

          Dass ein Verschwundener noch kein Toter ist, wissen auch die Kommissare, ermitteln aber trotzdem fidel vor sich hin, wobei sie es noch mit einer auf Wagner abonnierten Operndiva (Susanne Schäfer) zu tun bekommen, die ständig überdeutliche Fingerzeige von sich gibt: „Ich singe die Brünnhilde.“ Außerdem tun sich in Nil’s Vergangenheit einige Ungereimtheiten auf. So stolpern Brix und Janneke immer tiefer in dieses Gestrüpp von Handlung hinein, in einen mit Laubbläsern ausgefochtenen Nachbarschaftskrieg, der sich irgendwann als Weltkrieg um Algorithmen entpuppt. Letzteres wird so erfreulich konsequent durchgespielt, dass „Mr. Robot“ nicht mehr weit scheint. Dass Logik oder Wahrscheinlichkeit nicht immer ganz mitkommen, macht gar nichts.

          Sonderlich ernst ist das alles nicht gemeint, sondern mokiert sich eher über den selbst zum Abziehbild gewordenen Alarmismus eines Dave Eggers. Dazu gehören wie mit dem Laubbläser durch die Dialoge gejagte Thesenhülsen: „Daten sind das neue Öl“, „Mensch und Algorithmus werden äquivalent“, „Wir werden alle gesteuert“. Auch die New-Age-Spiritualität der Digitalrevoluzzer spießt der Film auf, löscht sie aber mit Taunusstiefelfeuchte ab. Der nicht ganz geschlossene Pinselkreis auf einer Postkarte, der „Leerheit und Vollendung“ bedeutet, führt die Ermittler in ein Zen-Kloster um die Ecke, das sich erkennbar im ehemaligen Kloster Arnsberg eingenistet hat (Nirwanisierung des Abendlands). Was vom „Circle“ übrig blieb, ist aber mehr als ein Jokus, nämlich ein grandios gespielter und in zwei ausdrucksstarken Szenen sogar getanzter Pseudokrimi auf der Höhe der Kunst, für den Margarita Broich zu Recht den Hessischen Fernsehpreis als „Beste Schauspielerin“ erhalten hat. Auch Wolfram Koch war als „Bester Schauspieler“ nominiert, ging aber leider leer aus. Vollendet ist der Film trotzdem.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          EU-Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen, Präsident Joe Biden und der Präsident des Europäischen Rates, Charles Michel, am Dienstag in Brüssel

          EU-Spitze trifft Biden : Die langen Schatten der Ära Trump

          Das erste Treffen der EU-Spitze mit Präsident Biden hat gezeigt, dass mit dem neuen Mann im Weißen Haus nicht auf einen Schlag alles besser wird. Es gab Fortschritte, aber nicht alle Konflikte wurden gelöst.
          Wolfgang Schäuble am 20. Juni 1991 während seiner Rede im Bonner Bundestag

          Schäuble im F.A.Z.-Interview : „Als ich sprach, spürte ich: Du hast den Saal“

          Wolfgang Schäuble hat bei der Entscheidung, Parlaments- und Regierungssitz nach Berlin zu verlegen, vielleicht die entscheidende Rolle gespielt. Im Interview spricht der Bundestagspräsident über seine historische Rede vor 30 Jahren, die Bedeutung seines Rollstuhls dabei – und das Charisma von Angela Merkel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.